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Pavarottis Privatsekretär erzählt: Wie der Maestro einmal Hundekuchen aß

Vor einem Jahr starb Luciano Pavarotti, der vielleicht größte Tenor aller Zeiten. Er war als Bonvivant und Frauenheld bekannt. Nun hat sein treuer Privatsekretär ein Buch veröffentlicht, das den Maestro von einer bislang unbekannten Seite zeigt - als fürsorglichen Patriarchen, der sich stets um seine Mitarbeiter kümmerte.

Von Claus Lutterbeck

Der kleine blaue Koffer war immer dabei, überall auf der Welt. Darin trug der Diener das Allerwichtigste für seinen Herrn. Er wurde oft gefragt, was wohl drin sei. Die Noten? Nein, die kannte Luciano Pavarotti auswendig. Viel wichtiger. Dinge, ohne die sein Chef keinen Abend durchgestanden hätte.

Jetzt ist der Maestro ein Jahr tot, und der Privatsekretär redet, erstmals. Edwin Tinoco ist in den zehn Jahren vor seinem Tod keinen Tag von Pavarottis Seite gewichen. Der verschwiegene Peruaner organisierte den Alltag, zahlte die Rechnungen, hatte all seine Kreditkarten in der Tasche und wusste immer, welche Pillen sein Chef schlucken musste - es waren viele. Er sorgte dafür, dass immer und überall Eiswürfel standen, die der Meister dauernd lutschte. Er verwaltete die kubanischen Zigarren, die Pavarotti sich am Ende der Tourneen genehmigte. Er war mit im OP, als der krebskranke Pavarotti in New York operiert wurde. Er hielt ihm die Hand, als er am 6. September 2007 starb.

"Edwin war der Sohn, den Pavarotti nie hatte", sagen Freunde des Tenors. In einem Fotoband, den er nun zusammen mit Thomas Reitz, dem langjährigen Tourmanager, und Felix Scheuerpflug, dem Promoter, herausgegeben hat, zeichnet der Vertraute das anrührende Bild eines Pavarotti, den kaum einer kannte.

Schweinskopsülze statt Sushi

Und was war im blauen Koffer? In den Konzertpausen holte Tinoco die Mortadella und den Parmesan heraus, ohne die sein Chef nie verreiste. Und nach dem Auftritt, wenn die Premierengäste sich über Hummer und Champagner hermachten, vertilgte Pavarotti lieber einen gewaltigen Teller Tagliatelle mit Parmigiano und trank kalten Lambrusco secco dazu, die Flasche für fünf Euro. Vorräte für drei bis vier Monate mussten mit auf Tournee, dazu viele Liter Olivenöl. Die teuren Burgunderweine, die man Pavarotti dauernd schenkte, reichte er an seine Mitarbeiter weiter. Bei Einladungen in die feinsten Sushi-Bars winkte er dankend ab, er aß lieber Schweinskopfsülze.

Pavarotti hat Jahre seines Lebens auf Reisen verbracht, aber richtig weg war er eigentlich nie. Ob beim Gastspiel in Tokio, ob in seinem Luxus-Appartment hoch über dem New Yorker Central Park oder bei den alljährlichen Winterferien auf Barbados, wo er im "Sandy Lane" wohnte, einem der schönsten und teuersten Hotels der Welt, - überall schuf er sich seine norditalienische Heimat.

Die dicken japanischen Ringer begeisterten ihn

Edwin hatte in jedem Hotelzimmer den Fernseher gleich zu programmieren. Erster Kanal: Rai, zweiter Kanal: Eurosport. Damit er immer und überall verfolgen konnte, was Juventus Turin gerade trieb. Wenn kein Fußball lief, schaute er Tennis oder Sumo. Die dicken japanischen Ringer begeisterten ihn, erinnert sich Edwin: "Sie sehen aus wie ich und sind Spitzensportler."

