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GUNTER SACHS: Unser Mann im Jet-Set

Er genoss den zweifelhaften Ruf, der erste Playboy der Nation zu sein - doch Gunter Sachs, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, ist mehr: Er hat die Deutschen nach dem Krieg im Alleingang wieder international gesellschaftsfähig gemacht.

Es war wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag. Gerade erst war Gunter Sachs mit dem Privatjet aus Sylt gekommen, und jetzt saß er im Restaurant Käfer in München rechts neben der Küche in einer Nische und starrte unglücklich auf seinen Teller. Es gab Spinat und Spiegelei, und darüber hatte der Kellner einige weiße Trüffel geraspelt.

Sachs trug an diesem Abend ein blaues Hemd und eine schwarze Hose, das Haar war weiß und voll, und das Gesicht erzählte von einem entspannten und manchmal sorglosen Umgang mit sich selbst in den vergangenen Jahren. »Herr Ober, haben Sie keine anderen Trüffel?«, fragte er. Seine Stimme klang tief und gewichtig wie ein Acht-Zylinder-Big-Block in einem Cadillac.

Der Kellner sank in sich zusammen, als hätte jemand den Stöpsel gezogen. »Herr Sachs, ich bin? ich meine, der Trüffel? also, stimmt etwas nicht?«, fragte er und schaute mit dieser Mischung aus Servilität und Betroffenheit, die jeder gute Kellner abrufen kann in solchen Fällen.

Gefeierter Fotograf und Dokumentarfilmer

Dabei gehört Gunter Sachs wirklich nicht zu den schwierigen Kandidaten in einem Restaurant. Es war nur so, dass er bei den letzten Trüffeln auf Sand herumgekaut hatte, und das wollte er diesmal vermeiden. Schon weil Trüffel immer nur für wenige Wochen im Herbst zu bekommen sind und weil die Anzahl der Herbste langsam überschaubarer wird mit 70 Jahren.

Das allerdings sollte nicht Gegenstand dieses Treffens sein. Eher ging es darum, einem Menschen zu begegnen, der nach dem Krieg neben Sepp Herberger oder Curd Jürgens oder Konrad Adenauer einer der wenigen in Deutschland war, von denen die Welt Notiz nahm.

Er war es, der die Deutschen nach dem Krieg wieder gesellschaftsfähig machte. Der als Erster den braunen Sumpf vergessen ließ und wieder so etwas wie Stil brachte in unser Land. Er war auch der Erste, der nicht mehr Deutscher oder Schweizer oder Engländer war, sondern Europäer.

Und dann ist Gunter Sachs noch einer der vielseitigsten Menschen unserer Tage: Ein gefeierter Fotograf und Dokumentarfilmer, und ein profilierter Kunstsammler ist er auch. Er schrieb einen Bestseller und drei Drehbücher und stellte auf der Bobbahn von St. Moritz mal einen neuen Bahnrekord auf, und ein begnadeter Geld-Scheffler ist er obendrein, weshalb er es jedes Jahr wieder auf die Liste der »100 reichsten Deutschen« schafft. Dabei ist Gunter Sachs seit 25 Jahren Schweizer.

Das alles sollte Grund genug sein, um zu seinem Geburtstag eine kleine Bilanz zu ziehen.

»Licht am Ende des Tunnels«

Und um ein paar Fragen zu klären, die uns schon immer interessiert haben an seiner Person: Was passierte wirklich mit Brigitte Bardot auf den Polstern seines 350-PS-Motorboots? Welche Tipps hat er, wenn es darum geht, selbst mal so ein Luxusgeschöpf an Land zu ziehen? Wie stapelt man ein legendäres Vermögen und bleibt trotzdem ein lässiger Hund? Und was passiert mit dem Geld, wenn er selbst nicht mehr ist? Das wäre auch noch eine angemessene Frage gewesen. Leider nicht an diesem Abend bei Käfer.

