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TV-Kritik

"Maybrit Illner": Virologe Drosten: Corona-Fälle werden in Deutschland "wie Pilze aus dem Boden schießen"

Die Coronavirus-Pandemie hat Deutschland erreicht. Die Fallzahlen steigen rasch. Bei "Maybritt Illner" diskutierten Mediziner und Politiker die Lage. Klar wurde: Es dürfte einiges auf uns zukommen.

Coronavirus: Charité-Virologe Christian Drosten erklärt, wie gefährlich das Virus ist

"Man möchte sich ja gerne aufregen in Deutschland." Christian Drosten, Chef der Virologie an der Berliner Charité, bekam für diesen Satz bei "Maybritt Illner" am Donnerstagabend im ZDF Applaus. Was den Beifall-Klatschern zu diesem Zeitpunkt aber nicht klar war: Drosten wollte damit keineswegs sagen, dass man der hierzulande gerade einsetzenden Corona-Epidemie gelassen entgegensehen könne. 

Im Gegenteil: "Es wird schlimm", stellte er wenig später fest, forderte aber dazu auf, sich nicht weiter mit Aufgeregtheiten und Schuldzuweisungen aufzuhalten. Solche Diskussionen seien schlicht Zeitverschwendung, stattdessen müssten alle Ressourcen darauf konzentriert werden, die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Eine Pandemie sei eine "absolute Ausnahmesituation", in der alle improvisieren müssten, so Drosten – Verantwortliche, aber auch die Bevölkerung.

Diese Experten diskutierten bei "Maybritt Illner":

  • Jens Spahn (CDU): Bundesgesundheitsminister (Er wurde zugeschaltet)
  • Carola Reimann (SPD): Gesundheitsministerin in Niedersachsen
  • Christian Drosten: Institutsdirektor der Virologie, Charité Berlin
  • Klaus Reinhardt: Präsident der Bundesärztekammer
  • Johannes Wimmer: Humanmediziner und TV-Moderator
  • Anke Rüdinger: Apothekerin, Mitglied im Gesamtvorstand der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände
  • Alina Schadwinkel: Wissenschaftsjournalistin (spektrum.de)

Die Expertenrunde ließ keinen Zweifel daran, dass die Corona-Epidemie das Land in den kommenden Wochen herausfordern werde. Wie groß diese Herausforderung sei, lasse sich nicht vorhersagen. "Es ist eine sehr dynamische Entwicklung", stellte Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann fest. Antworten auf drängende Fragen gaben die Experten dennoch. 

Wie schwer trifft die Pandemie Deutschland?

Wie schon gesagt: "Es wird schlimm", so Charité-Virologe Drosten. "Und wir werden alle improvisieren müssen." Wichtig sei, dass sich auch die Bevölkerung der Situation bewusst sei und bei rasch steigenden Fallzahlen nicht in Panik gerate. Denn: In den kommenden Tagen werden die Fälle hierzulande, so Drosten, "wie Pilze aus dem Boden schießen". Es sei sogar damit zu rechnen, dass Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Corona-Zahlen gehören werde, da die Deutschen sehr reisefreudig seien.

Dennoch gelte im Moment, so Gesundheitsminister Spahn: "Das Risiko für die Gesellschaft ist größer geworden. Das Risiko für den einzelnen ist weiter gering bis mäßig." In der weit überwiegenden Zahl verlaufe eine Infektion zudem unspektakulär, doch es gebe eben auch schwere Verläufe und eine Todesrate von 0,5 bis 2 Prozent, so der Minister weiter. Inzwischen sei auch klar, dass nicht nur Angehörige der Risikogruppen (Ältere, Menschen mit Vorerkrankung) schwer erkranken könnten, sondern auch fitte Personen. 

Was kann man medizinisch gegen das Virus tun?

Ein Medikament gegen Covid-19 gibt es bisher nicht. Behandelt werden können im Moment lediglich die Symptome der Erkrankung. Und: "Ein Impfstoff kommt wahrscheinlich zu spät", stellte Drosten fest. Es sei damit zu rechnen, dass ein zugelassener Stoff erst im Sommer 2021 zur Verfügung stehe. Das lasse sich kaum beschleunigen, die Forschung sei schon "extrem schnell", doch die Tests und Regularien für eine Zulassung bräuchten Zeit.

Für die Mediziner komme es daher darauf an, die Ausbreitung des Virus‘ so weit wie möglich zu verzögern. Denn in den wärmeren Monaten dürfte die Infektionshäufigkeit durch UV-Strahlung, größere Trockenheit und häufigere Aufenthalte der Menschen im Freien zurückgehen. 

Stehen ausreichend Tests zur Verfügung?

Bei den Tests für Corona-Verdachtsfälle sei keinerlei Engpass zu befürchten. "Das ist kein Problem", so Drosten. Ein Abstrich im Rachen reiche, einen Tag später liege das Ergebnis vor. Geeignete Labore seien ausreichend vorhanden. Die Kosten – etwa 300 Euro pro Test – würden von den Krankenkassen übernommen, so Ärztekammerpräsident Reinhardt. Minister Spahn sprach sich wie schon in den vergangenen Tagen dafür aus, dass im Zweifel "einmal zu viel getestet werde als zu wenig".