In Japan kaufte er sich sogar eine Sumo-Badewanne und ließ sie in sein Haus in Italien einbauen - endlich eine Wanne, in die er reinpasste. Seine Fußballverrücktheit ging so weit, dass er auch das Spiel Deutschland - Italien bei der Weltmeisterschaft 2006 nicht verpassen wollte, obwohl er gerade erst operiert worden war: "Er lag in seinem New Yorker Krankenzimmer und schrie so laut, als Italien gewann, dass die Ärzte angerannt kamen, weil sie dachten, er sterbe gerade."

Fehlte die Küche in der Hotelsuite, wurde eine eingebaut

Pavarotti ging selten ins Restaurant, schon wegen der aufdringlichen Fans und Paparazzi. Er zog sich lieber in seine Suite zurück, die überall auf der Welt eiskalt klimatisiert war. Dort stand er in Jeans und buntem Hawaiihemd oft selbst am Herd und kochte Berge von Pasta für sich und seine Entourage, die selten aus weniger als acht Personen bestand. Es war die Aufgabe von Tourmanager Reitz, nur Hotels zu mieten, in denen die Suites mit Küchen ausgestattet waren. Fehlten sie, mußte er sie einbauen lassen, bevor der Maestro anreiste. Im Gepäck hatte Reitz immer auch ein paar Euro-Paletten, die stellte er unter niedrige Hotelsofas oder -betten, um sie höher zu machen. Das Schwergewicht Pavarotti litt unter seinem Hüftleiden und hasste es, wenn er sich nur mit Mühe aufrichten konnte.

Der größte Tenor seiner Zeit war ein Bäckersohn aus der Emilia, er liebte die deftige Kost seiner Heimat so sehr, dass er einmal im Jahr zum Abspecken in ein Sütiroler Spa ging. Pavarotti hasste diese zehn Tage bei Wasser und Brot, und einmal gelang es ihm sogar, dem strengen Regime der Diätwächter zu entkommen. Glaubte er jedenfalls.

Sekretär Edwin erzählt: "Einmal wollte der Maestro ein wichtiges Fußballspiel sehen. Weil das im Hotel nicht ging, bot der Hotelchef ihm an, das Spiel in seinem Haus anzuschauen. Vor dem Fernseher bekam Pavarotti sofort Hunger, doch in weiser Voraussicht hatte der Manager den Kühlschrank vorher leer geräumt. Pavarotti suchte die ganze Wohnung ab, schließlich fand er eine große Dose mit Keksen, die er während des Spiels glücklich leerte. Am Ende sagte er: ‚Aber ganz frisch waren sie irgendwie nicht.' Ich untersuchte die Dose - kein Wunder, es war Hundekuchen."

Pavarotti war ein passionierter Kartenspieler

Nicht nur die Spezialitäten aus Modena waren immer dabei, auch drei Jugendfreunde reisten - von Pavarotti eingeladen - mit ihm durch die Welt. Oder sie kamen, wenn er zuhause in Modena war, am frühen Nachmittag zu ihm in die Villa. Nach dem Mittagessen schlief er gern bei seiner Lieblings-Serie ein, "Bei Anruf Mord". Beliebt waren aber auch Derrick, Columbo oder Kommissar Rex.

Von den Kartenfreunden wurde er geweckt, die Drei waren das "Team Briscola", so genannt nach einem beliebten italienischen Kartenspiel, einer Art verschärfter "Schafkopf": "Wäre Briscola eine olympische Disziplin, wäre Pavarotti bei allen Wettbewerben dabei gewesen", erzählt Promoter Scheuerpflug. Bei dem Spiel dürfen sich die Parteien Zeichen geben: "Es sah grotesk aus" erinnert er sich, "da saßen die vier im Hotel in Tokio, zuckten mit Augen, Schultern, Händen, spitzten den Mund und schnitten Grimassen über den Tisch, man dachte, man sei beim Parkinson-Club gelandet."

