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TV-Kritik

"Berliner Runde": Schulz mit lustig

Am Wahlabend treffen sich die Großkopferten zur traditionellen Elefantenrunde. Der Tenor: schwer, schlecht, bitter. Oder, wie die Kanzlerin bemerkelte: Ein Ergebnis, auf das man aufbauen kann.

Von Ingo Scheel

Die Elefantenrunde nach der Bundestagswahl 2017

Das erste Zusammentreffen nach der Wahl: (v.l.n.r.)) Katja Kipping (Linke), Jörg Meuthen (AfD), Joachim Herrmann (CSU), Angela Merkel (CDU), Martin Schulz (3.v.r/SPD), Christian Lindner (2.v.r/FDP), Katrin Göring-Eckardt (r./Grüne)

Heute abend wird gesoffen, das hatte FDP-Silberrücken Kubicki schon kurz nach der ersten Hochrechnung verkündet. Dabei hatte er dieses Grinsen gegrinst, das sich um die Mundwinkel legt, wenn man den kalten Flachmann schon in der Jackentasche fühlt. Parteikollege Christian Lindner ist gut zwei Stunden später weit vom Schwips entfernt. Auf dem Elefantenfriedhof, Verzeihung, in der Elefantenrunde ist ein klarer Kopf vonnöten. Gut, wenn man da die Message beschränkt und sich fokussiert: Comeback. Comeback. Comeback. 

Die Berliner Runde am Abend der Bundestagswahl - das ist so etwas wie das große Wiedersehen im Dschungelcamp-Baumhaus. Nachdem man sich über Wochen beharkt hat, setzt man sich zum kollektiven Durchatmen an den Tisch und schaut, was vom Wahltage übrig geblieben ist. Rüttelt nochmal an alten Kontroversen, sagt, was man immer nochmal sagen wollte, versöhnt sich, streitet weiter. Macht neue Fässer auf. Oder kaut noch einmal ohnehin Zerkautes wieder.

Angela Merkel macht ihr Ding

Am Talktisch, parallel im Ersten und Zweiten ausgestrahlt, war vornehmlich, welch Wunder, die AfD das Thema. Draußen stellte deren Chef Gauland sich seinen eigenen Jagdschein aus, drinnen versuchte Parteikumpan Jörg Meuthen vergeblich, seinem vogelwilden Bikinis-statt-Burkas-Tross ein sozialverträgliches Antlitz zu geben. 

Und während Katrin Göring-Eckardt von den Grünen so müde dreinschaute, als hätte sie die letzten Nächte tatsächlich auf einem Feldbett im Freien verbracht, ging Noch- und Wohl-Weiterhin-Kanzlerin Merkel mit mildem Lächeln und der Geschmeidigkeit von einem Dutzend Kanzlerjahren fast schon zur Tagesordnung über. Dankte den Wählern und Wählerinnen und sah im Wahlergebnis - Tektonik, Baby! - ein Ergebnis, auf das man aufbauen kann. So kann man es natürlich auch ausdrücken. Mach dein Ding. Psychedelischer wurde es da nur beim Meuthen, der zwischenzeitlich vermeldete, Migranten würden die stärkste Wählergruppe der AfD ausmachen.

Martin Schulz schaltet in den Oppositions-Modus

CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann, sonst eher nicht um Worte verlegen, stellte mimimimittendrin fest, nun schon zwei Fragerunden übergangen worden zu sein, Linken-Chefin Katja Kipping zeigte, dass sie ihre Wahlkampf-Broschüren wirklich gut verinnerlicht hat. Und während Christian Lindner, möglicher Son of Jamaica in spe, sein Martin-Freeman-Lächeln lächelte, legte Martin Schulz den Schalter auf Opposition um, schneller als man "demokratich" und "europäich" sagen kann. Kippte hochmuttiviert die Große Koalition im Handstreich, fläzte sich in Nullkommanichts auf den Oppositionssessel und kanzlerte Angela Merkel als "Ideenstaubsauger" ab. Prangerte "einen skandalösen Wahlkampf" an und hatte bei ihr eine "systematische Verweigerung von Politik" ausgemacht.

Elefantenrunde: Keine One-Man-Show

Hatte sich da jemand alte TV-Mitschnitte angeschaut und sich inspirieren lassen? Anno 2005 hatte Gerhard Schröder seine Abwahl nicht ganz so entspannt verkraftet und aus der Elefantenrunde eine One-Man-Show gemacht. Ganz so egomanisch krachend wie beim einstigen Brioni-Kanzler wurde es nicht, aber auch die Moderatoren Rainald Becker (ARD) und Peter Frey (ZDF) bekamen schließlich noch ihr Fett weg. Ihm reiche es, so Schulz, bei den Öffentlich-Rechtlichen immer eine Lektion erteilt zu bekommen. Den Dampf hätte man sich beim TV-Duell auch gut vorstellen. Na schön, vielleicht nächstes Mal. 

Als Schulz schließlich den Groko-Nachfolgern schon mal alles Gute wünschte, war das fast zuviel für Christian Lindner. Der Sonnyboy sah sich vorschnell auf die Regierungsbank gedrängt und entstaubte abgerockte Willy-Brandt-Metaphorik, um Schulz zurück in die Verantwortung zu schieben. Zwischendurch wachte Katrin Göring-Eckardt dann doch noch auf, fand Herrmanns bayrischer Bariton ein wenig Gehör, hatte auch Martin Schulz sich fast schon wieder beruhigt. Denn auf eines kann man sich an solch einem Abend immer einigen: Das muss alles erstmal in Ruhe analysiert werden. Oder wie Wolfgang Kubicki sagen würde: Prost!