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Miroslav Nemec: Die nackte Kanone

Ein "Tatort" aus München ist wie der FC Bayern: schwer zu schlagen. Den Kahn gibt seit 16 Jahren Miroslav Nemec. Der spielt gern den lockeren Leitbullen - auch im wahren Leben.

Von Wolfgang Röhl

Mal nicht hinter Tätern her hecheln. Mal nicht über leichenstarre Opfer stolpern, Geiseln das Klebeband vom Mund reißen, frischgebackene Witwen trösten. Heute bitten die Herren Kommissare zum Schwoof.

Die drei amtierenden bayerischen "Tatort"-Ermittler bestreiten einen bunten Benefiz-Abend mit Rüttelreimen, derben Späßen, Chansons und guter alter Rockmucke. Michael Fitz (in der Serie Carlo Menzinger, Wasserträger des schrägen Trios, verlässt die Serie im nächsten Jahr) trägt lyrisches Liedgut vor. Udo Wachtveitl (der nette Kommissar Franz Leitmayr) bietet Juxgesang wie "Bitte mach mir ein Kind". Das vorwiegend weibliche, nicht ganz blutjunge Publikum kreischt enthemmt. O ja! Frauen lieben bayerische Bullen.

Nemec hat Musik studiert

Leitbulle, keine Frage, ist Ivo Batic alias Miroslav Nemec. "Der Miro", 52 Jahr', graues Haar, stahlblaue Lichter. Einst hat er in Salzburg Musik studiert, ist mit eigener Band getingelt. In Jeans, T-Shirt und Turnschuhen, Hofbräubuddel in der Hand, gibt er jetzt den Altrocker. Klopfer wie "The Letter", "Delta Lady" oder "Well I'm Alright" covert er durchaus gekonnt. Flitzt auf der Bühne rum, fast wie Mick J., persifliert die pathetischen Gesten der Bombast-Rocker.

Es ist eine schon etwas ältere Boygroup, die da in der rappelvollen Münchner Muffathalle Stimmung macht. Schließlich haben alle drei jeweils 16 TV-Dienstjahre auf dem Buckel. Ihr nächster "Tatort" "Das verlorene Kind" (handelt, ungewollt aktuell, von einem Mann, der seit seiner Kindheit gefangen gehalten wird) ist die Nummer 44 mit diesem Trio. Selbst das legendäre NDR-Paar Manfred Krug und Charles Brauer schaffte bis zur Pension nur 41 Fälle. Ein Ende der Münchner Connection ist nicht abzusehen.

Batic/Leitmayr ist Quotenbastion der ARD

"Tatort" ist die Premiummarke im Unterhaltungsregal des Ersten. Eine Ikone wie die "Tagesschau", Mutter ungezählter Karrieren von Schauspielern, Regisseuren, Autoren, Kameraleuten. Die Erfolgsserie schuf ziselierte Charaktere, wie den cholerischen Trimmel, den staubtrockenen Haferkamp, den muffeligen Finke, den prolligen Schimanski, die neurotische Odenthal. Doch gab es auch furchtbare Missgriffe, wie den nadelgestreiften Schnarrkopf Heinz Drache sel. als Bülow oder den radelnden Stadtschrat Jochen Senf als Palu.

Mit Batic/Leitmayr hält die ARD seit langem eine sichere Quotenbastion. Meist schauen mehr als neun Millionen zu. Manche Folgen waren Kabinettstücke. Etwa "Im Herzen Eiszeit", ein altlinkes Trauerspiel um Ideale und Verrat. Da spielte Rio Reiser die Kommissare glatt an die Wand. "Und die Musi spielt dazu", Abrechnung mit der schmierigen Volksmusikszene, besaß wahrhaft Polt'sches Format.

Müncher Tatort ist wie der FC Bayern: schwer zu schlagen

"Tatort" München, das ist so was wie der FC Bayern München. Schwer zu schlagen. Den Kahn gibt Miro Nemec. "Natürlich ist die Rolle ein Traum", sagt er. "Macht dich ruck, zuck populär, und für die Miete ist auch gesorgt. Bloß, planen kann man so was nicht. Du musst Glück haben. Zur richtigen Zeit das richtige Gesicht sein." Er und Wachtveitl wurden 1989 vom Bayerischen Rundfunk stilgerecht in einem Biergarten gecastet.