"Luciano hat dauernd versucht zu schummeln"

Jugendfreund Luciano Ghelfi, 73, kam zur Briscola-Mannschaft, als er seine Arbeit in einer Sprengstoff-Fabrik verlor. Die beiden sangen schon als Kinder zusammen im Chor: "Ich stand immer vorne an der Rampe, Luciano war sehr schüchtern, er verdrückte sich weit nach hinten." Lampenfieber plagte den Star bis zum letzten Auftritt, hinter der Bühne zerbiss er jedesmal Taschentücher vor Aufregung. Pavarotti und Ghelfi spielten viele zehntausend Partien Briscola, auch in den Konzertpausen, und jede wurde mit einem Vierfarbstift aufgeschrieben: "Luciano hat dauernd versucht zu schummeln", erinnert sich der Sekretär. Wenn er nicht gewann, verrechnete er sich beim Zusammenzählen gern zu seinen Gunsten. "Luciano war immer auf Gewinnen gepolt", sagt Ghelfi.

Der Jugendfreund führt uns auf den Spuren des verstorbenen Tenors durch Modena, zur bescheidenen Mietwohnung der Eltern, in der Pavarotti wohnte, bis er 19 Jahre alt war. Nicht weit entfernt, an der Via Emilia, lag die Bäckerei. Pavarotti wollte damals noch Lehrer werden, doch er verzweifelte schon beim ersten, miserabel bezahlten Job als Nachhilfelehrer: "Er fand, die Schüler seien alle Terroristen." Danach versuchte er sich kurz als Versicherungsmakler, auch diese Karriere ging schief, gottlob. Reich wurde er mit seiner göttlichen Stimme, die man mehrere Stockwerke weit hörte, wenn er im Hotel unter der Dusche sang.

Die Anwesen und Ländereien, die er rund um Modena kaufte - für die erste Frau Adua, die Töchter, die Eltern, die Schwester, den Tierarzt seiner Pferde, die Sekretärin - liegen alle in der südlichen Peripherie. Besonders reizvoll ist die platte, zersiedelte Landschaft nicht, dazu kommt das stetige Rauschen der achtspurigen Autostrada - für Pavarotti aber war es die geliebte Heimat. Er verließ sie in den letzten zwei Jahren seines Lebens nicht. Begraben ist er auf dem kleinen Vorortfriedhof in Montale, in einer Mauernische im bescheidenen Grab der Familie.

Wenn es um Pferde ging, spielte Geld keine Rolle

Zum Besitz Pavarottis gehören auch Schwimmbäder, Pferdeställe und eine Springarena. Dort ließ der Pferdenarr sogar internationale Turniere veranstalten, die ihn ein Vermögen kosteten. Sekretär Edwin erinnert sich: "Der Maestro fing sogar im Supermarkt das Handeln an, aber wenn es um Pferde ging, spielte Geld keine Rolle." Freund Ghelfi versuchte jahrelang, ihn davon abzubringen: "Luciano, sagte ich, du butterst da ewig rein. Lass es! Aber da war nicht mit ihm zu reden."

Heute liegen die Reitställe verwaist da, sie gehören zum Imperium, um das sich die Erben streiten - vor allem seine drei Töchter aus erster Ehe und die zweite Ehefrau Nicoletta. Denn in einem zweiten Testament, das er erst kurz vor seinem Tod aufsetzte, bekam Nicoletta - die erst seit vier Jahren seine Frau war - bedeutend mehr zugesprochen als noch im ersten Testament. War er noch Herr all seiner Sinne, als er das unterschrieb? Darüber streiten heute die Anwälte.

Teuer kam Pavarotti sein roter Audi 8 zu stehen, den die Ingolstädter ihm geschenkt hatten. Der Zehnzylinder mit den cremefarbenen Sitzen war sein Lieblingsauto. Er hatte es in seinem Zweitwohnsitz Monaco angemeldet, und das monegassische Nummernschild missfiel der italienischen Guardia di Finanza so sehr, dass sie die Steuererklärung des Maestro unter die Lupe nahm. Pavarotti musste eine Millionenstrafe bezahlen. Auch der habgierige deutsche Fiskus hat ihn jahrelang gequält, zu Unrecht, wie man heute weiß. Die deutsche Künstlersteuer war noch waghalsiger konstruiert als Pavarottis Steuererklärung, sie entspreche nicht europäischen Richtlinien, urteilte der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr.