»Wie viele Naturwissenschaftler denke ich natürlich, dass nach dem Tod nichts mehr kommt«, sagte er nur. »Auf der anderen Seite haben alle, die bereits klinisch tot waren und zurückgekehrt sind, immer ein Licht am Ende des Tunnels gesehen. Und ein Wesen, das sie geleitet hat. Bedeutet es, dass der Tod doch nur Durchgang zu einer anderen Daseinsform ist? Wir werden es nicht wissen in dieser Welt.«

Auf heißen Kufen

Dafür wusste er, was eine Pointe ist und dass die besten Geschichten jene sind, bei denen man über sich selbst lachen kann. Zum Beispiel: Wie die Engländer beim Bobfahren öfter mal Bleiplatten unter ihr Gefährt schraubten. Das taten sie, um ein bisschen schneller zu sein, und das war natürlich gegen die Regeln und ärgerte einen Gentleman-Sportler wie Gunter Sachs, sodass er im Gegenzug eine Art Kufenschoner austüftelte, in den er heißes Wasser füllen konnte. Das sollte die Eisen erwärmen, weil ein Bob auf heißen Kufen ein bisschen schneller durch den Eiskanal rast. Theoretisch. Praktisch tauten die heißen Kufen schon das Eis in der Startspur auf, so dass sein Bob immer tiefer sank und Sachs gar nicht mehr loskam, als er das Gefährt anschieben wollte.

In kürzster Zeit pleite

Oder die Geschichte seines ersten eigenen Unternehmens. Es begann damit, dass seine Großmutter viel Geld hatte und jede Menge Stiche des großen deutschen Malers Adolph von Menzel im Treppenhaus. Und Sachs und sein Bruder hatten wenig Geld und noch weniger Ahnung von der Kunst und sowieso keinen Respekt vor einem Menzel. Also verkauften sie heimlich einen der Stiche und rückten alle anderen so weit auseinander, dass die Abstände wieder passten, und verspachtelten die Löcher mit Zahnpasta. Das funktionierte reibungslos, sodass die Räume zwischen den Menzels mit der Zeit immer größer wurden und am Ende nur noch ein einziges Bild im Treppenhaus hing. Von seinem Anteil am Erlös kaufte Sachs einen Kaffeeautomaten, den er an der Uni installierte, und dann betraute er einen befreundeten Prinzen mit der Wartung des Apparats. Leider kippte der Prinz das Kaffeepulver nicht in die Maschine, sondern belieferte damit die Konkurrenz und steckte den Gewinn in die eigene Tasche, sodass Sachs in kürzester Zeit wieder pleite war.

Die zweite Geschäftsidee hatte Sachs, als ihm auffiel, dass er am Telefon nie »M wie Martha«, aber immer »M wie Mercedes« sagte. Genauso gut könnte man auch »N wie Nivea buchstabieren«, überlegte er, oder »D wie Degussa«, und dieses Alphabet könnte man dann in alle Telefonbücher drucken, und dafür müssten ihm die Herren Nivea oder Degussa doch einen Orden spendieren und natürlich auch etwas Geld.

A wie Asbach packte gleich 58000 Mark auf den Tisch und lud Sachs in die Firma ein, um mit der Belegschaft ein paar Fläschchen zu leeren. E wie Esso fand, dass »die Scheißidee keine 5 Mark 80 wert« sei. Dafür waren die Firmen Ford bis Riri wieder richtig begeistert. Leider stoppte S wie Sachs den Siegeszug seines Sohnes, weil der Spross lieber »studieren als buchstabieren« sollte. Dabei atmete die Idee durchaus die Tradition der Familie. Das gleiche spielerische Genie. Und der gleiche respektlose Pioniergeist, dem die Familie Sachs ihren Reichtum verdankte.

Vermögen vervielfacht

Der resultierte genau genommen aus der Tatsache, dass der Großvater leidenschaftlich gern Radrennen fuhr. Zu seiner Zeit allerdings waren Räder noch Ungetüme, die ein winziges Hinter- und ein riesiges Vorderrad hatten, das dann direkt verschraubt war mit dem Pedal. Bergauf schuftete man sich damit fast in den Kollaps, und bergrunter wurde man dafür nicht belohnt, weil die Pedale schneller rotierten, als sich ein Schenkel bewegen kann. Deshalb hat Großvater Sachs 1894 den Freilauf erfunden.

