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Dortmund Experte nach tödlichen Schüssen auf 16-Jährigen: Einsatz von Maschinenpistole "nicht erklärlich"

In dieser Jugendeinrichtung lebte der Teenager in Dortmund.
In dieser Jugendeinrichtung lebte der Teenager in Dortmund
© RTL
In Dortmund erschoss ein Polizist mit einer Maschinenpistole einen Jugendlichen. Nun kommen Diskussionen auf: Mussten die Einsatzkräfte wirklich schießen? Sechs mal? Mit einer Maschinenpistole? Experten nehmen die Polizisten in Schutz – üben jedoch auch Kritik.
Von Jan Dafeld

Dieser Artikel erschien zuerst bei RTL.de

Die Stimmung in Dortmund ist am Dienstagabend aufgeladen. Rund 200 vorwiegend junge Menschen haben sich in der Nordstadt versammelt. Sie demonstrieren lautstark gegen Polizeigewalt in Deutschland.

In nur etwas mehr als einer Woche kamen vier Menschen bei Polizeieinsätzen in Deutschland ums Leben. In Frankfurt und Köln erschoss die Polizei zwei Männer, die jeweils mit einem Messer bewaffnet gewesen sein sollen, in Oer-Erkenschwick starb ein 39-Jähriger, nachdem die Beamten Pfefferspray gegen ihn einsetzten.

In Dortmund kam am Dienstag schließlich das vierte Todesopfer hinzu. Elf Beamte stellten den 16-Jährigen vor einer Jugendhilfeeinrichtung und schossen aus einer Maschinenpistole fünfmal auf ihn. Er wurde in Jochbein, Unterarm, Bauch und Schulter getroffen. Das Opfer soll die Polizisten zuvor selbst angegriffen haben.

Dortmund: Experten verteidigen Vorgehen der Polizei

Hätte der Tod des Teenagers verhindert werden können? Experten zufolge handelten die Beamten in Dortmund zunächst vorbildlich. Die Polizisten setzten erst Pfefferspray gegen den Angreifer ein, dann kam ein Elektroschocker zum Einsatz. Erst als diese Maßnahmen keinen Erfolg zeigten, griffen die Einsatzkräfte zur Schusswaffe.

Die Polizisten waren zu elft und schwer bewaffnet, der 16-Jährige allein. Dennoch könne die Situation durchaus sehr gefährlich gewesen sein, Messerangriffe gehörten zu den gefährlichsten Angriffen überhaupt, sagt Frank Schniedermeier aus dem Vorstand der Gewerkschaft der Polizei NRW. "Wenn Arterien getroffen werden, verblutet man innerhalb weniger Minuten."

Rafael Behr lehrt Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg.
Rafael Behr lehrt Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg
© RTL

"Jeder darf sich in der Not wehren, auch Polizeibeamte", sagt auch Rafael Behr, Professor für Polizeiwissenschaften an der Akademie der Polizei Hamburg. Dass der Angreifer erst 16 Jahre alt gewesen sei, spiele dabei keine entscheidende Rolle. "Wenn jemand einigermaßen bedrohlich wirkt, dann ist das Alter erstmal zweitrangig." Jemandem aus kurzer Distanz gezielt ins Bein oder in den Arm zu schießen, sei in der Praxis zudem schwierig.

Experte: "Üblich ist das auf jeden Fall bei dieser Art von Einsatz nicht"

Behr hat Verständnis für die abgegebenen Schüsse der Polizisten. Andere Entscheidungen bei dem Einsatz in Dortmund kann er dagegen weniger nachvollziehen: "Was mir nicht erklärlich ist, ist, wie die Maschinenpistole hier ins Spiel kommt. Warum die eingesetzt wurde und vor allem in welcher Feuerstärke sie eingesetzt wurde", sagt er. "Maschinenpistolen werden mitgeführt für Amok- oder Terrorlagen."

Die Polizei setzt Maschinenpistolen laut Behr normalerweise auf große Distanzen ein, nicht als Abwehrwaffe gegen Menschen, die mit einem Messer bewaffnet sind. Er glaubt zudem: Womöglich hatte der Polizist die Waffe versehentlich auf Feuerstoß eingestellt, sodass automatisch mehrere Schüsse abgegeben wurden.

In Nordrhein-Westfalen werden Maschinenpistolen heute in jedem Einsatzwagen mitgeführt. Behr sagt: "Warum einer diese Waffe mitgenommen hat, müssen die Ermittlungen ergeben. Üblich ist das auf jeden Fall bei dieser Art von Einsatz nicht."

Nach Schüssen auf 16-Jährigen: Ermittlungen gegen Polizisten eingeleitet

Der Experte sieht über die vergangenen Jahre allgemein mehr Aggressivität und mehr Bedrohungen durch die Polizei. "Ich nenne das die Militarisierung, eine mentale Aufrüstung, in der viel mehr über Terror, Amok und Extremsituationen gesprochen wird als über das Deeskalieren", sagt er.

Im Jahr 2020 schossen Polizisten insgesamt 159 Mal auf andere Personen, dabei wurden 15 Menschen getötet, 41 weitere verletzt. Das ist der höchste Wert seit dem Jahr 2004, als die Polizei 164 Mal auf Personen schoss und dabei neun Menschen starben. Das geht aus einer Statistik von Clemens Lorei, Professor an der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit, hervor.

Gegen den Polizisten, der die tödlichen Schüsse auf den 16-Jährigen in Dortmund abgab, wird nun wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Die Ermittlungen leitet die Polizei Recklinghausen. Doch nicht alle glauben an ein wirklich faires und offenes Verfahren. "Bei dieser Art von Ermittlungen steht das Ergebnis schon vorher fest", schreibt ein Nutzer bei Twitter. Tatsächlich werden Ermittlungsverfahren wegen Gewaltdelikten von Polizisten in der Regel eingestellt, in den vergangenen Jahren führten gerade mal rund zwei Prozent der Ermittlungen zu Anklagen.

Zu welchem Ergebnis die Ermittler in diesem Fall letztlich auch kommen mögen: Die Diskussionen über Polizeigewalt in Deutschland dürften angesichts der Vorkommnisse in den vergangenen Wochen anhalten.

jda/RTL, rös

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