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TV-Kritik

"Maischberger": Von Storch lässt sogar Sarrazin gut aussehen

Beatrix von Storch hat es bei "Maischberger" geschafft, Thilo Sarrazin fast harmlos wirken zu lassen. Vor allem aber hat die AfD-Politikerin klar gemacht: Die Regeln und Gesetze in diesem Land sind ihr genauso schnurzpiepe, wie die von ihr so gefürchteten Integrationsunwilligen.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Thilo Sarrazin und Beatrix von Storch bei "Maischberger"

Thilo Sarrazin will lieber nicht zur AfD (mit Beatrix von Storch bei "Maischberger")

Erinnert sich noch jemand an MTVs "Celebrity Deathmatch"? Großartig: Stars und Sternchen aus allen Branchen gehen im Knetformat aufeinander los, bis einer nicht mehr aufsteht. Das könnte die Grundidee für die "Maischberger"-Talkrudne am Mittwochabend in der ARD gewesen sein. Doch dann hat man sich doch nicht getraut, Thilo Sarrazin und Beatrix von Storch ausfechten zu lassen, wer denn nun der gefährlichere Populist im Lande ist. Um es kurz zu machen: Nein, die Sendung hat die Frage "Wie gefährlich sind Deutschlands Populisten?" nicht beantwortet, sondern es wurde mal wieder im unübersichtlichen Knäuel das große, verwirrende Ganze diskutiert.

Neben Sarrazin und von Storch saßen: der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, der Europaabgeordnete Elmar Brok von der CDU und Gregor Gysi von der Linken. Selbstredend standen Gysi, Brok und von Lucke als Einheit gegen Sarrazin und von Storch, und selbstredend haben trotzdem alle durcheinander geredet. Keiner der versprochenen Populisten war überhaupt "gut" genug, um da durchzukommen.

Wenn von Storch voll aufgesetzter Verachtung mal etwas sagte, reichte ein Satz vom so wunderbar schlagfertigen Gysi, um sie wieder einzupacken. Am Lautesten wurde noch von Lucke, der der AfD-Politikerin und ihrer Partei wütend vorhielt, das Land spalten zu wollen und dem IS zuzuarbeiten, die Ausgrenzung der Muslime in Europa sei schließlich das Ziel der Islamisten. Von Storch hat die Logik gar nicht erst verstanden, sondern nur ein bisschen undifferenziert zurückgepöbelt, dass der Vorwurf Unfug sei.

Sarrazin bei "Maischberger" fast zugänglich

Sarrazin - was für ein Dilemma - wirkte neben von Storchs unverschleiertem Hass aufs System fast zugänglich. Ja, er stimme inhaltlich mit manchen Punkten des AfD-Programms überein, aber nein, das sei keine Partei für ihn. Da werde eine Atmosphäre verbreitet, die falsche Erinnerungen wecke, so seine vorsichtige Umschreibung eines Höcke-Auftritts. Man müsse Themen kritisch ansprechen, "aber man muss unbeherrschte rechte Emotionen auf Distanz halten", so Sarrazin. Von Lucke war es mehrfach unangenehm, dem umstrittenen Buchautoren zustimmen zu müssen. Als dieser dann allerdings wie gewohnt mit Zahlen um sich warf, deren Hochrechnung zumindest infrage gestellt werden darf, oder über abstammungsbedingte Verhaltensweisen sprechen wollte, waren die Fronten wieder klar.

Es ging um Tabubrüche, den Islam und natürlich die Flüchtlingskrise. Aber der Versuch, auf populistische Werkzeuge einzugehen, auf die tatsächliche Wirkung von Sarrazins Rhetorik und der der AfD, oder sogar die Bloßstellung des Populismus, scheiterte immer wieder an inhaltlichen Diskussionen.

Der Islam und Deutschland   

Während von Storch im Schlagabtausch um den AfD-Satz "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" plötzlich erklärte, das sei so nicht gemeint, es gehe um den Islamismus, freute von Lucke sich darüber, sie festnageln zu können. Folgerichtig müsste von Storch auf dem AfD-Parteitag am Wochenende dafür sorgen, dass im neuen Parteiprogramm dann auch bitte genau das stehe: "Der Islamismus gehört nicht zu Deutschland!" Aber auch da sah von Storch eher so aus, als habe sie es nicht ganz verstanden.

Unerschütterlich war Gysi, der immer wieder versuchte, von Storch zu erklären, dass Zäune und Abschottung das Problem auf weite Sicht nur vergrößern würden, was die Folgen der Politik der AfD wären. Aber von Storch hatte wirklich auf nichts eine gute Antwort, auch nicht auf das Thema Schießbefehl an deutschen Grenzen, mit dem sie im Februar für Aufregung gesorgt hatte.

Die Talkshow endete dann mit einem Witz darüber, dass die AfD-Repräsentantin in einer Sendung der ARD säße, aber sich weigere, Rundfunkgebühren zu zahlen.

Zwei Pointen

Wenn etwas von dieser Sendung übrig bleibt, dann die Bestätigung, dass sich die AfD, vertreten durch Frau von Storch, außerhalb unserer Diskussionskultur befindet, dass sie die Werte und Normen unserer Gesellschaft ablehnt, ja zerstören will. Und damit stellt sie sich auf die exakt gleiche Stufe mit den von ihr verteufelten integrationsunwilligen, fundamentalistischen Muslimen. Das ist eine Pointe. 

Und Sarrazin? Während die erstarkte Rechte dafür sorgt, dass die sogenannten Altparteien sich plötzlich Rechtsausreißer erlauben, könnte die Existenz der AfD ja vielleicht dazu führen, dass Sarrazin sich auf seine sozialdemokratischen Wurzeln besinnt. Das wäre auch eine Pointe. Definitiv die bessere.