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TV-Kritik

"Anne Will" zur Coronakrise: "Wir müssen arbeiten in einer Welt, die gefährlich ist“

Über die Lockerung des Ausnahmezustandes wird bei Anne Will noch nicht nachgedacht. Aber es gibt Versprechungen an die Pflegekräfte. Und die Forderung nach allgemeiner Handydatenortung wird als Unsinn entlarvt.      

Von Jan Zier

Anne Will spricht in ihrer Talkshow mit ihren Gästen darüber, wie es in Deutschland weitergeht in der Coronakrise

Anne Will spricht in ihrer Talkshow mit ihren Gästen darüber, wie es in Deutschland weitergeht in der Coronakrise

Noch bis zum 20. April wird in Deutschland der Corona-Ausnahmezustand herrschen, so viel ist nun allgemein klar. Und dann? "Wie geht es weiter in Deutschland?" ist die große Frage, die Anne Will erörtern will.    

Wer hat diskutiert?

  • Peter Altmaier, (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie
  • Peter Tschentscher, (SPD), Erster Bürgermeister von Hamburg
  • Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes - Bundesverband
  • Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München
  • Gérard Krause, Abteilungsleiter Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig

Wie lief die Diskussion?

Am Anfang sind sich erstmal alle einig, dass es noch zu früh ist, um über Lockerungen des Ausnahmezustandes zu reden – weil mindestens eine Woche lang noch gar nicht klar ist, was er gebracht haben wird. Aber nachdenken, wie das Leben danach weitergehen soll – doch, das darf man, ja: Das soll man sogar schon. Auch da herrscht Einigkeit.

Aber während Politiker wie Peter Tschentscher sich in Durchhalteparolen üben, will Epidemiologe Krause am liebsten "auf Sicht fahren". Aber gibt es da nicht auch Rechenmodelle und Simulationen - wie für vieles andere auch, damit man eben nicht "in den Tag hinein neu entscheiden" muss, wie Krause es nennt? Immerhin entgeht die Diskussionsrunde der Versuchung, die ethisch unlösbare Frage zu debattieren, was nun schwerer wiegt, die Rettung der Volkswirtschaft oder die Rettung der Gesundheit der Betroffenen. "Wir müssen arbeiten in einer Welt, die gefährlich ist", sagt der Ökonom.                 

Der besondere Moment

Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geforderte Ortung von Handydaten zur Bekämpfung des Coronavirus verwirft der Epidemiologe in drei kurzen Sätzen: Eine physische Nähe zu Infizierten allein, belegt durch Handydaten, sei gar nicht aussagekräftig, so Krause. Zudem würden die Menschen auf diese Weise "unnötig verängstigt". Und schließlich sei diese Maßnahme auch gar "nicht verhältnismäßig". Zack! Da kann auch Peter Altmaier seinen Parteifreund nur noch halbherzig unterstützen. Doch, ja, er könne sich diese Ortung von Handydaten prinzipiell schon vorstellen, sagt er mit Verweis auf Länder, in denen das bereits passiert. Ein Argument dafür hat er allerdings nicht. Immerhin konzediert er am Ende: "Wir preschen da nicht vor".

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Die Erkenntnisse

  • In einem Monat kostet der Shutdown des Landes etwa vier Prozent seines Bruttoinlandsproduktes, rechnet der Präsident des Ifo-Institutes vor, eine weitere Woche koste dann nochmal 40 Milliarden Euro.
  • Es fehlt auch weiterhin an Schutzausrüstung für das medizinische und das Pflegepersonal, sagt die Vorsitzende des Marburger Bundes. Die entscheidende Frage ist also: Wie lange ist dieses Personal gesund zu halten? "Es werde einige Tage dauern", bis dieser Bedarf an Schutzausrüstung hierzulande gedeckt sei, sagt Altmaier in seinem gewohnt ruhigen, ernsten, aber zuversichtlichen Tonfall. Doch was bis vor Kurzem noch für ein paar Cent in China zu haben war, koste jetzt schon mehrere Dollar. Auch das ist Kapitalismus.    
  • Nicht die jetzt oft gezählten Tage der Verdopplung der Fallzahlen sei von Belang, erklärt der Epidemiologe – sondern nur die Verdopplung jener Fälle, die intensivmedizinisch betreut werden müssen. Noch gibt es keinen Mangel an Beatmungsgeräten, sagt die Ärztin in der Runde. Aber die Epidemie sei – gerade im Norden – "auch noch gar nicht richtig angekommen", erklärt der Epidemiologe.        
  • Es herrscht noch viel Unwissenheit: "Wir lernen täglich dazu", sagt Krause, etwa über Risikogruppen und die Verbreitung von Antikörpern. Wichtig wäre deshalb jetzt ein zuverlässiger Antikörpertest, der zeigt, wer schon immun ist, obwohl er gar nicht weiß, dass er schon infiziert war.  
  • Peter Altmaier spricht sich dafür aus, das Pflegekräfte nun wirklich besser bezahlt werden – und für die Arbeit, die sie jetzt an der Front leisten, Zulagen bekommen, die hernach auch steuerfrei sind: "Wir dürfen nach der Krise nicht weitermachen wie bisher". Dass auch der öffentliche Gesundheitsdienst besser ausgestattet werden muss, das hat er aber noch nicht gesagt.

Fazit

Am Ende darf sich Peter Altmaier als Vertreter seiner Kanzlerin in Optimismus üben: "Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, diese Krise zu überstehen" - das ist sein Schlusswort. Aber was soll er auch sonst sagen?

mad

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