Später kam dann noch die Rücktrittbremse hinzu, und noch später gab es die ersten Torpedo-Gangschaltungen, und daraus wuchs nach dem Krieg Deutschlands größter Zulieferer für die Automobilindustrie. Als Gunter Sachs das Imperium in den 70er Jahren mit seinem Bruder in vier Tranchen verkaufte, gehörte er zu den reichsten Männern in unserem Land. Seitdem hat er sein Vermögen durch kluge Anlagen vervielfacht. »Immer nach der mecklenburgischen Kaufmannsregel: ein Drittel Immobilien, ein Drittel Aktien, ein Drittel Obligationen.«

Das klingt heute einfacher, als es war. Rückblickend betrachtet, hat Sachs für die meisten seiner Transaktionen den historisch besten Zeitpunkt erwischt. Er hat auch beim Verkauf seiner Firma mehr Geld ausgehandelt, als jeder Berater vorher erhofft hatte. Und er hat sich durchgesetzt gegen den deutschen Staat, der ihn wegen der Veräußerungsgewinne in Deutschland besteuern wollte. Obwohl Sachs seit dem dritten Lebensjahr seinen Wohnsitz in der Schweiz hat. (Das Verfahren wurde vom Finanzgericht München entschieden und gab Sachs dann in allen Punkten Recht.)

»Genießen, habe ich gesagt!«

Dass er sich damals nicht hat beeindrucken lassen von der geballten Macht des Staatsapparats, mag als Ausweis dienen für die Unabhängigkeit seines Denkens. Oder als Beleg, wie sehr er geprägt war durch die Mutter. Die hat sich von ihrem Mann getrennt, als Gunter drei Jahre alt war, und ist mit den beiden Söhnen in die Schweiz übergesiedelt, weil sie entschieden keine Sympathie empfand für die braunen Horden des Dritten Reichs. »Meine Mutter«, sagte Sachs jetzt mit einem zufriedenen Blick auf den zweiten Trüffel, »war eine stolze, warmherzige Frau, die ihre Prinzipien hatte.«

Zum Beispiel als sie den Söhnen die Schönheiten der Natur näher zu bringen versuchte. Das sah dann so aus: Sie packte ihre Jungen ins Auto und fuhr mit ihnen über den nächsten Pass, weil die beiden den Sonnenuntergang »genießen« sollten. Natürlich hatten die Gebrüder wenig Interesse an roten Himmeln, aber umso mehr an den Karl-May-Büchern auf ihren Knien. Selbst beim Aussteigen lasen sie noch. Da schallten zwei Ohrfeigen durch die Stille. »Genießen, habe ich gesagt!« Es hat dem Romantiker in Sachs nicht geschadet. Auch nicht, als dann ein Onkel sich in die Erziehung einzumischen versuchte. Er war General und glaubte, dass zu einer guten Erziehung auch der männliche Part gehört. Also verbot er den Brüdern das Betrachten von Mickymaus-Filmen und rauchte mit ihnen ein paar Zigarren.

Schulbank mit Königen gedrückt

Zum Glück war Zigarrenrauchen für Gunter Sachs zu beschaulich, um ein echtes Hobby zu sein. Lieber raste er auf Skiern die Hänge hinunter, und da am besten immer auf dem direkten Weg, ohne Kurven und Bögen und was sonst noch seine Geschwindigkeit bremsen könnte. Oder er schraubte an seiner Seifenkiste herum, die er mit Höchstgeschwindigkeit auf der ersten Talfahrt gleich wieder zerlegte. Irgendwann schickte ihn die Mutter dann auf ein Internat, das wegen der Nachkriegswirren vorzugsweise Sprösslingen der europäischen Aristokratie eine Heimat war. Sachs ging mit den Söhnen von sieben echten Königen zur Schule.

Wahrscheinlich ist es eine der entscheidenden Weichenstellungen seines Lebens gewesen.

Denn von ihnen lernte er, dass auch Könige eine Fünf schreiben können. Und dass im Leben nicht Geld oder Moral entscheidend sind, sondern Stil, Geschmack und Ritterlichkeit und im Gespräch eine kluge Pointe. Außerdem wuchs er so automatisch in die gute Gesellschaft hinein. Deshalb studierte er nach dem Internat zuerst Mathematik und zog dann nach Paris, dem Zentrum für die internationale Gesellschaft.

Spielgewinne in Künstler investiert

Mit ihr verbrachte Sachs seine Nachmittage beim Ecarté, einem Kartenspiel, bei dem es darauf ankommt, die Stärke des eigenen Blatts anhand von Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Sachs studierte nicht nur Mathematik. Er hat auch jedes Buch zu diesem Spiel gelesen. Wahrscheinlich war er deshalb einer der besten Ecarté-Spieler seiner Zeit. Der Geldadel brannte darauf, sich von ihm filetieren zu lassen. Den Gewinn investierte Sachs in junge Künstler.

