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Ermittlungen gegen Wikileaks-Chef Assange: Rätsel um die Sex-Vorwürfe

Die Ermittlungen wegen sexueller Nötigung gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange bleiben mysteriös. Ist es vorstellbar, dass dahinter eine Intrige gegen den mutigen Enthüller von geheimen US-Unterlagen steckt? Oder ist die Wahrheit schlichter?

Von Frank Thomsen

So stellt man sich das vor, wenn man sich mit Militärs und Geheimdiensten anlegt: Sie rächen sich - und zwar zügig und skrupellos. Da wird gelogen und betrogen und frisiert. Und wenn's passt, wird eine Vergewaltigung erfunden, die klebt besonders unangenehm am vermeintlichen Täter.

Der Fall Julian Assange, der die Schlagzeilen des Wochenendes mitbestimmt, hat alle Zutaten, die an Geheimdienste denken lässt: Einen smarten 39-Jährigen, der im Internet die Plattform Wikileaks gründet, die all jene Dokumente veröffentlicht, die geheim bleiben sollen; den jüngsten Scoop von Wikileaks - die Veröffentlichung von Tausenden internen Dokumenten aus dem Krieg der USA in Afghanistan, die das ganze Unterfangen in ein viel schmutzigeres Licht rücken als öffentlich bekannt; das Pentagon - Amerikas Militärmacht, die sich nicht gern vorführen lässt und vor weiteren Veröffentlichungen gewarnt hat; und zwei Schwedinnen, die Assange vorwerfen, sie sexuell genötigt und vergewaltigt zu haben.

Entsprechend fielen die Reaktionen im verschwörungsverliebten Internet aus. Dahinter, so die Meinung vieler, müssten dunkle Mächte stecken. Dies sei eine Warnung. Gavin MacFayden, Direktor des Zentrums für Investigativen Journalismus in London und ein Freund von Assange, sagte in der englischen Zeitung "Guardian": "Wir, die wir wussten, was er mit Wikileaks tut, haben so eine Sache schon vergangene Woche erwartet. So arbeiten Verleumder. Erst werden die Vorwürfe erhoben, dann zurückgezogen, aber der Schaden bleibt." In dieselbe Kerbe schlägt Assange selbst. Auf Twitter kommentierte er: "Wir sind vor 'schmutzigen Tricks' gewarnt worden. Jetzt erleben wir den ersten."

Käme eines Tages heraus, dass tatsächlich die CIA oder das US-Militär hinter der Sache stecken - der Skandal wäre riesig. Käme eines Tages aber heraus, dass Assange zwar ein mutiger Mann ist, der sich mit den Mächtigen der Welt anlegt, aber gleichzeitig auch ein nicht so netter Mann, der Frauen nötigt - das wäre nicht schön, aber weit gewöhnlicher.

Frauen bleiben bei ihren Vorwürfen

In der schwedischen Zeitung "Aftonbladet" spricht nun eine der beiden Frauen, die die Vorwürfe gegen Assange erheben. Sie sagt: "Unsere Anschuldigungen gegen Julian Assange sind natürlich weder vom Pentagon noch von jemand anderem inszeniert worden. Die Verantwortung liegt allein bei einem Mann mit einem schiefen Frauenbild und einem Problem, dass er ein Nein nicht akzeptieren kann." Assange bestreitet alle Vorwürfe.

Das ist typisch für jegliche Formen sexueller Übergriffe von Männern auf Frauen: Da kein Dritter dabei war, steht Aussage gegen Aussage. In vielen solchen Fällen lässt sich in Prozessen beweisen, dass die Aussagen der Frauen richtig waren. Aber nicht in allen: Manchmal rächen sich Frauen auf diese unappetitliche Weise an Männern und erfinden die sexuellen Übergriffe. Wer die Berichterstattung in Deutschland über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann verfolgt hat, ahnt, wie weit Aussagen auseinander liegen können, und wie schwer es für Gerichte in solchen Fällen ist, die Wahrheit zu ergründen.

Der Fall Assange bleibt skurril. Der Haftbefehl gegen Assange wurde nach weniger als 24 Stunden von der zuständigen Staatsanwaltschaft in Stockholm wieder eingesammelt, der Verdacht auf Vergewaltigung bestehe nicht mehr. Warum, das ist nicht bekannt. Die Ermittlung wegen sexueller Nötigung geht aber weiter. Solange nichts bewiesen ist, muss er als unschuldig gelten.

Dass die Welt auf die Ermittlungen überhaupt aufmerksam werden konnte, dafür hatte das Boulevard-Blatt "Expressen" gesorgt, das am Samstag über die Ermittlungen berichtete, ohne dass Assange Gelegenheit zur Stellungnahme gehabt hätte. "Ich hab von dem Haftbefehl gegen mich aus 'Expressen' erfahren", ließ der nach einer Woche Schweden-Besuch abgetauchte Internet-Aktivist später per Mail wissen. Eine Merkwürdigkeit bleibt: Dass der Name eines Beschuldigten in einem so frühen Stadium in den Medien veröffentlicht wird, kommt in Schweden so gut wie nie vor.