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ESC 2016 Arme Jamie-Lee, Dich trifft keine Schuld

Jamie-Lee triff am ESC-Debakel keine Schuld
Manga-Mädchen Jamie-Lee landete mit ihrem Song "Ghost" beim ESC auf dem letzten Platz
© Britta Pedersen/DPA
Aus Georgien einen Jury-Punkt, aus der Schweiz und Österreich zusammen 10 Zuschauer-Punkte: Das ist die magere Ausbeute von Jamie-Lee Kriewitz beim Eurovision Song Contest. Warum Deutschland erneut Letzter wurde und was wir daraus lernen müssen.

Danke, liebe Nachbarn: Die Schweiz (8 Punkte) und Österreich (2 Punkte) haben uns vor einem kompletten Desaster bewahrt. Ein besonderer Dank auch an Helen Kalandadze und Natsvlishvili Nata aus Georgien. Die beiden Juroren sahen Jamie-Lee auf dem zehnten beziehungsweise achten Platz - was uns einen Jury-Punkt aus der Kaukasus-Republik bescherte. Den einzigen - aus 41 Ländern.

Mit insgesamt nur elf Punkten ist Deutschland beim Eurovision Song Contest erneuet Letzter geworden. Zum vierten Mal in Folge scheitert ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber mit dem Ziel, "auf die linke Seite der Punktetabelle" zu gelangen - was bedeutet, unter die ersten 13 zu kommen. Das haben wir seit Roman Lob 2012 in Baku nicht mehr geschafft. 

ESC-Debakel lag beim NDR

Woran lag es? Nicht an Jamie-Lee. Die 18-Jährige legte einen starken Auftritt hin. Stimmlich gab es da nichts zu mäkeln. Das war perfekt. Sie kann einem nur leidtun. Dieses Ergebnis hat sie nicht verdient. Es lag auch nicht an Angela Merkel. Die These, Deutschland würde beim ESC für die Politik der Kanzlerin abgestraft, mag zwar Anhänger haben, kann aber keinen letzten Platz erklären. Oder ist Putin den europäischen Zuschauern wirklich so viel sympathischer?!

Die Fehler sind allein beim verantwortlichen Sender NDR zu suchen:

1. Direktnominierung von Naidoo

Nach der verunglückten Direktnominierung von Xavier Naidoo wurde die Chance vertan, einen Neuanfang zu wagen. Stattdessen machte man weiter wie im Vorjahr und ließ sich von deutschen Plattenfirmen eilig Vorschläge für einen deutschen Vorentscheid unterbreiten.

2. Falsches Lied

Platz elf, das war die Höchstwertung von "Ghost" in den deutschen Charts nach Jamie-Lees Sieg bei "The Voice". Das hätte eine Warnung sein sollen, dass dieser Titel kein Hitpotenzial hat. Oder warum soll etwas, das in Deutschland nicht funktioniert, in Europa zünden?

3. Top-Technik ersetzt keine Idee

Für den deutschen Auftritt wurde teure Hologramm-Technik eingesetzt, die aber nicht wahrgenommen wurde und so keinen Nutzen hatte. Ohne eine schlüssige Idee für einen Auftritt, der die Herzen erreicht, hilft auch keine Technik.

4. Ignoranz

Es war ein Scheitern mit Ansage. Nach dem Vorentscheid in Köln wurde der deutsche Beitrag mehrmals in Vor-ESC-Sendungen auf internationalen Fernsehsendern diskutiert. Fast immer kamen Experten zu dem Ergebnis, dass es so mit "Ghost" nichts werden würde. Statt darauf zu reagieren, machte der NDR einfach stoisch weiter.

5. Mangelnde internationale Vermarktung

Jamie-Lee habe keine Zeit für internationale Auftritte gehabt, weil sie ihr Album vorbereitet habe und beim Echo auftrat. So begründete die deutsche Delegation bei einer Pressekonferenz in Stockholm die mangelnde Präsenz der deutschen Interpretin in Europa.

Nach dem ESC ist vor dem ESC. Die ARD muss ernsthaft überlegen, ob sie die richtigen Prioritäten setzt. Die Verantwortlichen sind mit Herzblut bei der Sache. Aber ein "stets bemüht" ist nicht nur in Arbeitszeugnissen ungenügend. Es ist Zeit für einen Neuanfang.

Das deutsche Unterhaltungsfernsehen - auch das hat die Show aus Stockholm gezeigt - hat Nachholbedarf. Von den Schweden lernen, heißt gute Show lernen. Die hatten mit dem 17-Jährigen Frans genau das, was es für den ESC braucht: Eine professionelle, musikalisch eingängige aber dennoch authentische und anrührende Nummer. Einfach perfekt.

Jamie-Lee flog noch am Sonntag gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder zurück nach Hannover. Was der letzte Platz für sie bedeutet? Hoffentlich nicht das Ende dieser hoffnungsvollen Karriere.


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