Iran-Krieg bremst Konjunktur
Brüssel traut Deutschland nur noch Mini-Wachstum zu

Steigende Energiepreise treffen die von Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft besonders. (Archivbild) Foto: Bernd Thiss
Steigende Energiepreise treffen die von Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft besonders. (Archivbild) Foto
© Bernd Thissen/dpa

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Der Ölpreisschock trifft Europa hart. Die Hoffnung auf einen Aufschwung der größten Euro-Volkswirtschaft Deutschland schwindet. 2027 könnte es etwas besser werden - unter bestimmten Bedingungen.

Der Iran-Krieg macht die Hoffnung auf einen Wirtschaftsaufschwung in Deutschland 2026 zunichte. Auch die Europäische Kommission halbierte ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum der größten Volkswirtschaft Europas wegen der in die Höhe geschnellten Energiepreise: Nur noch 0,6 Prozent Plus traut Brüssel Deutschland im laufenden Jahr zu. Im Herbst hatte die EU-Kommission noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,2 Prozent prognostiziert. 2027 könnte es mit 0,9 Prozent Plus etwas besser werden.

Brüssel reiht sich ein in eine Serie trüber Ausblicke. Erst im April hatte die Bundesregierung ihre Erwartungen für die deutsche Wirtschaft ebenfalls halbiert, die Koalition rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Mini-Wachstum von 0,5 Prozent. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet sogar nur 0,4 Prozent Plus.

Iran-Krieg bremst Konjunktur

Mit dem Iran-Krieg, der Ende Februar begonnen hat, haben sich die Aussichten eingetrübt. Ökonomen erwarten, dass die von Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft länger mit den Folgen der nach wie vor nicht beigelegten Auseinandersetzung im Nahen Osten zu schaffen haben wird.

Da die für den Welthandel wichtige Meerenge Straße von Hormus faktisch gesperrt ist, sind die Rohölpreise nach oben geschnellt. Höhere Energiepreise, besonders an Tankstellen, belasten Verbraucher und Unternehmen, das bremst Konsum und Investitionen.

Die Bundesbank geht davon aus, dass die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten die deutsche Wirtschaft im laufenden zweiten Quartal "breiter und spürbarer" treffen werden. Die Inflationsrate in Deutschland dürfte demnach nach ihrem Sprung auf 2,9 Prozent im April in den kommenden Monaten erhöht bleiben. Die Industrie hierzulande wird nach Einschätzung der Bundesbank höhere Energiepreise, Lieferengpässe und Materialknappheit zunehmend zu spüren bekommen.

EU besonders anfällig für Energieschock

Nach Einschätzung der EU-Kommission wird sich die Wirtschaft auch in der Europäischen Union insgesamt schwächer entwickeln als zuletzt erwartet. Statt 1,4 Prozent Wachstum erwartet Brüssel nur noch 1,1 Prozent Plus. Für die 21 Staaten der Eurozone wurde die Prognose auf 0,9 Prozent herabgesetzt.Bis zum Beginn des Iran-Krieges Ende Februar sei man von einem moderaten Wachstum und einem Rückgang der Inflation ausgegangen, schreibt die EU-Kommission. Durch den starken Anstieg der Energiepreise verliere die Wirtschaftstätigkeit an Schwung und die Inflation steige an. 

Zudem belasteten steigende Energiekosten private Haushalte stärker und trieben die Betriebskosten für Unternehmen in die Höhe. "Als Nettoenergieimporteur ist die Wirtschaft der EU besonders anfällig für den durch den Konflikt im Nahen Osten verursachten Energieschock", hält die EU-Kommission fest.

Aufschwung 2027?

Für das nächste Jahr erwartet die Kommission etwas Verbesserung, sofern sich die Lage auf den Energiemärkten entspannt. Entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sei die Dauer des Konflikts im Nahen Osten. Ohnehin ist der Iran-Krieg nicht die einzige Belastung für die Konjunktur: Vor allem die USA mit ihrer Zollpolitik sorgen immer wieder für Verunsicherung.

In Deutschland ist die Hoffnung groß, dass die hierzulande geplanten Milliardeninvestitionen in Straßen, Schienen und Verteidigung die Konjunktur spätestens 2027 deutlicher anschieben werden. Doch die Bundesregierung steht zunehmend unter Druck, grundlegende Reformen anzuschieben, um die seit Jahren schwächelnde deutsche Wirtschaft zukunftsfähig zu machen: Rente, Steuern, Arbeitsmarkt, Bürokratieabbau.

Keine Entlastung bei den Verbraucherpreisen

Die Verbraucherpreise dürften der EU-Kommission zufolge stärker steigen als erwartet. Für Deutschland wird in diesem Jahr eine Inflationsrate von 2,9 Prozent erwartet. Bisher war die Behörde von 2,1 Prozent ausgegangen. In der EU wird mit einem Anstieg der Teuerungsrate auf 3,1 Prozent gerechnet, für die Eurozone werden 3,0 Prozent prognostiziert. 

Zur Einordnung: Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt auf mittlere Sicht für den Euroraum eine Teuerungsrate von zwei Prozent an. Mit dem Ölpreisschub im Zuge des Iran-Krieges legte die Inflation im Euroraum zuletzt deutlich zu. Im April lagen die Verbraucherpreise im Währungsraum um 3,0 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.

Je höher die Inflation, umso geringer die Kaufkraft der Menschen. Sie können sich für einen Euro dann weniger leisten. Der private Konsum ist eine wichtige Stütze für die Konjunktur. Volkswirte rechnen damit, dass die EZB im Juni die Leitzinsen im Euroraum anheben wird, um die Inflation im Zaum zu halten. Höhere Zinsen würden Kredite verteuern, was die Nachfrage bremsen und die Teuerung dämpfen kann. Sparerinnen und Sparer würden von steigenden Leitzinsen profitieren, wenn Banken diese an sie weiterreichen.

dpa