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Jahresrückblick 2007: Das Jahr, als das iPhone herabstieg

Ein Computerunternehmen baut nun auch Telefone. Mehr war's eigentlich nicht im Januar. Doch diese Firma hieß Apple. Ein beispielloser Hype begann. Verzückung und Vertragsstreitigkeiten, technische Innovationen und falsche Prognosen - das Jahr des iPhones.

Von Ralf Sander

Das Wort "Hype" lässt sich - wie es sich für ein Hauptwort gehört - eigentlich nicht steigern. Daran ändert auch der Vorschlag der norddeutschen Techno-Philosophen Scooter nichts, die "Hyper, Hyper" schrien. Hype bleibt also Hype. Das englische Wort für Medienrummel, laut Wikipedia gekennzeichnet durch "kurzlebige, in den Medien aufgebauschte oder übertriebene Nachrichten". Kurzlebig? Nicht diesmal. Das iPhone schaffte es in Deutschland, die gesamten zwölf Monate des Jahres 2007 in den Nachrichten zu bleiben. Und im Mutterland USA bekam Apples erstes Handy - nicht immer spöttisch - die Spitznamen "JesusPhone" und "GodPhone" verpasst. Das Hauptwort "iPhone" lässt sich offenbar doch steigern.

Steve Jobs, der Heilsbringer der Apple-Gemeinde und Gadgetophilen, trug auch im Januar seinen obligatorischen schwarzen Rollkragenpullover, als er ein Mobiltelefon in die Höhe hielt, das wirklich anders war. Die Firma aus Cupertino, deren Mitgründer und jetziger Boss Jobs ist, hatte wieder ihre Stärken ausgespielt und beeindruckendes Design mit intuitivem Bedienkonzept verschmolzen. Das Befummeln des Handys ließ niemanden kalt. Und obwohl schnell auf die Schwächen des Geräts hingewiesen wurde - zum Beispiel auf die relativ schwache Datenübertragung per Edge statt UMTS, auf das bei längeren Texten mühsame Tippen auf dem Touchscreen oder den nicht auswechselbaren Akku - hatte es Apple doch vollbracht, dass alle sofort den Eindruck hatten, Zeuge etwas Großen geworden zu sein.

Die plötzliche Macht des Herstellers

Apple hatte noch etwas vollbracht, dessen wahre Größe erst im Verlauf des Jahres richtig offenbar wurde. Als erster Handyhersteller hatte Apple den mächtigen Mobilfunkkonzernen die Regeln des Spiels diktiert. In den USA, wo die Netzbetreiber jahrelang sogar bestimmt hatten, was Handys können dürfen und was nicht, ein unerhörter Vorgang. David Pogue, Technikexperte der "New York Times", schrieb: "Apples Steve Jobs könnte der einzige Mann in Amerika sein, der über die Macht und das Charisma verfügt, diese festgefügte Form zu zerbrechen. Es ist ihm gelungen". Und so kam es, dass das Mobilfunkunternehmen Cingular, das inzwischen AT&T Wireless heißt, sich auf den Deal einließ, das Gerät exklusiv zu vertreiben, ohne es je gesehen zu haben. Pogue berichtete weiter, dass den Cingular-Chefs das iPhone gerade mal zwei Wochen früher als dem gemeinen Volk präsentiert wurde. Und eine Beteiligung an den Telefonumsätzen, die mit dem iPhone generiert werden, hatte die Jobs-Maschine auch erzwungen.

Auftritt der Propheten: "In Europa wird es, anders als in den USA, keine exklusive Vertragspartnerschaft geben", verkündeten Experten. Der Markt verfüge hier über andere Mechanismen. Einige Monate später war klar: Sie hatten sich geirrt.

Die andere große Fehlprognose war: Es werde für Europa eine UMTS-fähige Version geben. Niemand wollte glauben, dass Apple auf dieses hier inzwischen übliche Feature verzichten würde. Bei einem Gerät, dass so offensichtlich für die Nutzung von Internet und Online-Videos ausgelegt war.

Tag der Niederkunft

Am 29. Juni kam für iPhonatiker in den USA die Erlösung: Wer 600 Dollar und tagelange Wartezeit vor den Geschäften investiert hatte, konnte das Neuerworbene an seine Brust drücken. Oder gleich zum Prahlen übergehen. Mehr als 1,4 Millionen Geräte verkaufte Apple in den ersten drei Monaten, davon alleine 270.000 in den ersten zwei Tagen.