Dazu traf er sich mit vier Freunden einmal die Woche und diskutierte über jene Formen zeitgenössischer Kunst, von denen noch niemand wusste, ob sie wirklich Kunst waren oder doch nur Bluff. Das war der eigentliche Thrill: Einen Picasso für 500000 Franc kaufen konnte jeder, der genug Bargeld besaß. Aber Bilder für 8000 Franc zu sammeln, die keinem was sagten, aber später vielleicht Meilensteine in der Geschichte der Kunst sein würden, verlangte Gespür. Und das Wissen um Dinge, die in der Zukunft liegen.

Seltsamerweise setzte Gunter Sachs immer auf die richtigen Leute. Er entschied sich für die Neuen Realisten und später dann für die Pop-Art, als beide noch nicht einmal diesen Namen hatten. Und heute ist die Sammlung ungefähr 100 Millionen Dollar wert. Wenn denn Geld eine Kategorie wäre, die ihn noch interessieren würde.

Ihm hat Geld auch damals nicht wirklich etwas bedeutet. Viel spannender fand er, was gerade in Saint-Tropez passierte. Es waren die Anfänge einer ersten europäischen Jugendkultur. Zum ersten Mal kippte eine Generation die Moralvorstellungen ihrer Väter über Bord und leistete sich eine eigene Mode. Suchte die freie Liebe jenseits der Konvention und kümmerte sich nicht um Fragen der Etikette. Hauptsache, das Leben hatte Stil und Geschwindigkeit. In beidem war Gunter Sachs ein Meister.

Außerdem war er unter den Protagonisten der einzige Deutsche. Er schlenderte in blauem Hemd, weißer Hose und ohne Strümpfe durch Saint-Tropez und prägte damit den Stil einer ganzen Generation. Oder er ballerte mit einer Münch über die Straßen der Cote d'Azur. Ohne Helm, aber mit 220 Kilometer pro Stunde. Dieses Motorrad war schwer wie ein Traktor, hatte aber die Beschleunigung einer Rennmaschine und eine Bremse, die eher aus einer Seifenkiste zu stammen schien. »Man musste ungefähr 400 Meter vor dem gedachten Haltepunkt anfangen den Hebel zu ziehen«, sagte er. »Eine meiner herausragenden Leistungen war, dass ich am Leben geblieben bin.«

Die Frauen an seiner Seite

Eine andere Leistung waren die Frauen an seiner Seite: mindestens Topmodel, manchmal auch eine Schauspielerin und für einige Wochen sogar Soraya, die ehemalige persische Kaiserin. Und drei Jahre lang Brigitte Bardot, die schönste und begehrteste Frau jener Zeit. Trotzdem hat er in seinem ganzen Leben »wahrscheinlich weniger Frauen geliebt als jeder durchschnittliche Ballermann-Deutsche«.

Das ist der Unterschied zwischen einem Romantiker und einem Rammler. Sex war für Sachs immer die letzte Vollendung einer Leidenschaft. Aber nie eine weitere Kerbe auf seinem Revolver. »Das Wesen der Leidenschaft ist nun mal, dass sie Ewigkeit will, aber nie ewig dauert«, sagte er. Und dass sie schneller verbrennt, je heller sie leuchtet. »Es gab in meinem Leben vielleicht acht, neun große Lieben«, erzählte er. »Und die tiefste ist mit Sicherheit meine jetzige Frau. Mit ihr bin ich seit 33 Jahren glücklich verheiratet.«

Stürmische Liebe zur Bardot

Am heißesten aber brannte wahrscheinlich seine Beziehung zu Brigitte Bardot. Dieses klare Bekenntnis zu Gefühl und Leidenschaft. Und zu allem anderen, was im verklemmten Deutschland keiner für möglich gehalten hatte: Gunter Sachs, der aus einem Hubschrauber über ihrem Garten tausend Rosen regnen lässt. Und dann aus zehn Meter Höhe ins Wasser hechtet und ihr Grundstück entert wie ein Seeräuber auf der Suche nach seinem Schatz. Oder wie beide mit seinem Motorboot in die Nacht hinausdonnern und das Boot bei Vollgas sich selbst überlassen, weil nichts mehr existiert außer der Liebe. Egal, ob sie dabei in Afrika landen oder an einem Tanker zerschellen. »Wir ersehnten in diesem Augenblick beinahe zu sterben«, sagte Sachs an diesem Abend im Restaurant. Glücklicherweise blieb ihm das Schicksal erspart. Drei Jahre später waren sie wieder geschiedene Leute.

