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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: "The Pointe of no return - der Mähtyrer"

Bis vor Kurzem war er nur Deutschlands meistgeklickter Komiker. Jetzt ist Jan Böhmermann türkischer Staatsfeind Nummer eins - und nebenbei der Pointenesel, den von Jörg Knör bis Kai Diekmann jeder reiten will. Ein dickes Je-suis-Böhmi von Micky Beisenherz.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Jan Böhmermann am Kreuz: "Ich bin auch für eure Pointen gestorben"

Wenn Kurt Tucholsky geahnt hätte, was mal aus seinem schönen Satz werden würde, hätte er vermutlich einfach das schöne Wetter gelobt. Was zur Hölle ist in unserem satirlieben Land eigentlich gerade los? Ein Komiker auf der eins in der "Tagesschau"? Ernsthaft? Wo bleibt der ARD-Brennpunkt? Böhmermania! Erdogate! Männer, die auf Ziegenficker starren! (Danke, Alf Frommer)

Deutschland stellt die Scher(t)zfrage. Ein komplettes Land dreht durch wegen eines kleinen Gedichtchens. Und es sehen sich selbst Menschen genötigt, über Humor mitzudiskutieren, die zum Lachen bislang vornehmlich in Arenen gegangen sind.

Am Sonntagabend noch lädt Anne Will zum Satire-Gipfel, diskutiert unter anderem mit CDU-Comedy-Titan Elmar Brok über Humor und die Grenzen von eben diesem - und gerade in der eifrigen Verkarteikartung dieses Juxes präsentiert sich die Nation mal wieder als der im Ausland bekannte humorlose Haufen. Was in seiner Bierernsthaftigeit teilweise schon loriotschen Charakter hat: #Kanakenzipfel

Im selben Atemzug solidarisiert sich Springer-Vorstand Döpfner mit Böhmermann, was dem sicher so angenehm gewesen sein dürfte wie der Beifall von Pegida für Dieter Nuhr.
Übrigens hat Döpfners "Bild" mit "der Irre von Teheran" die Schmähkritik an fremden Staatsoberhäuptern praktisch erfunden.

Kai Diekmann will ebenfalls mitspielen

Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, kommt auch noch der konstant aufmerksamkeitsunterversorgte Didi Hallervorden um die Ecke und bettelt mit erstaunlicher Pointenaversion in einem Liedchen darum, dass Erdogan ihn doch bitte ebenfalls anzeigen möge. Und das Ding wird auch noch geteilt! So groß kann der Hass auf Erdogan doch unmöglich sein. Zumindest sorgt das neue Ziel Hallervordens, der seit "Honig im Kopf" seine Rolle scheinbar nie wieder so richtig verlassen hat, dafür, dass Israel mal einen Moment durchschnaufen kann, und das ist ja auch was.

Das war am Montag. Einen Tag später hat der Neo Magaziner bereits Polizeischutz. (Jaja, "ich hab Polizei", schon klar). Heute schon will "Bild"-Sauron Kai Diekmann ebenfalls mitspielen und veröffentlicht ein Pseudo-Interview mit dem deutschen Ai Wei Wei. Der größte Fake seitdem er sich vor Jahren einen Muppet namens Franz Josef Wagner ausgedacht und auf die Leser losgelassen hat.

Wie konnte die ganze Nummer so eskalieren? Selbstverständlich ist das Team von Extra3 schuld. Wären die mit ihrer "lendenlahmen" (Salsa-Legende Döpfner) Erdogan-Satire nicht so publikums- und despotenwirksam vorgeprescht, hätte es Böhmi nicht so dermaßen im Fell gejuckt. Wo ist das Vergehen?

Jan Böhmermann testet die Satiregrenze aus

Im Grunde genommen hat er nichts anderes getan, als in bester Sesamstraßen-Grobi-Manier zu zeigen, wo in Humordeutschland gerade in etwa die rechtliche Satiregrenze verläuft. Und ist fröhlich an ihr entlang und drüber hinweg gehechtet. "Jetzt bin ich nah." Hechel, hechel. "Jetzt bin ich fern!"

Es ist übrigens auch Quatsch, das ominöse Gedicht frei stehend permanent im Internet zu teilen und zu posten, weil - und das ist ja der Punkt - in diesem Falle das Drumherum, sprich: Die Show fehlt. Genau darum geht es doch. Klar ist das Ding beleidigend. Grob beleidigend. So beleidigend, wie es eben geht - sonst hieß es ja auch nicht Schmähkritik. Aber wichtig ist halt eben der verdammte Kontext. Und der ist nun mal: eine Satiresendung.

Der Diktator hört Kuschelrock

Hätte es auch ohne die Extraportion lustvollen Rassismus funktioniert? Gewiss doch. Aber wenn der Künstler das Schmäh-Moped schon ausfahren will, dann auch bitte bis in den tiefroten Drehzahlbereich.

