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Neue Veröffentlichungen von Wikileaks: "Wir lassen uns nicht mundtot machen"

Unbeirrt von der Verhaftung ihres Kopfes setzt die Enthüllungsplattform Wikileaks die Veröffentlichungen fort. In den neuen Depeschen geht es um die Freilassung des Lockerbie-Attentäters.

Trotz der Festnahme von Wikileaks-Gründer Julian Assange hat die Enthüllungsplattform in der Nacht zum Mittwoch 46 weitere Geheimdokumente veröffentlicht. Aus den Depeschen von US-Diplomaten geht unter anderem hervor, dass Libyen Großbritannien vor der Freilassung des Lockerbie-Bombers stärker unter Druck gesetzt hat als bislang bekannt. In einer Nachricht bekräftigte ein Wikileaks-Sprecher, dass die Organisation weitermachen will: "Wir lassen uns nicht mundtot machen, weder von juristischen Aktionen noch von Zensur durch Firmen", schrieb Kristinn Hrafnsson.

Die Hälfte der jetzt veröffentlichten Dokumente stammt aus der US-Vertretung in Madrid. Daraus geht unter anderem hervor, dass Spanien sich 2009 um eine Normalisierung seiner angespannten Beziehungen zu den USA bemühte. In einer anderen Depesche steht, dass Großbritannien im Streit um die Freilassung des Lockerbie-Bombers Abdel Basset al-Megrahi "harte und sofortige Maßnahmen" von Libyen befürchtet hatte, falls der Mann im Gefängnis gestorben wäre. Das berichtet die britische Zeitung "Guardian" unter Berufung auf die Dokumente.

Ein Isländer schlüpft in Assanges Rolle

Wikileaks gab sich in einer über Twitter verbreiteten Nachricht angriffslustig. Assanges Festnahme werde die Organisation nicht lähmen, die Veröffentlichung von US-Depeschen gehe weiter, schrieb Sprecher Kristinn Hrafnsson. Die Depeschen seien an mehr als 500 Stellen im Netz zu finden, die Dokumente würden täglich 50 Millionen Mal aufgerufen.

Hrafnsson attackierte die US-Politik. Die USA seien im kommenden Jahr Gastgeber der Unesco-Veranstaltungen zum "Tag der Pressefreiheit". Gleichzeitig greife der Senator Joe Lieberman die Zeitung "New York Times" wegen der Veröffentlichung der Dokumente an. "Wir hoffen, dass die Unesco künftig die Pressefreiheit irgendwo feiert, wo sie auch existiert."

Assange greift Australien an

Der festgenommene Wikileaks-Gründer Julian Assange hat zu einer scharfen Attacke gegen seine Kritiker ausgeholt. In einem Zeitungsartikel, der am Mittwoch einen Tag nach seiner Festnahme in London in seiner australischen Heimat erschien, schreibt Assange, er fühle sich von seiner Regierung im Stich gelassen. "Wikileaks verdient Schutz, nicht Bedrohungen und Angriffe", schrieb Assange im "Australian". Der 39-Jährige verteidigte die Arbeit der Enthüllungsplattform. Wikileaks sei wichtiger denn je und Menschenleben seien mit der Veröffentlichung vertraulicher Dokumente nicht in Gefahr gebracht worden. Während Wikileaks vierjähriger Publikationsgeschichte seien ganze Regierungen verändert worden, aber keine einzige Person, soweit bekannt, verletzt worden, sagte Assange. Die USA hätten jedoch unter stillschweigendem Einverständnis Australiens allein in den vergangenen Monaten Tausende getötet, hieß es in dem Kommentar. Die Demokratie brauche wirkungsvolle und starke Medien, um ehrliche Regierungsführung zu ermöglichen. Dazu habe Wikileaks beigetragen.

Assange verteidigte die Rolle von Wikileaks als eine neue Art des Journalismus. Zusammen mit den Nachrichten würden den Lesern gleichzeitig die Originaldokumente zugänglich gemacht, damit jeder sich selbst überzeugen könne, was wahr sei. Er und andere Wikileaks-Mitarbeiter seien zahlreichen Drohungen vor allem aus den USA ausgesetzt. "Man hätte erwarten können, dass eine australische Regierungschefin ihre Landleute dagegen verteidigt, stattdessen gab es nur völlig unbegründete Vorwürfe der Illegalität", schrieb Assange. Australiens Regierung biedere sich den Amerikanern an.

"Wir sind die Underdogs", schrieb Assange. "Die Gillard-Regierung versucht, den Überbringer der Nachrichten abzuschießen, weil sie nicht will, dass die Wahrheit rauskommt, unter anderem über ihre eigenen diplomatischen Aktivitäten." Wikileaks sei nicht das einzige Medium, das die Depeschen veröffentliche. "Premierministerin Gillard und die US-Außenministerium Hillary Clinton haben kein einziges Wort der Kritik über die anderen verloren. Das liegt daran, dass der "Guardian", die "New York Times" und "Der Spiegel" groß und alteingesessen sind, Wikileaks dagegen klein und neu."

Australiens Außenminister gibt USA Mitverantwortung

Die australische Premierministerin Julia Gillard bezeichnet die Veröffentlichungen von Wikileaks als unverantwortlich und illegal. Außenminister Kevin Rudd beteuerte aber, dass Assange in London alle konsularische Hilfe zu Teil werde. Rudd schob der US-Regierung Mitverantwortung für die Enthüllung Hunderttausender US-Geheimdokumente über Wikileaks zu. "Der ordentliche Schutz vertraulicher Informationen durch die Regierungen selbst muss oberste Priorität haben", sagte er in Brisbane. In den USA hätten offenbar "ein paar Millionen" Menschen Zugang zu solchen Informationen. "Das ist vielleicht ein bisschen viel", sagte Rudd.

Die Infrastruktur der Enthüllungsplattform geriet in der jüngsten Vergangenheit immer stärker unter Druck. Etliche Unternehmen stellten die Zusammenarbeit mit Wikileaks ein. Unter anderem die Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard, wodurch es Wikileaks erschwert werden dürfte, Spenden einzusammeln. Auch verschiedene Internetdienstleister verweigerten die Zusammenarbeit. Auf Twitter finden sich unzählige Solidaritätsbekundungen für Wikileaks und die Facebook-Seite hat bereits über eine Million Fans.

swd/DAPD/DPA / DPA