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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Kuscheln, Krise, Kanzlerschaft – Söder, der Formwandler aus Bayern

Markus Söder
Markus Söder, CSU-Vorsitzender und Ministerpräsident von Bayern
© Sven Hoppe / DPA
Wagt Markus Söder die Kandidatur als Bundeskanzler? Wer im Juli schon Prognosen für weiter als drei Tage trifft, hat aus 2020 nichts gelernt. Andererseits lehrt uns das Jahr ebenfalls: Es ist alles denkbar.
Von Micky Beisenherz

Bei der aktuellen Selbstverfreshung der Union müsste zumindest einer der Kandidaten auf den Parteivorsitz sich weiblich morphen, um die neu entdeckte Lust auf die Frauenquote zumindest im Ansatz stillen zu können. Wem das noch am ehesten zuzutrauen wäre, ist der Formwandler der Union, Markus Söder.

Aber der will gar nicht CDU-Parteivorsitzender werden, sondern lediglich Bundeskanzler. Das sagt er zwar nicht, aber nur weil er gelegentlich das Gegenteil in die Mikrofone charmiert, muss es nicht zwingend stimmen. Der CSU-Vorsitzende hat schon ganz andere Dinge gesagt, die er exakt solange gemeint hat, wie es nützlich war. Oder sich eben als taktisch unklug heraus gestellt haben.

Seine zwischenzeitliche KKKaraoke-Party, als er glücklos den Sound der AfD nachgeträllert hatte, bezeichnet er heute als Fehler. Wegen des unmoralischen Treibens oder der schlechten Zahlen, allein diese Antwort bleibt er schuldig. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass es weniger die Selbstkritik ist, die ihn schlecht schlafen lässt. Rechts blinken und links vorbeiziehen, das Gebot der Stunde. Ein Mann zwischen Braun und Borke.

Nur der Hulk ist schneller grün geworden als der Fichtenkuschler aus Nürnberg. Wenn man seine letzten Videos, in denen er dem Agrar-Kapitalismus den Kampf ansagt, sich für Tierwohl und Klimaschutz einsetzt, anschaut, möchte man fast Luisa Neubauer anschreien, dass sie Bitteschön mal ein ähnliches Interesse an der Umwelt zeigen möge. Angeblich planen Bayerns Bäume bereits eine Meldestelle, weil Söder so viele von ihnen ungefragt angesprungen hat.

Und die Grünen? Wo Baerbock und Co. der eisige Atem Söders im Nacken hängt, kommt Habeck gar nicht mehr aus der großen "Robert sitzt ganz natürlich irgendwo rum und ist schwer emo"-Fotoserie heraus. Da kann sich Flausche-Robbie im Freien rasieren wie er will. Solange er sich überhaupt noch selber rasieren darf.

Kanzler Söder und eine schwarz-grüne Koalition

Die schärfste Klinge im Sommer 2020 führt der Franke. Ach, was. Er IST die Klinge! Unter einem Kanzler Söder scheint eine schwarz-grüne Koalition möglich. Der Mann koaliert ja bereits mit sich selbst. Sicherlich. Zum Kanzlerkandidaten muss man sich erst einmal vorschlagen lassen. Dass ein CDU-Chef Friedrich "das ewige Talent" Merz ihm dieses Amt anträgt, scheint so wahrscheinlich wie ein Friedrich Merz im Opel Mokka.

Armin Laschet würde wohl ebenfalls zögern. Womit die Kernkompetenz des instabilen Aacheners schon gut erfasst wäre. Will heißen: Der, der sich in der Hochphase der Corona-Krise so nachhaltig "entkanzlert" (Jagoda Marinić) hat, ist vom CDU-Parteivorsitz so weit entfernt wie Wirecard von 1,9 Milliarden.

Bliebe noch Jens….hm? Hat da jemand Norbert Röttgen gesagt? Wo war ich?

Ach, ja. Bliebe noch Jens Spahn. Nachdem sich Laschet durch greifbare Nervosität zuletzt die Chancen auf den Parteivorsitz zerlockert hatte, erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass der Gesundheitsminister irgendwann bemerkt, dass er als Sherpa des NRW-Ministerpräsidenten deutlich underperformt. Und mit Anfang vierzig kann man auch mal ganz entspannt einem Söder den Vortritt als Kanzlerkandidat lassen, bevor der wieder brünstig durch die Schonung schubbert.

"Halt! Halt!", schreit da der bajuvarophobe Defätist, "mit einem Bayern hat die Union bei den Wahlen noch nie etwas gerissen!" Man erinnere nur an Franz Josef Strauß oder Edmund "ich werde eine Blume hinrichten" Stoiber, der sich an einem Wahlabend 2002 mit der ihm eigenen Skepsis dagegen wehrte "bereits ein Glas Champagner zu öffnen".

Edmund Stoiber verlor gegen Gerhard Schröder

Er sollte recht behalten. Nicht mit der Beschaffenheit eines Champagnerglases. Wohl aber mit seiner Skepsis. Letztlich killte ihn höhere Gewalt, als die Oderflut dafür sorgte, dass Gerhard Schröder plötzlich Gummistiefel wuchsen. So gab "Acker" ein letztes Mal Gas (das nicht aus Russland kam), und Stoiber verlor denkbar knapp die Wahl.

Eine bittere Pointe, dass es mit Covid-19 wieder eine Naturkatastrophe ist, die einen Bayern in den Sattel hieven könnte. Hatte Söder doch selbst gesagt, "dass nur Kanzler werden kann, wer auch Krise kann." Dabei hat er gewiss nicht an den Zauderkünstler aus NRW gedacht.

Und wenn jemandem während des Lockdowns bemerkenswert viel Liebe entgegen schlug, dann dem fränkischen Manspreader. Zu groß war die Sehnsucht nach harter Hand und starker Schulter in einer Phase allgemeiner Orientierungslosigkeit, dass man annehmen muss, dass die dritte Welle ihn direkt ins Kanzleramt schwemmen könnte - oder wie klügere Menschen vor mir schon resümiert hatten: Wer Söder wählt, würde sich auch in seinen Entführer verlieben.

Und jeder muss sich selbst die Frage beantworten: Wollen wir einen netten Kerl, bei dem unter Druck zumindest hinten keine Diamanten raus kommen - oder ziehen wir einen fragwürdigen Typen vor, der zumindest den Anschein erweckt, Probleme souverän meistern zu können?

Das Jahr 2020 lehrt uns: Es ist alles denkbar

Oder gäbe es da womöglich auch noch einen dritten Weg? (Auftritt Friedrich Merz aus dem Schlafzimmerschrank.) Und warum will Merkel eigentlich schon nach 16 Jahren den Stecker ziehen! Klar, wer im Juli schon Prognosen für weiter als drei Tage trifft, hat nichts aus 2020 gelernt.

Andererseits lehrt uns das Jahr ebenfalls: Es ist alles denkbar. Sogar ein Kanzleramts-Asyltourismus von München Richtung Berlin.

Vielleicht ist es auch ganz anders und wir unterliegen einer optischen Täuschung. Als Christsozialer zwischen Scheuer und Seehofer wirkt vermutlich jeder plötzlich entsetzlich wählbar. Am Ende sogar der Eckbank T-1000, der sich immer in gerade diejenige Person zu morphen scheint, die gebraucht wird.

Wie auch immer es am Ende kommen wird: In der Natur überleben stets die Anpassungsfähigsten. Insofern darf sich die Bundesrepublik darauf einstellen, die nächsten zwanzig Jahre noch kräftig durchgesödert zu werden.

Nein, Sie müssen jetzt nicht jubeln.


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