Live Earth Rocking all over the world


Rund 150 Bands spielen am 7. Juli auf allen Kontinenten rund um die Uhr für den Klimaschutz: Das globale Konzert Live Earth gilt schon jetzt als das Pop-Ereignis des Jahres - aber hilft es der Welt?
Von Till Raether

Eine der schwierigsten Fragen der vergangenen Jahrzehnte lautet: Kann man die Welt mit Musik zu einem besseren Ort machen? Es ist immer wieder versucht worden, im kleinen und im großen Maßstab (Woodstock, "Griechischer Wein", Concert for Bangladesh, "Ein bisschen Frieden", "Live Aid", "Rock gegen Rechts" und vieles mehr). Die Erfolge sind schwer messbar; immer wieder berichten Menschen, durch Musik sei ihr Bewusstsein verändert oder ihr Leben gerettet worden ("Last Night A DJ Saved My Life"). Andere hingegen wackeln einfach mit dem Kopf, egal zu welchen Slogans auf der Bühne gerockt wird. Einige Male ist sehr viel Geld zusammengekommen, weil Musiker Benefizkonzerte gegeben und zu Spenden aufgerufen haben - Hunderte Millionen zum Beispiel während und nach den von Bob Geldof organisierten "Live Aid"-Konzerten für Afrika.

Am 7. Juli aber geht es nicht um die Armut in einem einzelnen Land oder den Hunger auf einem einzelnen Kontinent - es geht ums Ganze, um alles, um jede und jeden. Diesmal soll Popmusik die Welt retten beziehungsweise die Menschheit vor sich selbst. Das vom amerikanischen Fast-Präsidenten und Umweltaktivisten Al Gore ersonnene Großspektakel heißt "Live Earth" und im Untertitel "SOS - Save Our Selves", retten wir uns selbst. Einen Tag lang finden auf allen sieben Kontinenten (einschließlich der Antarktis) Konzerte mit circa 150 der berühmtesten Solokünstler und Bands der Welt statt. "Live Earth" will auf die Gefahren des globalen Klimawandels aufmerksam machen, die Politik und jeden Einzelnen zum Handeln auffordern und Geld für Umweltprojekte sammeln. Ab morgens um fünf Uhr mitteleuropäischer Zeit geht es in Sydney los, dann weiter über Tokio, Shanghai, Johannesburg, Hamburg, London, Rio de Janeiro nach New York, ein Konzert nach dem anderen, 24 Stunden lang. Die Konzerte werden weltweit im Fernsehen übertragen, das in Hamburg nur bei uns (es ist ein "Satellitenkonzert", gehört also dazu, aber nicht alle sollen es sehen). Zwei Milliarden Fernsehzuschauer werden erwartet (zum Vergleich: Bei der Mondlandung war es nur eine halbe Milliarde, damals gab es auf der Welt allerdings auch weniger Fernseher und weniger Menschen).

In Deutschland überträgt N24: ein Spartensender mit niedrigen Einschaltquoten, insofern also mit vorbildlicher CO2 -Bilanz. Womit wir schon dabei sind, uns lustig zu machen. Kann man dieses Spektakel ernst nehmen? Roger Daltrey von The Who hat über "Live Earth" gesagt: "Das Letzte, was dieser Planet braucht, ist ein Rockkonzert." Sein Vorschlag: "Alles Öl so schnell wie möglich verbrennen, damit die Politiker eine Lösung finden müssen." Ja, es gibt vieles, worüber man sich bei "Live Earth" lustig machen kann. Den Song zum Beispiel, den Madonna für das Ökospektakel geschrieben hat. Er heißt "Hey You" und handelt davon, dass man nicht aufgeben soll. Davon, dass man einfach man selbst sein soll. Davon, dass man’s schon hinkriegen wird, Hauptsache, man liebt sich selbst, dann kann man auch andere lieben, und wenn man sich selbst rettet, kann man auch andere retten, und dann rettet man auch die Welt. Das hört man und denkt: Das kann Al Gore nicht gemeint haben, als er sagte: "Der einzige Weg, unsere Worte wieder mit Sinn zu füllen, ist Musik." Lächerlich auch, wie der Hamburger und der Berliner Senat darüber stritten, in welcher von beiden Städten das Satellitenkonzert stattfinden soll; die Klimakatastrophe kam in Deutschland stark abgemildert als weiteres Kapitel im elenden Prestigestreit zwischen den beiden Städten an. Ganz abgesehen davon, dass einige Umweltverbände ein kritisches Verhältnis zu "Live Earth" haben. Greenpeace zum Beispiel distanziert sich von der Veranstaltung, weil der "offizielle Partner" der weltweiten Konzerte widersprüchlicherweise ein großer CO2-Verursacher ist - die Automarke Smart des Daimler-Konzerns nämlich.