"Der hat das doch nur gemacht wegen der Aufmerksamkeit!" Na, also sag mal! Ein Komiker, der will, dass seine Show von vielen gesehen wird, wo gibt es denn sowas! NATÜRLICH konnte man sich darauf verlassen, dass Erdogan auf diese Provokation zucken würde, dessen Selbstbewusstsein so klein scheint, wie sein Palast groß ist. Hätte man gar nicht gedacht, dass der Mann so eine sensible Seele hat. Der Diktator hört Kuschelrock.

Blöd nur, dass die Kanzlerin sich allen Ernstes ein öffentliches Urteil erlaubte, dem deutschen Komiker (im Speziellen und Allgemeinen) in den Rücken fiel und allzu schnell und unnötig eine Staatsaffäre aus etwas machte, das sonst recht flott wieder erledigt gewesen wäre.

Wie tief steckt Merkel im Arsch von Erdogan?

Dummerweise hat der dauerbeleidigte Erdogan gerade die Hand am Schleusenhebel für den gefürchteten Flüchtlingsstrom, und da will man natürlich keine miese Stimmung haben.

Schon richtig, in dieser sensiblen Flüchtlingsmassen-Verhandlungslage kann die Kanzlerin ein übereifriges Reimemonster so gut gebrauchen wie einen eitrigen Abszess - oder Horst Seehofer. Dennoch bleibt der schale Eindruck: Der Grad, wie tief die Bundesregierung im Arsch von Erdogan steckt, wird derzeit in Böhmermann gemessen.

Hätten wir sonst je erfahren, wie devot sich Merkel in Richtung Ankara bereits gibt?
Ganz am Rande: Wir reden über dieselbe Angela Merkel, die nach "Charlie Hebdo" noch neben Hollande ganz vorne mitmarschiert ist, um sich für die Freiheit der Kunst einzusetzen.

Der Meta-Man der Deutschen Humorgilde

Ja, verdammte Ziegenkacke. Die ganze Nummer ist auch für den Humoristen selbst natürlich viel zu groß geworden! So groß, dass man dieses Mal auch nicht mehr darüber spekulieren muss, ob der Meta-Man der Deutschen Humorgilde das nicht alles schon eingepreist und geplant hat und ahnen konnte, welchen Märtyrer-Status er sich da gerade erschmäht hat. Wenn ein Familienvater in einem Strafprozess steckt und Polizeischutz hat, dann ist das einfach mal: ganz, ganz schlecht. The Pointe of no Return.

Geht es um das Mähgedicht, werden derzeit permanent geschmäcklerische Fragen diskutiert. Muss mir das Gedicht gefallen? Muss ich es witzig finden? Nein! Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, ob man im Rahmen der Kunst- oder auch nur Meinungsfreiheit so ein kleines Experiment wagen darf, oder eben nicht. Und natürlich darf man das. Man muss sogar. Humor ist nicht nur, was mir selbst gefällt.

"Was hat denn bitte ein Pipikackagedicht in einer Satiresendung zu suchen?!" Gegenfrage: Was hat denn der syrische Flüchtlingschor in einer Satiresendung zu suchen? Solange Satire ein bequemes Sofa ist, setzen wir uns alle gerne drauf. Ist sie eine Obstkiste, wollen wir lieber stehen. Wir alle lachen sehr oft sehr gerne sehr bequem.

Humoristischer Selbsterfahrungstrip

Schön, wenn einer daher kommt, der ein wenig an den Grundfesten rüttelt. Das muss einem inhaltlich nicht einmal gefallen. Trotzdem bringt uns dieser humoristische Selbsterfahrungstrip alle weiter, bevor wir endgültig verbarthen.

Zwei Fragen noch: Was muss Markus Lanz jetzt noch befürchten, nach seinem "Fuck Chirac"-Rap von 1995? Käme es zum "Ziegenficker"-Prozess, wäre es doch ganz sinnvoll, neben Erdogan auch eine Gams in den Gerichtssaal zu holen, um herauszufinden, ob der Präsident auf das Tier amourös anspringt. Womöglich handelt es sich bei der vermeintlichen Schmähung um eine Tatsache!

Sicher ist aber, dass es längst an der Zeit ist, diesen behämmerten Paragrafen der Majestätsbeleidigung zu kassieren. Wer das anders sieht: In Hessen gibt es immer noch die Todesstrafe. Wer also was gegen Volker Bouffier hat und mal wieder Blutdruck haben will - nur zu. 

Und während ich das hier schreibe, arbeiten Willi Herren und zehn andere Ballermann-Sänger bereits an ihrem Erdogan-Stampfer.

Zicke-Zacke-Zicke-Zacke-Ziegenkacke! 


Am kommenden Samstag, 16. April, wird Micky Beisenherz ab 22.45 Uhr im WDR zusammen mit Oliver Polak mit "Das Lachen der Anderen" die Grenzen des Humors austesten.