Trotzdem hatte diese Liaison Deutschland verändert. Selbst wenn danach nur keiner mehr eine Krawatte brauchte und niemand länger ein Problem darin sah, wenn sich zwei Menschen auf offener Straße küssten.

Gunter Sachs war nicht wirklich politisch zu dieser Zeit. Er sah sich nicht in einem Parka auf einer Demo stehen, sondern eher »an einer Bar lehnen mit einem Johnny Walker Black Label ohne Eis«. Er war auch nicht links damals, sondern bestenfalls liberal-konservativ. Aber auf den Listen der RAF mit ihren möglichen Zielen tauchte er trotz seines Vermögens nie auf. Vielleicht weil sie seinen unabhängigen Geist respektierten. Wahrscheinlich taugte der Paradiesvogel auch nicht als Symbol des Kapitalismus. Und möglicherweise hat es den 68ern auch imponiert, dass Sachs sich schon mal gegen den Springer-Verlag stellte, notfalls mittels juristischer Keule.

Und wenn das nichts half, schrieb er einen offenen Brief an den Verleger. Beispielsweise als sein Bruder bei einem Lawinenunglück ums Leben kam und die »Bild«-Zeitung dichtete: »Der Tote im Schnee ist an seinem Reichtum erstickt.« Und: »Er war kleiner als Gunter, hatte nicht dessen große Nase, dessen behaarte Brust und was sonst noch an ihm groß sein soll.«

Andere Dinge, die ihn selbst betrafen, ließ Sachs dagegen unkommentiert. Selbst wenn ihn die Presse einen »rücksichtslosen Weiberhelden« nannte oder ihm »ein verantwortungsloses Leben« bescheinigen wollte.

Krebs besiegt

Dabei war eher das Gegenteil richtig: Zum Beispiel als seine erste Frau im Krankenhaus bei einem Routineeingriff starb. Er hatte für sie die beste Klinik der Schweiz ausgesucht, und trotzdem verwechselten die Ärzte bei der Narkose die Schläuche und pumpten Betäubungsgas in die Lunge anstelle von Sauerstoff. Die Frau ist nie wieder aufgewacht aus dem Koma. »Kein Mensch tut so was aus Böswilligkeit«, meinte Sachs, »was hätte es ihr und mir gebracht, wenn ich die Klinik verklagt hätte.« Das Einzige, was er tat, war, dafür zu sorgen, dass es seitdem überall rote und blaue Schläuche gibt. Die Geschichte sollte sich nicht wiederholen. In keiner Klinik.

Es ist typisch für Gunter Sachs, dass er auch jetzt noch in der Öffentlichkeit nicht gern darüber redet. Genauso wenig wie über jene Zeit, als bei seiner Freundin Brigitte Laaff ein Tumor festgestellt wurde. Direkt neben der Wirbelsäule. Damals hatten sich die beiden gerade getrennt, und er verfolgte längst andere Ziele. Trotzdem sagte er: »Wer, wenn nicht ich?«, und wich dann 18 Monate lang nicht mehr von ihrer Seite. Eineinhalb Jahre stöhnen und schreien und nachts um zwei in die Apotheke hetzen, um Morphium zu besorgen gegen den Schmerz. Drei Monate lang reiste er mit ihr durch Amerika von einer Spezialklinik in die nächste, und auch in Europa schleppte er sie zu jedem Arzt, von dem er sich noch eine Rettung versprach. Die Diagnose war immer die Gleiche: »Inoperabel«. Irgendwann meinten die Ärzte sogar: »Sie hält die hohe Morphiumdosis nicht aus, bringen Sie das Mädchen nach Hause und lassen Sie es in Ruhe sterben.«

Aber Sachs gehörte nicht zu den Menschen, die sich beeindrucken lassen durch einen solchen Satz. Nicht einmal als sich auch die Freundin weigerte, noch einen weiteren Mediziner zu sehen. Also stellte er den nächsten Arzt als einen alten Studienfreund vor, der nur gekommen sei, um ein bisschen zu plaudern. Nebenbei tastete der kurz ihren Rücken ab und meinte danach, dass es bei schmalen Menschen manchmal passieren kann, dass die Apparate etwas die Perspektive verzerren. »Der Tumor sitzt höher, als meine Kollegen vermuten«, sagte er, »ich glaube, dass es noch eine Chance gibt.«

Sein Eingriff dauerte fast fünf Stunden. Danach kam die Geschwulst nie wieder.