Gerade als Skeptiker mehr denn je ihren Eindruck bestätigt sahen, dass es sich bei Apple eigentlich um eine Sekte handelt, wurden sie überraschend eines Besseren belehrt. Das Unternehmen senkte nur acht Wochen nach Verkaufsstart den Preis des iPhones von 599 auf 399 Dollar - und die Kunden hassten es dafür. Sie muckten auf, ohne eine Spur blinden Gehorsams. 35 Prozent Preisverfall nach so kurzer Zeit! Wer das teure Handy zum vollen Preis erstanden hatte, fühlte sich veräppelt. Schimpfte. Klagte zuweilen sogar vor Gericht. Am 7. September dann ungewohnt bescheidene Worte von Steve Jobs persönlich: Er habe zahlreiche Beschwerden per E-Mail erhalten. Und ja, er habe die Käufer enttäuscht. Als Entschädigung bot Apple jedem Erstkunden einen Gutschein über 100 Dollar an. Unwürdig für eine Marke, die auch durch den Glanz der Arroganz eine Gefolgschaft um sich geschart hatte, für die Worte wie "billiger" und "Gutschein" Probleme anderer Leute sind.

Das iPhone schwenkte ein in den Sinkflug in Richtung Realität: Im Oktober setzte es verbale Prügel von Greenpeace. Giftige Chemikalien hätten die Umweltschützer in den Baumaterialien des Wunderhandys gefunden, hieß es. Toxische Stoffe, die von den meisten Handyherstellern schon längst verbannt worden seien.

Auf den T-Punkt gebracht

Am 9. November gab sich das iPhone auch in Deutschland die Ehre - mit T-Mobile als exklusivem Partner und ohne nachgerüstetes UMTS. Die Tarifbedingungen: 399 Euro Kaufpreis in Verbindung mit einem Zwei-Jahres-Vertrag, der je nach Paket mit mindestens 49 Euro monatlich zu Buche schlägt. Johannes Kausel hieß der erste offizielle iPhone-Käufer, um Mitternacht wurde er vom stundenlangen Warten im Kölner Regen erlöst.

Die iPhorie hielt sich in Deutschland zu diesem Zeitpunkt in Grenzen. Zu hoch die Kosten, vielleicht auch zu ermüdend die Berichterstattung vorweg. Und vielleicht ist Apples Strahlkraft hierzulande auch nicht so stark wie im Heimatland USA. T-Mobile jedenfalls brachte das Telefon schnell einigen Ärger. Die Konkurrenz in Gestalt von Vodafone schimpfte nicht nur über den Exklusivvertrag, sie erwirkte sogar eine einstweilige Verfügung, die T-Mobile zunächst zwang, das iPhone auch ohne Vertragsbindung anzubieten. Bis das Hamburger Landgericht zwei Wochen später die Verfügung wieder aufhob, gab es eine vertragslose Variante für 999 Euro. Die Zwischenzeit hatten T-Mobiles Mitbewerber genutzt, sich als Anwälte des Kunden aufzuführen und gegen die "Riesensauerei" (Klarmobil-Chef Hartmut Hermann im stern.de-Interview) der Bindung an T-Mobile zu wettern. Hinter dem Kampf gegen den T-Mobile-Deal war allerdings weniger Freundlichkeit die treibende Kraft, sondern Angst: Angst, dass in Zukunft auch andere Handyhersteller ihre Macht entdecken und Bedingungen diktieren könnten. Schließlich verdient Apple - wie in den USA - auch in Deutschland an jeder mit dem iPhone vertelefonierten Einheit mit.

Ausgehypt

Das Jahr geht zu Ende, der Hype ebenfalls. Die Financial Times Deutschland berichtet, dass T-Mobile im Weihnachtsgeschäft rund 700 iPhones pro Tag verkauft hat - und dass Spitzenmodelle anderer Hersteller in dieser Zeit bis zu 10.000 Mal täglich über den Ladentisch gehen. Mark Selby, Vice President Multimedia beim finnischen Handybauer Nokia, erklärte die Aufmerksamkeit, die das iPhone genossen hat, im stern.de-Interview so: "Der mediale Erfolg des iPhones ist verknüpft mit dem Showman Steve Jobs. Er inszeniert sich und seine Produkte wie sonst keiner." Nokia verkaufte im dritten Quartal 2007 111,7 Millionen Mobiltelefone.

Ein neues Jahr kommt. Ein Jahr, das neue Modelle bringen wird. Handys, die auf Altbewährtes setzen. Handys, die das Beste von Apples Telefon nachahmen. Handys, die erstmals mit offenen Betriebssystemen wie "Android" funktionieren. So viel ist sicher. Ob ein einzelnes Gerät dabei sein wird, das Technikjournalisten und ihre Leserschaft so in den Bann ziehen wird, ist fraglich. Und ob ein Telefon jemals wieder zu so vielen Wortspielen taugen wird wie das iPhone, ebenfalls.