Allerdings wurden in den vergangenen Tagen Menschen, die sich mit Corona-Symptomen meldeten und sich testen lassen wollten, auch zurückgewiesen. Da müsse die Information verbessert werden. "Die Gesundheitsämter sollen da schon testen", so Ministerin Reimann. Flächendeckend getestet werden muss nach Einschätzung von Drosten (noch) nicht. Bei Lungenerkrankten in den großen Kliniken sei das allerdings schon geschehen. 

Was kann jeder Einzelne tun?

Angesichts fehlender Medikamente sei der beste Schutz schlicht, sich möglichst nicht anzustecken. Wichtigstes Mittel, dies zu verhindern, sei das häufige und gründliche Händewaschen. Zu möglicherweise Erkrankten solle man möglichst ein bis zwei Meter Abstand halten. Einen Mundschutz zu tragen, diene in erster Linie dem Zweck, andere nicht anzustecken, so TV-Arzt Johannes Wimmer.

Die ganz einfachen Masken "bringen aber gar nichts, die beruhigen nur". Professioneller Mundschutz könne zwar helfen, "aber die tragen Sie nicht stundenlang", so Wimmer. 

Gibt es ausreichend Schutzausrüstung?

Allerdings seien weder die Schutzmasken noch Desinfektionsmittel für die Hände derzeit so ohne Weiteres zu bekommen, berichtete Apothekerin Anke Rüdinger. Während es bei den Handwaschmitteln Aussicht auf Nachschube gebe, werde es bei den Schutzmasken länger dauern.

Dies auch, weil medizinische Produkte und Medikamente im vom Coronavirus besonders hart getroffenen China produziert würden. Minister Spahn gab Engpässe zu. Notfalls müssten Produkte beschlagnahmt oder ein Exportverbot verhängt werden. 

Ist Deutschland wirklich gut gerüstet?

Beschlagnahme von Schutzprodukten – "das hört sich schon mal nicht nach guter Vorbereitung an", so Wimmer. Insgesamt sei die Krankenversorgung in Deutschland aber hervorragend. Zwar gebe es landesweit nur 60 Sonder-Isolierbetten, doch diese Schleusenzimmer seien nur für ganz besonders schwere Fälle zwingend notwendig, meinte Ärztekammerchef Klaus Reinhardt. Daneben gebe es 28.000 Isolierbetten in den Kliniken des Landes. Das sei weltweit eine der größten Bettendichte.

Wimmer monierte, dass die Zahlen auf dem Papier stimmten, doch es gebe nicht genügend Personal, um die Intensivbetten zu betreuen. Dass die Personalknappheit während der Corona-Epidemie ein Problem werden könne, bestätigte Reinhardt – vor allem dann, wenn sich Krankenschwestern und Pfleger infizieren sollten. Dieses Problem betreffe auch die Gesundheitsämter, die laut den Pandemieplänen von Bund und Ländern für die Bekämpfung von Corona-Fällen zuständig sind. Wimmer bemängelte, Gesundheitsminister Spahn hätte schon viel früher und klarer über Maßnahmen gegen Covid-19 nachdenken müssen. Für die Ausbreitung des Coronavirus‘ "ist Karneval schon ein Faktor". Journalistin Alina Schadwinkel bezweifelte, dass eine Absage des Karnevals verhältnismäßig gewesen wäre. 

Darf der Staat ganze Städte abriegeln?

Das Infektionsschutzgesetz, auf das in den Pandemieplänen verwiesen wird, berechtigt die staatlichen Stellen durchaus dazu, ganze Ortschaften abzuriegeln. Auch häusliche Quarantäne könne angeordnet werden – "und die ist dann auch verpflichtend", so Ministerin Reimann. Infizierte dürften dann ihre Wohnung zwei Wochen nicht verlassen. Für Betroffene, die in ihrer Wohnung festgesetzt werden müssten, ließen sich Bringdienste zur Versorgung organisieren. Grundsätzlich sei es "immer besser", einzelne Fälle zu isolieren und die Ansteckungskette zu erforschen, um die Ausbreitung Virus zu verlangsamen. Ob Schulen und Kitas geschlossen werden oder Großveranstaltungen vorsorglich abgesagt werden sollten, "muss immer von Fall zu Fall entschieden werden", so Virologe Drosten.

Deshalb sei unser Gesundheitssystem bis in einzelne Orte verästelt. Dort könne man am besten entscheiden. "Einreisekontrollen brauchen wir nicht", ergänzte Drosten. Nicht, weil sie nicht grundsätzlich sinnvoll seien, sondern weil in den kommenden Wochen die Fallzahlen innerhalb des Landes sprunghaft ansteigen würden. Angesichts dessen müsse man sich überlegen, wo die vorhandenen Kräfte am sinnvollsten eingesetzt werden könnten.

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