Von Anfang an konzentrierte der Spott über "Live Earth" sich jedoch vor allem darauf, wie viel CO2-Ausstoß vermieden würde und wie viel besser es daher der Welt ginge, wenn die Konzerte gar nicht erst stattfänden. Der Klimaforscher Keith Tovey von der University of East Anglia rechnete aus, dass allein der An- und Ab Abreiseverkehr beim "Live Earth"-Konzert im Londoner Wembley-Stadion und das dortige Flutlicht 3000 Tonnen CO2 verursachen würden (beim durchschnittlichen Engländer sind es neun Tonnen im ganzen Jahr). Madonnas "Confessions"-Tour verursachte angeblich 440 Tonnen CO2 in vier Monaten, und allein der Privatjet der Red Hot Chili Peppers soll auf ihrer letzten Tournee 220 Tonnen ausgestoßen haben. Um die CO2-Spur von "Live Earth" zu verwischen, scheuen die Veranstalter keine Mühen: Die Stars pflanzen Bäume, fahren in Autos mit Hybridantrieb zum Konzert, werden in Hotels untergebracht, die umweltverträgliche Reinigungsmittel verwenden, und in jeder Luxus-Suite stehen Recycling- Behälter. Zuständig für diese und viele andere Maßnahmen ist "Live Earth"- Umweltberater John Picard, der normalerweise Unternehmen dabei hilft, ihre Umwelteffizienz zu steigern, und der das Weiße Haus unter Präsident Clinton und Vizepräsident Al Gore ökologischer machte. Was das bevorzugte Fortbewegungsmittel der "Live-Earth"-Stars angeht, sagt Picard leicht gequält: "Wir raten davon ab, Privatjets zu benutzen. Und wir stellen sicher, dass die Flugzeuge, die fliegen, voll sind." Mega-Stars, bildet Mitflug-Gemeinschaften! Ja, harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen.

Aber lassen wir mal den Spott und reden wir noch einmal über die Musik und die Frage, ob sie die Welt retten kann. Im Grunde haben Al Gore und der Produzent Kevin Wall sich einen Mega-Event ausgedacht, der so etwas wie ein logischer Höhepunkt der vergangenen fünf, sechs Jahrzehnte Popgeschichte ist. Das 24-stündige "Live Earth"- Fest ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die mit Bill Haileys "Rock around the Clock" begann. Popmusik war immer voller Größenwahn und Heilsversprechen, es ging und geht immer um das größte Leid und das höchste Glück, darum, alles zu wollen, um Freiheit, Liebe und "die größte Party auf Erden", wie sie der Rapper Pharrell Williams als Mitinitiator für "Live Earth" verspricht. Wem diese Party mit Bon Jovi, Madonna, Genesis und all den anderen zu mainstreamig ist, der kann sich im Internet die Aufnahmen vom "Live-Earth"-Konzert in der Antarktis anschauen. Da es zu kalt und zu irrsinnig gewesen wäre, Stars dorthin fliegen zu lassen, spielt als offizieller Teil von "Live Earth" die Band Nunatak. Sie besteht aus fünf britischen Forschern, die am 7. Juli live vor ihren 17 Kolleginnen und Kollegen von der Rothera Research Station auftreten. Und so bekommt der Mega-Event durch die Amateure vom Südpol sogar noch echten handgemachten Rock ’n’ Roll- Charme.

Am Ende ist es egal, ob viele der auftretenden Künstler unter sinkenden Plattenverkäufen leiden und durch "Live Earth" nebenbei weltweit Publicity bekommen; egal auch, ob Al Gore sich vielleicht doch noch entscheidet, am Vorwahlverfahren für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten teilzunehmen, und "Live Earth" dann im Nachhinein für ihn auch eine elegant eingefädelte Wahlkampfveranstaltung war. Was zählt, ist, was wir selbst daraus machen. Vielleicht erinnert uns "Live Earth" an Konzerte, die uns etwas bedeutet, die uns verändert haben, an Momente, in denen alles möglich schien, oder einfach an lange "Rockpalast"-Nächte vor dem Fernseher oder an das Gefühl, an einem globalen Lagerfeuer zu sitzen wie 1985 bei "Live Aid". Und im besten Fall funktioniert es, wie es funktionieren sollte, und "Live Earth" erinnert uns daran, dass wir selbst was tun müssen. Denn eines Tages werden unsere Kinder uns fragen, was wir damals getan haben, als klar war, dass es so nicht weitergehen kann mit der Erde und uns. Und dann sollten wir eine bessere Antwort parat haben als "Ich habe damals stundenlang ‚Live Earth‘ auf N24 angeschaut".

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