Am Ende war es sein Charakter, der ihr das Leben gerettet hat. Seine Sturheit, das Ankämpfen-gegen-Widerstände und das Nur-auf-sich-selbst-Vertrauen.

Mit diesen Eigenschaften hat er sich vor einigen Jahren auch dem Thema Astrologie gewidmet. Die Idee kam ihm während einer sternenklaren Nacht in den Schweizer Bergen. Da starrte er in die Unendlichkeit, und die Erde um ihn herum wurde klein wie eine Sardine im Ozean, und er überlegte, ob es eine Möglichkeit gebe nachzuweisen,

welchen Einfluss dieser Ozean hat auf eine Sardine. Wenn etwas dran wäre an der Kraft der Gestirne, dann müssten die Folgen doch statistisch messbar sein.

Sachs war wahrscheinlich der Einzige, der sich überhaupt auf diese Fragestellung einlassen konnte: reich genug, um den langen Atem zu haben, und unabhängig genug, um keine Angst zu haben, sich lächerlich zu machen, und entschlossen genug, um sich nicht bremsen zu lassen vom Datenschutz und anderen Widrigkeiten. Außerdem wusste er als Mathematiker, was Signifikanzen sind und warum der Chi-Quadrat-Test eine entscheidende Rolle spielt bei den Berechnungen. Also besorgte er sich - was als unmöglich galt - zwei Millionen Daten vom Berner Bundesamt für Statistik. Dieses Material sortierte er nach Sternzeichen und fahndete nach signifikantem Verhalten. Er fand, dass Wassermann-Männer selten Stier-Frauen heiraten und Jungfrauen gern mal einen Unfall verursachen und Fische überproportional häufig Selbstmord begehen.

»Es geht nicht immer um Sex«

Das publizierte er in einem Buch, aber die Reaktionen darauf waren dann anders, als er erwartet hatte. Obwohl das Werk im Wesentlichen nur aus Zahlenkolonnen bestand, verkaufte es sich über 200.000-mal. Und obwohl er es mit größtmöglicher Akribie beendet hatte und man ihm sogar beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden mathematische Sauberkeit attestierte, wurde es von einigen Pseudowissenschaftlern geteert und gefedert. Denen hat er auch heute noch nicht verziehen.

Das Thema beschäftigt ihn noch immer als Gesprächsstoff in jeder geselligen Runde. Das ist ungewöhnlich. Denn bisher verlor er immer das Interesse an den Dingen, wenn sein Verstand sie durchmessen hatte. Bei der Astrologie allerdings machte er eine Ausnahme. Und natürlich wenn es um die Frauen an seiner Seite geht.

Immer noch gibt es kein Essen, bei dem nicht wenigstens eine Schönheit neben ihm sitzt: meistens jung, fast immer blond und nie auf den Mund gefallen. In diesem Fall war es eine 39-jährige Adlige. Sie hatte den Körper eines 17-jährigen Models, war aber vierfache Mutter und kannte ihn schon aus ihrer Kindheit. »Es ist jedes Mal ein Vergnügen, in seiner Nähe zu sein«, sagte sie.

Das ist das eigentlich Erstaunliche an ihm. Andere Männer mit solch einem Vermögen pflastern sich selbst mit Geldscheinen zu, bis das Alter dahinter verschwindet. Und irgendeine Frau findet sich dann immer, die dieses Kunstwerk sexy findet. »Aber es geht nun mal nicht immer um Sex«, meinte Sachs. »Es geht um Liebe. Um Stil und Ritterlichkeit und um eine gute Pointe.«

Warum aber sind dann die Frauen an seiner Seite immer noch und immer wieder von solcher Schönheit?

»Wem würde es nützen, wenn es nicht so wäre«, antwortete er.

Christoph Scheuring