Carlos Freundin wurde rausgeworfen

Was hebt den "Tatort" - manchmal - heraus aus der riesigen Halde von Krimischrott? Die Kriminalen? Die Drehbücher? Die Regisseure? "Von allem etwas", glaubt Nemec. "Wichtig ist, dass die Kommissare klare Konturen zeigen." Gegenbeispiel ist für ihn Kommissarin Klara Blum, das bleiche Quotengift vom Bodensee, seltsam willenlos gespielt von Eva Mattes. "Die Figuren dürfen nicht mit zu vielen Farben gemalt sein", sagt er. Seine Truppe hat sich im Laufe der Zeit ein klares, schnörkelloses Image zugelegt. Da stören keine pubertierenden Gören, da zicken keine schwierigen Geliebten. Frauen, die den Kommissaren zu nahe kommen, werden vom Drehbuch alsbald ins Jenseits oder in den Knast befördert. "Anfangs hatte der Carlo eine Freundin", grinst Nemec, "aber die haben wir bald ausgemerzt. Wir fanden, unser Trio entwickelt Dramatik genug."

Nemec und Kollege Udo gehen selbst finstere Fälle locker an. Die münchnerische Leichtigkeit des Seins unterscheidet sie erfrischend von dem verbiesterten Hamburg-Cop Atzorn oder den politisch-korrekten Guttuern Behrendt und Bär aus Köln. Das Leichte ist aber bekanntlich das Schwerste. "Manche Szenen proben wir ewig", sagt Nemec. "Humor darf auf keinen Fall aufgesetzt wirken, nie Selbstzweck sein. Man mampft kein Brötchen in der Pathologie. Das ist nicht komisch, das ist Scheiße."

Fieser Sympathiebolzen

Manchmal sind die Methoden der Bayern recht robust. Da wird ein todkranker Kindesentführer ein bisschen gefoltert, auf dass er sein Versteck preisgebe. In "Frau Bu lacht" lassen die Kommissare eine überführte Mörderin laufen, weil ihr Opfer Kinder geschändet hatte. Sie laufen nicht den ganzen Tag mit dem BGB unterm Arm rum, die Jungs aus Bayern.

Nemec' Credo: "Man muss sich eine Rolle selber glauben können, dann erst ist sie für Zuschauer glaubhaft." Er mimt gern mal böse Finger, wie den verhinderten Tochtermörder im TV-Film "Einladung zum Mord". Böse kann er gut. Wie fies der Sympathiebolzen gucken kann! Seine Metzgerin mosert dann: "So mag ich Sie aber gar nicht, Herr Nemec É" Er: "Aber ich bin doch Schauspieler." - "Ja, dann..."

Ein Mann mit angenehm temperierter Schauspielereitelkeit. Leichthin unterhält er eine ganze Gesellschaft mit hübschen Taschenspielertricks. Prägnante Gesichtszüge, ausgeprägte Ansichten. "In manchen Dingen bin ich nicht liberal", gesteht er. "Ich mag es nicht, wenn Leute Gebräuche in dieses Land einschleppen, die unseren Werten total entgegenstehen." Er sieht sich nicht als Moralisten, aber als moralischen Menschen. "Will daran mitarbeiten, dass unterschiedliche Leute friedlich zusammenleben." Die Honorare für seine Konzerte und Lesungen gehen seit Jahren an den von ihm gegründeten Verein "Hand in Hand", der kroatische und bosnische Kriegswaisenkinder betreut. "Eigentlich bin ich ja Schauspieler geworden, um die Welt zu verändern", sagt er ernsthaft und schiebt rasch nach: "Natürlich geht es letztlich bloß um Geld, Anerkennung und Frauen." Und stößt seine selbstzufriedene, irgendwie sympathische Meckerlache aus.

In seiner Freizeit betreut er Waisenkinder aus seiner Heimat

Mit den Frauen hat er es, und sie mit ihm. Eine Ehe, eine langjährige Partnerschaft, zwei Töchter, ungezählte Affären. Wenn er seinen Werdegang schildert, beginnen die Sätze nicht selten mit: "Und dann ging ich mit einer Freundin nach É" Udo Jürgens' Replik auf die Frage: Haben Sie manchmal Angst, von einer Frau verlassen zu werden? findet Nemec zum Totlachen: "Sagt der Udo, nee, ich hab Angst, dass die Frau bleibt." Zu der einen oder anderen Kollegin fällt ihm spontan ein, auf sie sei er mal "scharf wie eine gedengelte Sense" gewesen. Die blonde, zarte, Katrin (seine derzeit Feste, Dokumentarfilm-Studentin, weniger als halb so alt wie er, seit gut fünf Jahren mit ihm verbandelt), muss gute Nerven haben. Im Frühjahr gab's mal eine Krise. "Aber die", beteuert der Mime, "ist durch und vorbei."

