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Maries Modelcheck: London Fashion Week: Kein Platz mehr für Echtpelz!

Nach Luxus-Labels wie Gucci oder Versace verbannt auch Burberry Echtpelz aus seinen Kollektionen. Stella McCartney macht eine Sneaker-Legende vegan und die London Fashion Week wird komplett pelzfrei sein.

Von Marie von den Benken

Bei der London Fashion Week im Februar gab es noch Proteste von Peta-Anhängern, nun will die Modewoche in der britischen Hauptstadt komplett auf Echtpelz verzichten

Bei der London Fashion Week im Februar gab es noch Proteste von Peta-Anhängern, nun will die Modewoche in der britischen Hauptstadt komplett auf Echtpelz verzichten

Wer mich in den vergangenen Jahren hin und wieder mal verfolgt hat, beispielsweise auf Twitter oder Instagram, dem wird nicht entgangen sein, dass Tierschutz in meinem Leben eine wichtige Rolle spielt. Das war in meiner Branche lange Zeit eine Hürde, die in vielen Momenten ein Weiterkommen verwehrt hat. Ich habe stets das Tragen und auch das Bewerben von Echtpelz abgelehnt. Anfangs bedeutete das oft philosophische Diskussionen über Luxus und Tierleid und über Traditionen und Stil. Mittlerweile ist es ein leichtes, auch als Model oder Influencer auf Jobs für Echtpelz zu verzichten, ohne großen beruflichen Schaden zu nehmen. Echtpelz ist nicht mehr zeitgemäß und viele Couture-Häuser verzichten bereits komplett darauf. Auch für Leder gibt es immer bessere Alternativen, Canvas etwa.

Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Stella McCartney launcht während der gerade beginnenden London Fashion Week den weltweit ersten veganen Stan Smith Sneaker, ein veganes Kult-Modell von Adidas, seit 1971 Teil der Popkultur. Vor Jahren noch undenkbar. Heute gefeiert von Presse und Prominenz. Stella McCartney ist ein leuchtendes Beispiel für die Veränderung in der Fashion-Industrie. Haute-Couture ohne tierisches Leid. Kein Pelz, kein Leder – aber dennoch eine High Fashion Marke, um die sich Promis wie Beyoncé, Meghan Markle, Taylor Swift, Kendall Jenner, Gigi Hadid, Emma Stone, Jennifer Lawrence, Ariana Grande, Selena Gomez oder Scarlett Johannsen reißen.

Tierfreundlicher Luxus ist en vogue. Vor wenigen Jahren noch war Echtpelz fester Bestandteil jeder Fashion Week. Supermodels wie Gisele Bündchen wurden von Tierschutz-Aktivisten mit Farbe beworfen, wenn sie auf den Laufstegen Pelz von extra dafür gezüchteten, barbarisch aufgezogenen und dann getöteten Tieren trugen. Heute hat auch sie Echtpelz aus ihrem Kleiderschrank verbannt und ernährt sich vegan.

Models und Ernährung

Vegane oder zumindest vegetarische Ernährung ist in der Modewelt insgesamt und insbesondere unter Models sehr verbreitet. Dort, wo ein gesunder Körper, reine Haut und jugendliche Frische essentieller Bestandteil des Jobprofils sind, beschäftigt man sich überdurchschnittlich oft mit den verschiedensten Diät-, Sport- und Ernährungskonzepten. Das Resultat ist häufig ein Verzicht auf Fleisch oder gar sämtliche tierische Produkte. Toni Garrns Geschichten über ihren steten Kampf für vegane Weihnachtsplätzchen in ihrer Familie, die sie ohne Milch, Sahne oder Zucker backt und die niemand essen möchte, sind legendär.

Viele weitere Topmodels ernähren sich vegan oder vegetarisch, darunter auch einige Victoria's-Secret-Engel. Sogar Cara Delevingne, immerhin Trägerin der Vokabel "Bacon" als Tattoo auf ihrer Fußsohle, weiß, dass eine vegane Ernährung für sie besser wäre und setzt sich immer öfter für Tiere ein. Lena Meyer-Landrut ist kein Model, aber mit Sicherheit eine Art Fashion-Ikone für die junge Generation in Deutschland. Via Insta-Story empfiehlt sie nachdrücklich den Verzicht auf Milchprodukte.

Cara, Karl, Marcel & Me

Cara und mich verbindet nicht viel. Wenn sie zu ihren rauschenden Parties in London lädt, bin ich nicht eingeladen. Dennoch wird eines uns in den kommenden Tagen einen: Die Liebe zur Mode. Mehr als sonst. Mehr als jemals. Und das hat einen tierfreundlichen Grund: Die Fashion-Industrie ist aufgewacht. Karl Lagerfeld hat eine Reihe grandioser Taschen aus Kunstleder in der Kollektion. Der deutsche Designer Marcel Ostertag verwendet in seinen Kollektionen, die er zum wiederholten Male erfolgreich auf der Fashion Week in New York präsentierte, weder Leder noch Echtpelz. Den Lobeshymnen zu seinen Entwürfen tut das keinen Abbruch. Die Designerin Lena Hoschek verzichtet auf Echtpelz, Leder findet nur noch bei Schuhen statt. Bei Rebekka Ruétz kommen ausschließlich Kunstpelz und Kunstleder zum Einsatz. Dort, wo Mode gelebt, wo Trends erfunden und Design definiert wird, spielen tierische Produkte immer weniger eine Rolle. Luxus sollte die Welt verbessern – diese Message zieht sich deutlicher denn je durch die Boutiquen und Mode-Magazine.

