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El Paraíso Verde Deutsche Querdenker errichten "grünes Paradies" in Paraguay

Nueva Germania Kolonie in Paraguay
Die Ruinen der ehemaligen Kolonie "Nueva Germania". Paraguay galt in den letzten 150 Jahren immer wieder als beliebter Zufluchtsort für deutsche Rechtsextremisten (Symbolbild)
© Jerzy Dabrowski/ / Picture Alliance
In einem kleinen Dorf in Paraguay haben Querdenker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eine kleine Kommune errichtet. Sie verfügen über Geld, Macht und Beziehung in Regierungskreise. Was geschieht hinter den Mauern der "El Paraíso Verde"?

In einer der ärmsten Regionen von Paraguay haben sich deutsche Impfgegner:innen ihr eigenes kleines Reich aufgebaut. Etwa zwölf Kilometer von der Kleinstadt Caazapá entfernt liegt das "El Paraíso Verde" – das grüne Paradies. Das eingezäunte Gelände erstreckt sich über 1600 Hektar und beherbergt nach eigenen Angaben etwa 3000 Migrant:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Besucher:innen werden von einem Holzschild mit grüner Aufschrift und Wachen mit Schussfeuerwaffen begrüßt.  

In der Peripherie Paraguays wollen sie sich von den "sozialistischen Trends der derzeitigen ökonomischen und politischen Situation auf der Welt" befreien. Hier wähnt man sich in Sicherheit vor "5G-Strahlen, Chemtrails, fluoridiertem Grundwasser und der Impfpflicht".

Querdenken-Szene zieht es ins Ausland

Auf der eigenen Website spricht "El Paraíso Verde" vom "größten Stadtentwicklungs- und Siedlungsprojekt Südamerikas." Rund 20.000 Deutsche sollen hier einmal wohnen, in künstlich angelegten Seen schwimmen und von einem 100 Kilometer langen Straßennetz profitieren. Das geplante Schulsystem der Kolonie soll "auf der Basis der existierenden anthroposophischen Lehrmethoden" fungieren. Neue Mitglieder erleben einen "Zustand der Wahrheit" und einen "Zufluchtsort für 'konservative Querdenker'".

Der Lockruf scheint zu wirken. Seit Beginn der Corona-Pandemie ziehen immer mehr Auswandernde nach Caazapá um in der Kommune zu leben. Auf dem YouTube-Kanal der Organisation berichten die neuen Mitglieder, Deutschlands Corona-Politik und ihre Zweifel gegenüber dem Virus und der Impfung wären der Grund für den Umzug nach Südamerika.

Paraguays besondere Rolle im rechtsextremen Spektrum

Paraguay wird in deutschen Telegram-Gruppen schon seit geraumer Zeit als heißer Tipp gehandelt. Das südamerikanische Land ist dabei neben osteuropäischen Standorten wie Rumänien und Bulgarien nur einer von mehreren Zufluchtsorten von Verschwörungstheoretikern und der neuen radikalen Rechten.

Die deutschen Einwander:innen machen sich in allen Teilen des südamerikanischen Staates breit. So erlebt auch das deutschsprachige Dorf Hohenau einen massiven Zuwanderungswachstum deutscher Coronaskeptiker. In der Hauptstadt Asunción werden seit Monaten einige Hotels fast vollständig von Deutschen bewohnt. Besonders rasant wächst ihr Einfluss allerdings im ländlichen Caazapá. Hier verzeichnete man im letzten Jahr nach offiziellen Zahlen 104 neue deutsche Mitbürger:innen. 2017 waren es lediglich vier Neuankömmlinge.

Einflussreiche Nationalsozialisten, wie Josef Mengele und Eduard Roschmann, machten sich die laschen Einreisegesetze Paraguays schon nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu Nutze, um vor ihrer Strafverfolgung daheim zu flüchten. Bereits im 19. Jahrhundert träumten antisemitische Kreise hier vom Neuanfang und dem Entkommen aus einer weltweiten Verschwörung. Die wohl bekannteste war die Gruppierung "Nueva Germania". Gegründet wurde die faschistische Kolonie 1886 von Elizabeth Nietzsche – der Schwester des berühmten Philosophen – und ihrem Ehemann Bernhard Förster. Die neue Heimat ging schnell zu Grunde und das Experiment scheiterte an Hunger, Moskitos und mörderischer Hitze.