Zwei Töchter und ungezählte Affären

Nemec wuchs in Zagreb als Sohn eines Bankbeamten auf. Er erinnert sich an eine "wunderschöne, sehr emotionale Kindheit" im Hinterhof mit reichlich Festen, Verwandten, Bekannten: "Wir hatten nicht sehr viel, waren aber eine große Familie." Die Eltern ließen sich scheiden, und Miro pendelte zwischen Kroatien und dem bayerischen Freilassing, wo sich Verwandte der Familie angesiedelt hatten. Die adoptierten den Jungen schließlich. Beantragten für ihn die deutsche Staatsbürgerschaft, "weil das Reisen so kompliziert war mit dem roten Jugo-Pass". Sein Name lautet seither Nemec, ausgesprochen "Nemetz".

Aus seinem Fundus schildert er sehr farbig, wie es damals war mit den "Gastarbeitern". Die willkommen waren, da sie wieder gehen würden. Wie sie in ihren Parallelwelten hausten, die Sprache nur brockenhaft konnten, wie sie malochten und malochten, sparten, Geld nach Hause schickten. Wie die Deutschen sie manchmal besuchten in ihren Sonnenländern, wie sogar Freundschaften entstanden.

Vorzeige-Integrierte leidet unter Beutegermanen-Syndrom

Wie wurde er selbst behandelt? Nicht unfreundlich. Interessiert. Aber immer war er der Exot. "Der Fremde muss natürlich seine Grenzen kennen", sagt er. "Wenn er sich an die blonde Frau ranmacht, kommt beim deutschen Mann gleich die Schwanzproblematik auf den Tisch. Das ist wie bei Fassbinder, im Katzelmacher." Offenbar leidet dieser Vorzeige-Integrierte, dieses mit Brecht und Jandl vertraute, des hohen Deutschen wie des niederen Bayerischen kundige Mannsbild, den BMW gerne gratis einen X 5 fahren lässt, offenbar leidet dieses Erfolgsmodell gelegentlich unter einer Art Beutegermanen-Syndrom.
Aber das ist ein anderer Film.

Herrliche Jugend unter Tito! Leider mit dem Umzug nach Deutschland abrupt beendet. Die Adoptiveltern entpuppen sich als etwas eigen. Nix mehr mit Festen und Hinterhofidylle. Aber sie lassen ihn Musikunterricht nehmen. Dass er schließlich doch Schauspieler wird, verdankt er seiner Lehrerin. "Die hat mir den Zahn gezogen, jemals ein richtig guter Musiker zu werden."

Jugend auf Provinzbühnen

Er lernt dann mit Anfang zwanzig die Schauspielerei von der Pieke auf, in Zürich. Reiten, fechten, tanzen, singen, das ganze Programm. Legt den Jugo-Akzent ab, poliert sein Hochdeutsch, schafft sich ins Geschäft. Zehn Jahre Theater, an Provinzbühnen und an großen Häusern, etwa in Köln. Mit Hans Korte den Sternheim gespielt, "Aus dem bürgerlichen Heldenleben"! Erinnerungen, in denen er sich manchmal suhlt, bei dieser unglaublich massenwirksamen, aber doch elend langatmigen, grausam zerstückelten Fernseharbeit. Obgleich es ja das Theater war, das ihm manche Chance vermasselt hat. Bei der Erinnerung, dass ein Theatervertrag ihn gehindert hat, den Gigolo Chris in "Die flambierte Frau" zu spielen, könnte er noch jetzt in den Teppich beißen. "Was das für ein Karriereschub gewesen wäre!"

Wie eigentlich sieht das Publikum den "Tatort"? Als politisch-moralische Anstalt, wie Regisseure wähnen, die ihre Plots in der jeweils aktuellen Problemsoße ersäufen (nur eine Frage der Zeit, bis die Vogelgrippe durch den "Tatort" flattert)? Oder nimmt der gemeine Glotzer den Krimi als "zeitgenössischen Ersatz für die öffentlichen Hinrichtungen früherer Tage", wie Kollege Wachtveitl mal witzelte?

"Tatort"-Song made by Nemec

"Ja, will das Publikum in die eigenen Abgründe schauen?" sinniert der Miro, Ehrenkommissar der Münchener Kripo. "Oder einfach nur spannendes Zeug konsumieren? Also, der Udo und ich haben einen "Tatort"-Song geschrieben, geht nach der Melodie "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins..."" (singt):

"Ja am Sonntag um Viertel nach acht
da wird gern mal einer umgebracht
Die Angehörigen sind betrübt
Denn sie haben den Menschen geliebt
Doch das Publikum
Sieht das andersrum
Mord ist als Zerstreuung beliebt."

Nemec mit tezett feuert sein meckerndes Lachen ab, bleckt das Gebiss wie ein Balkanwolf, strahlt. "Das trifft's doch, oder?"

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