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Griechenland-Türkei-Konflikt Schwarzer Tag in der Geschichte: als die Türkei vor 48 Jahren Zypern überfällt

Soldaten halten ihre Hände auf den Hinterkopf und knien auf dem Boden
Drei griechisch-zyprische Soldaten werden während der Invasion der Türkei von türkischen Truppen festgenommen (Archivbild aus 1974)
© dpa | epa HO / Picture Alliance
Heute vor 48 Jahren unternahm die Türkei eine Invasion in sein Nachbarland Zypern. Es kam zu einem brutalen Krieg mit tausenden Toten, seitdem ist die Insel gespalten. Ein Rückblick zum 48. Jahrestag auf den ältesten Konflikt in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Der 20. Juli 1974 ist ein schwarzer Tag in der Geschichte Zyperns: Die Türkei startete eine Invasion und marschierte in den Inselstaat ein – als Reaktion auf einen missglückten Militärputsch gegen den Erzbischof und politischen Führer Zyperns, Makarios III fünf Tage zuvor. Die Türkei begründete die Invasion mit einer Friedensaktion, doch es war der Beginn eines brutalen Kriegs.

Gegen 5.30 Uhr morgens erreichen türkische Streitkräfte mit Schiffen und Flugzeugen den Norden Zyperns, rund um die Stadt Kyrenia. Flugzeuge und Helikopter lassen Fallschirmjäger herab. Auf der Insel ertönen Sirenen. Die Rede ist von rund 40.000 türkischen Soldaten.

Die griechischen Zyprer trifft die Invasion mit dem Namen "Attila" völlig unerwartet, wehrlose Zivilisten bezahlen dies mit ihrem Leben. Die Verteidigung beginnt erst nach großer Verzögerung. Indes glaubt die griechische Militärjunta in Athen zunächst, dass die Türken lediglich bluffen würden. Sie reagiert somit ebenfalls verspätet, wodurch die türkischen Streitkräfte wiederum wichtige Zeit gewinnen, um bei ihrer Invasion voranzuschreiten.

Zypern und Griechenland stellen schließlich eine 12.000 Mann starke Armee zusammen, ohne über moderne Waffen und Luftabwehrsysteme zu verfügen. Brigadegeneral Michael Georgitsis, der beim Putsch gegen Makarios den Oberbefehl hatte, führt das Militär an. Zudem mobilisieren sich griechisch-zypriotische Zivilisten für die Beteiligung an dem Kampf gegen die Invasoren.

Türkei ignoriert von UN geforderten Waffenstillstand

Währenddessen bricht in Griechenland Ärger über die türkische Invasion aus. Dimitrios Ioannidis, der zu dieser Zeit zur Militärjunta im Land gehört und den Militärputsch auf Zypern maßgeblich mitverantwortete, wirft dem US-amerikanischen Außenminister Joseph Sisko in Athen Täuschung vor. Der UN-Sicherheitsrat fordert am Abend desselben Tages einen Waffenstillstand und den Abzug ausländischer Truppen auf Zypern. Die Türkei ignoriert die Forderung jedoch. Ansonsten gibt es relativ wenige Reaktionen aus dem Ausland auf die türkische Invasion.

Am Folgetag gehen die schweren Kämpfe weiter. Die zypriotischen Streitkräfte wollen die türkisch-zypriotische Enklave Nikosia vom Landekopf Kyrenia abschneiden. Griechenland sagt der Verteidigung Zyperns allerdings ein Scheitern voraus und zieht zwei griechische U-Boote, die auf dem Weg nach Kyrenia sind, zurück.

Auch auf türkischer Seite läuft nicht alles nach Plan. Zwar sind die Türken zahlenmäßig ebenso wie waffentechnisch überlegen, doch kommt es zu einem verheerenden Missverständnis: die türkische Luftwaffe hält einen türkischen Zerstörer für einen griechischen und schießt diesen ab. Zudem beschädigt sie zwei weitere türkische Zerstörer.

Indes bemüht sich der US-amerikanische Außenminister Sisko um eine Einigung beider Kriegsparteien auf einen Waffenstillstand. Der Chef der griechischen Marine, Admiral Petros Arapakis, stimmt diesem am Nachmittag des 22. Juli zu. 

In der anschließenden Nacht ereignet sich dann ein Missverständnis auf der griechischen Seite: Zwölf griechische Transportschiffe sollen Kommandos in die Nähe von Nikosia bringen, eines der Schiffe wird aber von den eigenen Leuten versehentlich abgeschossen. Vier Besatzungsmitglieder und 27 Kommando-Einheiten sterben. Am selben Tag verstärkt die Türkei ihre Offensive und bringt Panzer nach Kyrenia. Zu diesem Zeitpunkt haben die Türken die Kontrolle über einen Teil Zyperns übernommen und einen Brückenkopf zwischen Kyrenia und der türkisch-zyprischen Enklave Nikosia errichtet. Um 16 Uhr tritt ein Waffenstillstand ein, der aber mehrmals unterbrochen wird.

Türkischer Teil bis heute nicht anerkannt

Am Nachmittag stürzt schließlich die Militärjunta in Griechenland und es kommt zu einem Regierungswechsel. Einen Tag später kehrt Premier Konstantinos Karamanlis aus dem Exil nach Griechenland zurück und wird erneut Premierminister. Auch auf Zypern gibt es einen Machtwechsel. Am 25. Juli – fünf Tage nach dem türkischen Einmarsch – beginnen in Genf Friedensgespräche. Sie bringen nach weiteren fünf Tagen eine Einigung über ein Kriegsende. Die Türkei hat knapp 40 Prozent der Insel eingenommen. 

Der türkischen Invasion Zyperns waren jahrelange Unruhen und schwere Zusammenstöße auf der Insel vorangegangen. Es hatte auch Mordanschläge gegeben, welche sowohl von einer griechisch-zypriotischen Untergrundorganisation sowie von einer türkischen verübt wurden. In Istanbul wurden Griechen ebenfalls Opfer der Ausschreitungen und hatten mit Unterdrückung zu kämpfen. Grund war einerseits der aufkommende Wunsch der griechischen Zyprioten, sich Griechenland anzuschließen und andererseits die Ansprüche der Türkei an Zypern.

Der Insel-Krieg hinterlässt tausende Tote, bis heute werden Personen vermisst. Zudem werden 170.000 griechische Zyprer vertrieben, viele türkische Zyprer ziehen vom Süden in den Norden. Im November 1983 erfolgt offiziell die Gründung der Türkischen Republik Nordzypern, welche bis heute von keinem Staat außer der Türkei anerkannt wird. Zypern ist damit in einen griechischen Teil im Süden der Insel und einen türkischen Teil im Norden getrennt. Dazwischen liegt eine Grenze, die seit dem Jahr 2003 wieder durchlässig ist. Seit dem Zypernkonflikt sind auf der Insel UN-Truppen stationiert.

Quellen: Euronews, Außenministerium Zypern, Bundeszentrale für politische Bildung


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