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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Ich ruhte in Frieden

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Ich ruhte in Frieden
© Illustration Dieter Braun/stern
Wer von seiner Frau für tot gehalten wird und es gar nicht ist, hat einerseits Glück – und andererseits Anlass zu allerlei Gedanken.
Von Micky Beisenherz

Heute Morgen war ich verstorben. Zumindest kurzzeitig.

Das Telefon klingelte. Die Rezeption des Hotels, in dem ich schlief, rief an, um mir zu sagen, dass meine Frau dran sei. Eine ziemliche Unordnung in meinem ansonsten doch recht geregelten Leben, die mich erst mal aufs Handy blicken ließ.

9.03 Uhr. Okay, deutlich später als eigentlich geplant. In der Regel stehe ich gegen 7.45 Uhr auf. So war auch der Wecker auf dem Telefon gestellt. Ich musste ihn überhört haben.

Meine Frau war hörbar beunruhigt. Weil auf ihre SMS keine Reaktion gekommen war, hatte sie erst einmal meine Facebook- und Twitter-Profile gecheckt – weil man sich bei mir wohl darauf verlassen kann, dass ich kurz nach dem Wachwerden Deutschland über meine Befindlichkeiten informieren muss.

Aber auch dort: nix. Als wäre meine Existenz ein Flugschreiber, der kein Signal aussendet.

Nun neigt meine Frau nicht zur Hysterie, aber das Kopf­kino hatte halt nur Drama im Angebot. Und so sah sie mich bereits mit Herzstillstand im Hotelbett liegen. Oder irgendwo am Rhein. Ihre letzte Info war abends, dass ich joggen gehen wollte. Ich bin ein Workaholic, Mitte 40, mit hoher Drehzahl. Wäre also nicht sooo überraschend, würde es mich spontan zerreißen.

Der Tod ist ein Marder, der dir die Hauptleitung kappt

Es ist gerade ein paar Tage her, dass der Bundestag Abschied nahm vom allseits beliebten SPD-Spitzenpolitiker Thomas Oppermann. Ein Orchester spielte "Let it be" von den Beatles. Es war zum Heulen. Der Mann wollte sich nächstes Jahr mit Mitte 60 aus dem Bundestag zu­rückziehen, um mehr Zeit für andere Dinge zu haben.

Der Freund eines Freundes kippte lächelnd mit dem Gesicht voran in sein Butterbrot, nur Sekunden nachdem er via Whatsapp noch Helge Schneiders "Heute hab ich gute Laune" verschickt hatte.

Der Tod ist ein Marder, der dir überraschend die Hauptleitung kappt. Zurück bleibt jemand, mit dem du gemeinsam Erinnerungen angespart hast, Lacher, Lustiges, Trauriges, Tausende von Insider-Gags, die nur zwei Menschen auf dieser Welt verstehen können. Wie eine gemeinsame Schatztruhe voller Leben, deren Schlüssel der Verstorbene mitnimmt. Plötzlich ist jeder Gedanke ein Traumpass ins Leere, weil der Abnehmer fehlt. Ein brillanter Gag, in eine verlassene Turnhalle gesprochen.

Meine Omma ist 95, ihr Mann bereits vor 30 Jahren gestorben. Und doch gibt es wohl keinen Tag, an dem sie sich nicht zurückgelassen fühlt. "Weißt du, ich bekomme manchmal solches Heimweh", sagt sie. Heim ist eben nicht nur ein Ort, sondern ein Gefühl.

Ich weiß nicht, ob ich die Kraft hätte, mir jemals wieder einen solchen Tempel aus gemeinsamen Gedanken auf­zubauen. Ich glaub, ich bliebe lieber allein.

Aber das waren natürlich nicht meine Gedanken, als ich selig schlummernd den frühen Morgen verpasste. Als minütlich SMS eingingen, erst liebevoll wachküssend, dann irritiert nachhakend, nach Aufmerksamkeit heischend, beschimpfend, schließlich ernsthaft besorgt, ein Hauch von Nachruf.

Wobei ich mir sicher bin, dass die letzten liebevollen Kurzmitteilungen nur geschrieben wurden, um später den schönen Schein einer intakten Partnerschaft zu wahren.

Allerdings, das lässt sich sagen: Eine Beziehung, in der ein hedonistischer Mittvierziger bei Nicht-ans-Telefon-Gehen direkt für tot erklärt wird, anstatt andere Erklärungen zu suchen, scheint eigentlich doch ganz gefestigt.


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