Die Kein-Pelz-Couture-Allianz

Mittlerweile ist das auch in den Flagship-Stores der ganz großen Häuser der Branche angekommen. Gucci, Versace, Maison Margiela, Michael Kors, Tom Ford, Vivienne Westwood, Calvin Klein, Tommy Hilfiger, Ralph Lauren, Bottega Veneta oder Hugo Boss verzichten bereits komplett auf Echtpelz. In dieser Sommersaison jedoch ist der Fashionwelt im Kampf gegen Pelz der Grand Slam gelungen. Als neustes Mega-Label hat jüngst das Londoner Traditionshaus Burberry abgekündigt, fortan komplett auf Echtpelz zu verzichten. Die Branche überschlug sich mit Meldungen, Tierfreunde auf der ganzen Welt jubilierten. Aber das war erst der Anfang des Fashion-Sommers 2018, der als Startschuss in eine pelzfreie Mode-Zukunft in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Nachdem zunächst die Fashion Week Helsinki komplett auf Pelz und dann sogar auf Leder verzichtete zieht mit London die erste der drei wichtigsten Metropolen der Modewochen nach. Auf der Spring/Summer 2019 Fashion Week, zu der ich direkt nach dem Verfassen dieses Textes aufbreche, wird es 100 Prozent pelzfrei zugehen. Echtpelz hat keinen Zutritt mehr auf die LFW.

Der Zeitgeist sagt "Nein" zu Echtpelz

Der für die London Fashion Week verantwortliche British Fashion Council (BFC) begründet diese Entwicklung so: "Es spiegelt den heutigen kulturellen Wandel wider, der auf Idealen und Entscheidungen von Designern, internationalen Brands und der Konsumentenstimmung basiert, aber auch durch die Haltung von Multi-Brand-Stores, die sich vom Pelzverkauf entfernen, gefördert wird." Besser hätte man es nicht sagen können. Am Ende entscheidet der Konsument. Du, ich – jeder, der Mode liebt und kauft. Was bleibt den großen Stores übrig, wenn die Nachfrage nach Echtpelz fällt und der Protest zunimmt? In den letzten Jahren haben unter anderem Reseller-Größen wie Net-a-Porter, Mr. Porter oder Asos Pelz aus ihrem Angebot verbannt. Dazu kommen Textilunternehmen wie H&M, Zara, Topshop oder Urban Outfitters, die die Trends der Couture-Häuser adaptieren und damit das modische Straßenbild auf der ganzen Welt prägen. Sie haben ebenfalls keinen Platz mehr für Echtpelz.

Fake Fur Is Over – Keep Fighting

Natürlich ist der Kampf gegen die völlig unnötigen Grausamkeiten bei der Produktion von Echtpelz noch lange nicht gewonnen. Aber die vegane Büchse der Pandora ist geöffnet. Große Marken wie Prada, die noch immer prominent mit Echtpelz arbeiten, operieren isolierter. Wie lange sie diese Strategie in einer immer mehr auf Nachhaltigkeit ausgerichteten (Mode-)Welt noch beibehalten können, ist fraglich. Aktivisten werden weiterhin den Finger in die Wunde legen und Unternehmen, die Echtpelz nutzen, mit den grausamen Bildern aus der Produktion konfrontieren. Der Umschwung in der Wahrnehmung der Konsumenten ist auch ihr Verdienst. Die Modebranche reagiert in immer kürzeren Abständen – und das ist etwas, das mich sehr glücklich und auch ein wenig stolz macht. Was haben sie auch zu verlieren, in Zeiten, in denen Fake Fur, also Kunstpelz, weder bei der Qualität, noch bei der Optik wahrnehmbare Unterschiede zu Echtpelz erkennen lässt?

Animals Don't Have A Voice, So You'll Never Stop Hearing Mine

Wenn eine Ikone wie Burberry auf Pelz verzichtet, ist das ein Signal. Burberry streicht Pelze nicht aus allen Kollektionen, weil sie keine Lust mehr auf Proteste vor ihren Läden haben. Dort werden Entscheidungen ausschließlich über die Erfolgsaussichten für ihr Multi-Millionen-Unternehmen gefällt. Es ist eben nicht mehr zukunftsorientiert, Tiere zum Vergnügen zu schlachten. Diese Entwicklung ist aus meiner Sicht nicht mehr aufzuhalten. Die kommenden Saisons werden dadurch extrem spannend. Wie reagieren die Veranstalter und Teilnehmer der Fashion Weeks in New York, Mailand und Paris? Was machen die Luxus-Konzerne, deren Labels noch immer Pelz verarbeiten?

Was auch immer passiert, eine Rückkehr zum Echtpelz halte ich für ausgeschlossen. Und das ist eine der Errungenschaften, die der Fashion-Branche bei all der Oberflächlichkeit, die ihr nachgesagt wird, sehr gut zu Gesicht steht. Falsch ist nämlich, dass es bei Mode immer nur um Eitelkeit, Status und Protz-Gehabe gilt. Im Gegenteil. Es geht um individuelle Entfaltung, um die Freude, einen eigenen Stil zu finden und um Verantwortung. Dazu gehört eben auch der Umgang mit Lebewesen. Ich werde aus London und Paris berichten, wie es weitergeht!

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie