HOME
TV-Kritik

Netflix-Doku "Hot Girls Wanted: Turned On" (5) : Wenn Webcamsex die Miete zahlt

Der Neue-Deutsche-Welle-Hit "Computerliebe" könnte der Titelsong zum fünften Teil von "Hot Girls Wanted: Turned On" sein. Ein einsamer Nerd verliebt sich in ein Webcamgirl. Das willigt schließlich ein, ihn zu treffen.

"Hot Girls Wanted: Turned On": Country-Girl Bonnie träumt vom großen Geld, um ihren kleinen Geschwistern ein Leben in bitterer Armut zu ersparen.

"Hot Girls Wanted: Turned On": Country-Girl Bonnie träumt vom großen Geld, um ihren kleinen Geschwistern ein Leben in bitterer Armut zu ersparen.

Alices Arbeitsplatz ist zuhause, direkt neben dem Sofa. Auf ihrem Couchtisch stapeln sich Dildos und Gleitgel. Die US-Amerikaner schaut in BH und Höschen bekleidet in eine Kamera. Eine klassische Schönheit ist die leicht übergewichtige Alice nicht. Doch gerade dafür lieben sie ihre Fans. Die junge Frau ist Webcamgirl, zieht sich gegen Bezahlung vor der Kamera aus. Und mehr.

In Teil fünf der Netflix-Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" beschäftigt sich Produzentin Rashida Jones mit dem Phänomen Webcamsex. Die fünf größten Webcamportale haben monatlich zusammen mehr als 30 Millionen Kunden - und die Zugriffe steigen. Anders als bei Pornoseiten setzte sich sogar ein Bezahlmodell durch.

Alice trifft sich mit ihrem Stammkunden

"Ein Einzelchat kostet 3,99 Dollar pro Minute. Dabei können aber andere zusehen", erklärt Alice. "Will jemand alleine mit mir chatten, verlange ich 7,99 Dollar." Ein stolzer Preis, doch die Geschäfte laufen gut. 50 Prozent des Betrages gehören Alice, die andere Hälfte den Betreibern der Website, auf denen sie sich einloggt.

Einer ihrer treusten Kunden sitzt in Australien. Alice nennt ihn nur bei seinem Chatnamen: "Approximate." Dabei behauptet sie, mit ihm befreundet zu sein. "Jedes Camgirl hat ein oder zwei Kunden, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, sagt Alice. Doch für "Approximate" ist es längst mehr. Er ist verliebt in Alice.

Netflix-Dokuserie: Szenen aus "Hot Girls Wanted: Turned On"
Pornodarsteller Jax Slayher posiert mit seiner Kollegin Sydney. In sechs Teilen gibt die Netflix-Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" einen Einblick in die Erotikindustrie. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Protagonisten - vom Webcamgirl bis zur Pornoproduzentin.

Pornodarsteller Jax Slayher posiert mit seiner Kollegin Sydney. In sechs Teilen gibt die Netflix-Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" einen Einblick in die Erotikindustrie. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Protagonisten - vom Webcamgirl bis zur Pornoproduzentin.

Der Mann aus Melbourne hatte noch nie eine Freundin. Er ist stark übergewichtig und arbeitet als Nachtwächter in einem Bürokomplex. "Seitdem ich den Job habe, gönne ich mir ein bisschen Luxus", sagt "Approximate". Er meint damit Webcamgirls, die sich gegen Bezahlung für ihn ausziehen, während er masturbiert. Seine Favoritin ist Alice. Tausende von Dollar hat er in vier Jahren für sie ausgegeben. "Er hat mir damit durch schwierige Zeiten geholfen", sagt die Kalifornier, die mit ihrem Freund zusammenlebt. Der weiß von ihrem Job und auch von "Approximate". Wenn die beiden miteinander chatten kommt es sogar vor, dass er auf der Couch daneben sitzt. Bizarr.

Doch es wird noch geradezu grotesk. "Approximate" lädt Alice zu sich nach Australien ein. Die willigt aus Dankbarkeit ein. Doch in Melbourne angekommen merkt sie schnell, dass dies ein Fehler war. Sie kann die Gefühle des einsamen Endzwanzigers nicht erwidern, wohnt lieber im Hotel als bei ihm zuhause. Das Ende der Webcambeziehung - und eine bittere Erfahrung für den schüchternen und mit wenig Selbstvertrauen ausgestatteten "Approximate".

"Hot Girls Wanted: Turned On" vermeidet Häme

Die ungewöhnliche Pretty-Woman-Geschichte zwischen dem naiven Webcamgirl und ihrem zahlenden Verehrer hat kein Happy End. Trotzdem ist Produzentin Jones ein beeindruckender und vor allem einfühlsamer Einblick in die Gefühlswelt von Menschen gelungen, die ihre sexuelle Befriedigung vorm Computer suchen. Auf der anderen Seite sitzen nicht nur abgebrühte Abzockerinnen, sondern meist Hausfrauen, die Geldnot vor die Kamera gebracht hat.

Das größte Verdienst der Folge "Ganz privat" ist jedoch, dass sie sich in keiner Sekunde über ihre Protagonisten erhebt. Keine Häme, keine Verachtung für unkonventionelle Verhaltensmuster. Davon könnten "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" noch viel lernen.