Eine Kartoffel-Lauch-Suppe für Platz 82 K

Im Flugzeug reiste der Maestro immer Erster Klasse, vorzugsweise in der Lufthansa, Sitz 82 K im Oberdeck des Jumbo. Er schätzte die deutsche Fluglinie, weil sie nicht so oft wegen Streik ausfiel (das waren noch Zeiten!). Vor allem aber, weil es da eine Kartoffel-Lauch-Suppe gab, an der er sich nie satt essen konnte. Tourmanager Reitz checkte vorher bei der Lufthansa, ob sie auf dem Speisezettel stand, wenn nicht, wurde sie für den Stargast extra gekocht.

Kaum saß Pavarotti in seinem Sitz, begann seine zweite große Leidenschaft, neben dem Kartenspielen: Das Duty-Free-Shoppen. Mit einem Filzstift, den er sich extra dafür mitgenommen hatte, kreuzte er in der Broschüre alles an, was ihm gefiel, oft mehrfach. Tinoco lacht bei der Erinnerung an Pavarottis aberwitzige Großzügigkeit: "Er konnte fuchsteufelswild werden, wenn es nicht all die Uhren, Parfums, Schals und Füller gab, die angepriesen wurden. Am Ende hat er, glaube ich, mehr Miles mit dem Shoppen verdient als mit den Flugkilometern."

Jetlag? Für Pavarotti ein Fremdwort

Die Sachen verschenkte er später an Mitarbeiter oder unterwegs an Leute, die er mochte. In Hongkong schleppte er alle Mitarbeiter zum Schneider und ließ ihnen mehrere Garnituren Anzüge anpassen, in Vancouver kaufte er ihnen 120 Paar Schuhe: "Er kümmerte sich ständig um uns, fragte, ob wir die Badehose dabei hätten, ob wir Kopfweh hätten oder sonst ein Wehwehchen, ob wir genug zu essen hätten, und er ging noch auf dem Weg zum Flughafen schnell im Supermarkt vorbei, um für uns einzukaufen." War das Shoppen vorüber, schaute er sich erst Disneyfilme an, dann zog er die Augenmaske über und schlief tief, bis Japan oder Argentinien. Jetlag? Für Pavarotti ein Fremdwort.

Es war eine Freude mit ihm zu arbeiten, sagt sein Promoter Scheuerpflug. Er verhandelte hart und hatte alle Zahlen im Kopf. Aber "süchtig nach Anwälten", wie viele andere Stars, sei er nie gewesen. Scheuerpflug war einst ein Weltklasse-Rückenschwimmer, er lernte beim Becker-Manager Ion Tiriac sein Handwerk, sattelte irgendwann aber um von Sportlern auf Klassik-Stars: "Die sind viel einfacher zu managen als Tennis-Stars, und sie sind viel seriöser."

Garstig wurde Pavarotti nur kurz vor Konzerten, wenn er nervös war. Wehe, das Wasser war nicht eiskalt und es lagen nicht mindestens zehn extragroße Handtücher bereit. Wenn dann noch einer auftauchte und ihm 'Viel Glück!' wünschte, rastete er aus: "Das hat nichts mit Glück zu tun! Das ist Arbeit!" Weil er bis zum Schluss tief abergläubisch war, suchte er in den Minuten vor dem Auftritt wie manisch die Bühne nach einem krummen Nagel ab.

Tinoco hatte immer ein paar Nägel in der Tasche

Er konnte erst vor den Vorhang treten, wenn er einen gefunden hatte. "Manchmal hatten wir Angst, er ginge nicht raus, weil nirgendwo einer rumlag", erinnert sich Scheuerpflug.

Wie einfach manchmal große Karrieren zu retten sind: Sein schlauer Sekretär hatte immer ein paar krumme Nägel in der Tasche, die er so streute, dass der Maestro schnell einen fand.