Verschwörungstheorien und Angst vor dem Islam

Während Nietzsche und Förster damals von einer Sicherheitszone für die arische Rasse fantasierten, kämpft der Gründer von "El Paraíso Verde" Erwin Annau vor allem gegen die Verbreitung des Islams in Deutschland. In einer Ansprache vor Vertreter:innen der paraguayischen Regierung sagte er 2017: "Der Islam ist kein Teil von Deutschland. Wir sind Christen und haben Angst um unsere Töchter. Die Lehren des Koran sind nicht kompatibel mit unseren demokratischen und christlichen Werten." In einem anderen Beitrag stellte er, laut dem Guardian, zudem den Holocaust und Deutschlands Schuld am Zweiten Weltkrieg in Frage. Die Website der Kolonie wurde seither aus dem Netz entfernt.

Erwin Annau und seine Frau Sylvia bekennen sich offen zur sogenannten Querdenken-Szene. Auf ihrem YouTube-Kanal verbreitet ihre Bewegung allerhand Falschinformationen und Verschwörungstheorien. Die weltweite Pandemie, welche bis heute 5,5 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, bezeichnen sie als große Lüge. Paraguay wird trotz seiner bestehenden Maßnahmen als regelfreie Zone angepriesen. Als das Land im Juni die weltweit höchste Mortalitätsrate aufweist, postet die Gruppe Videos von Volksfesten, auf denen freudestrahlend die geltenden Maßnahmen missachtet werden.

Viele einheimische Bewohner:innen stehen den Neuankömmlingen skeptisch gegenüber. Auch die einkommensschwache Region hat die Folgen der Corona-Pandemie in den letzten zwei Jahren schmerzhaft zu spüren bekommen. 560.000 Menschen erkrankten, mehr als 17.000 starben. Bis heute besitzt Paraguay die zweitniedrigste Impfquote in Südamerika und erlebt derzeit einen rasanten Anstieg der Fallzahlen durch die Verbreitung der Omikron-Variante.

Inzwischen hat das nationale Gesundheitsministerium die Maßnahmen erneut deutlich verschärft. Jeder, der in das Land einreisen will, muss einen gültigen Nachweis über seinen Impf- oder Genesenenstatus vorlegen. Seitdem wurden mindestens sechs deutsche Staatsbürger:innen an der Einreise gehindert.

Einfluss bis in höchste Regierungskreise 

Ob die verschärften Maßnahmen den Einfluss der Gruppe einschränken, ist fraglich. Die Gruppe trifft sich regelmäßig mit lokalen und nationalen Regierungsvertreter:innen. Selbst mit Angestellten des Gesundheitsministerium sei man nach eigenen Angaben im Austausch, um sich gegen die derzeitigen Einschränkungen stark zu machen.

Laut Gladys Rojas, dem ehemaligen Präsidenten von Caazapá Stadtrat, besitzt "El Paraíso Verde" inzwischen einflussreiche Kontakte in den Kreisen von Haracio Cartes. Paraguays ehemaliger Präsident gilt bis heute als einer der reichsten und wichtigsten Menschen des Landes.

Zwei Mitglieder von Cartes Familien sitzen derzeit im Vorstand von Reljuv, einem Unternehmen der deutschen Kolonie. Deren Chef Juan Buker hatte Cartes zudem mehrfach öffentlich in seinem Wahlkampf unterstützt. Durch Cartes hat die Kolonie viel Geld und viel Einfluss gewonnen. Für Rojas ist "El Paraíso Verde" inzwischen zum mächtigsten Akteur in der Region aufgestiegen.

Quellen: The Guardian, Süddeutsche Zeitung

stern

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