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Sympathiewertungen beim Eurovision Song Contest: Warum die "Ostblockmafia" keine Sieger macht

Sie sorgen immer wieder für Unmut bei der Punktevergabe: die sogenannten Diaspora-Stimmen. stern.de erklärt das Phänomen der Sympathiewertungen - und warum sie letztlich nicht für einen Sieg entscheidend sind.

Von Lars Peters

Gleich die erste Teilnahme endete 1975 mit einer Katastrophe. Abgeschlagen landete der Song auf dem letzten Rang. Eine Schmach, die sich in den folgenden Jahren noch öfter wiederholen sollte. Auch Deutschland hatte nur wenig für die orientalischen Klänge übrig. Bis 1996 gab's nur ganze 23 Punkte aus Germany. Erst 1997 wendete sich das Blatt. Aus Deutschland kam die Höchstpunktzahl - und seitdem hieß es noch fünf weitere Male: "Zwölf Punkte gehen von Deutschland an: die Türkei."

Am Anfang einer der erfolglosesten Teilnehmer beim Eurovision Song Contest, wird die Türkei mittlerweile vom Erfolg verwöhnt. Ein Sieg, ein zweiter, ein dritter und drei vierte Plätze gehen auf ihr Konto. Auch dank Deutschland. Der Erfolg kam quasi über Nacht. Was war geschehen?

Bis 1996 vergab für Deutschland eine Jury die Punkte, erst 1997 wurde das Televoting eingeführt. Erstmals konnten die in Deutschland lebenden Türken für den Beitrag aus ihrer alten Heimat anrufen - und taten das in großem Umfang. Dieses Phänomen, bei dem eine Volksgruppe für sein (ehemaliges) Heimatland stimmt, wird als Diaspora-Voting bezeichnet. Mittlerweile klassische Beispiele dafür sind die Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie des ehemaligen Jugoslawiens, die sich als bald den Vorwurf gefallen lassen mussten, sich gegenseitig die Punkte zuzuschustern. Als Balkan- oder Ostblockmafia wurde die Stimmvergabe dieser Länder sogar geschmäht.

Auch Skandinavier schustern sich die Punkte zu

Wiederholende Bewertungsmuster zu Gunsten einzelner Länder gibt es allerdings nicht nur im Osten und auf dem Balkan, sondern auch in West- und Nordeuropa. Bestes Beispiel dafür sind die Skandinavier. Die Isländer und Norweger überhäufen die Dänen mit Punkten und die wiederum die Schweden, die sich - der Minderheit im eigenen Land sei Dank - den Finnen gegenüber am großzügigsten zeigen. Nicht viel anders geht's auf der iberischen Halbinsel zu und ähnliches wird in diesem Jahr auch zwischen Italien und San Marino zu erwarten sein.

Dass ein Land regelmäßig viele Punkte aus einem bestimmten anderen Land bekommt, muss jedoch nicht immer an Diaspora-Stimmen liegen. Viele Länder fühlen sich kulturell sehr verbunden, sprechen die gleiche oder eine sehr ähnliche Sprache oder bilden sogar einen gemeinsamen Musikmarkt. Schon weit vor der Einführung des Televoting haben Griechenland und Zypern untereinander gern Höchstpunktzahlen ausgetauscht. Ähnlich verhält es sich zwischen Großbritannien und Irland.

Vor allem Deutschland und Österreich bewesein, dass die kulturelle Nähe nicht immer zu einer wohlwollenden Punktevergabe führen muss. Höhepunkt der austro-germanischen Hassliebe war der magere eine Punkt, den Österreich 1982 dem deutschen Siegerbeitrag "Ein bisschen Frieden" gönnte. Wie gut, dass es die Schweiz gibt: Die neutrale Alpenrepublik vergibt nämlich durchschnittlich jedes Jahr 6,5 Punkte an Deutschland - mehr als jedes andere Land!

Jurys gegen Diaspora

Die European Broadcasting Union, die den Eurovision Song Contest ausrichtet, hat in den vergangenen Jahren versucht, die Diaspora-Stimmen einzuschränken. Da sich gezeigt hatte, dass die immer gleiche Verzerrung bei der Punktevergabe beim Televoting besonders stark ausfiel, wurden die Jurys wieder eingeführt. Sie stehen seit 2009 für die Hälfte der Punkte, die ein Land vergeben kann. In Deutschland hat das dazu geführt, dass die Türkei seitdem zehn statt zwölf Punkte erhält.

Bei so viel Vorhersehbarkeit stellt sich die Frage, ob Länder, die nicht von Diaspora- und Blockvoting profitieren, überhaupt noch den Eurovision Song Contest gewinnen können. Die Antwort hierauf hat im vergangenen Jahr ausgerechnet Deutschland geliefert: Ja, das können sie! Denn die Punktevergabemuster beschränken sich immer auf einen überschaubaren Kreis von Ländern. Damit ein Lied den Grand Prix gewinnt, muss es aber in vielen Ländern gut ankommen und von vielen Punkte erhalten. So wie Lena.