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Emanzitiert: Der Fall Susanna F. entblößt den dysfunktionalen Asylapparat der Regierung Merkel

Der Mord an der 14-jährigen Schülerin macht fassungslos und zornig, und er lässt sich leicht für Hetze gegen Muslime missbrauchen. Doch es ist wichtig, sich nicht der blinden Wut zu ergeben - sondern stattdessen die deutsche Migrationspolitik zu hinterfragen.

In der Nähe des Fundortes der Leiche von Susanna F. haben Menschen persönliche Trauerbekundungen abgelegt. Der Fall zeigt wesentliche Schwachstellen in der deutschen Asylpolitik auf, schreibt unsere stern-Stimme Sylvia Steinitz.

In der Nähe des Fundortes der Leiche von Susanna F. haben Menschen persönliche Trauerbekundungen abgelegt. Der Fall zeigt wesentliche Schwachstellen in der deutschen Asylpolitik auf, schreibt unsere stern-Stimme Sylvia Steinitz.

DPA

Die journalistische Sorgfaltspflicht zu erfüllen, fällt mitunter schwer. Mörder! Tier!, will man schreien, das ist doch kein Mensch! Wer würgt und vergewaltigt ein vierzehnjähriges Mädchen über Stunden? Wer erdrosselt sie schließlich, verscharrt den geschundenen Körper und geht heim zu seiner Familie, zur Mutter, zu den Schwestern, als sei nichts gewesen? Warum hat der Täter Susanna F. aus Mainz nicht als das schützenswerte Kind gesehen, das sie war? Was hat er überhaupt in ihr gesehen?

Susannas Ermordung macht fassungslos und zornig. Die Wut regiert weite Teile der öffentlichen Debatte und verleitet dazu, einfache Antworten auf das "Warum?" zu suchen. Dass die Tat nur geschehen konnte, weil der mutmaßliche Täter Asylwerber war – Kriminelle, Sozialschmarotzer! Weil er aus einem islamischen Land kommt – alle rückständig! Und wer weiß, vielleicht auch, weil sie Jüdin war? Alles Antisemiten!

 Susannas Religionszugehörigkeit – ihre Familie ist Mitglied der jüdischen Gemeinde Mainz –  wurde von manchen Medien eigens erwähnt. Sollten damit wohlig-gruselnde Spekulationen angeheizt werden? Wollte man "endlich" den ersten Mord eines Muslimen an einem Menschen jüdischen Glaubens aus antisemitischen Motiven anbieten können? Ist es jetzt bei uns so wie in Frankreich? Der Appell des Zentralrats der Juden in Deutschland, "voreilige Schlüsse oder Spekulationen verbieten sich", dürfte manche daran gehindert haben, der Versuchung zu erliegen, weiter in die Richtung zu zündeln. Zu spät: In den sozialen Netzwerken wurde dieses Detail zum willkommenen Instrument für Stimmungsmache.

Der Fall Susanna F. lenkt den Blick auf die Schwachstellen der deutschen Asylpolitik

Emotion ist eine heiß begehrte Ware, sie garantiert Aufmerksamkeit, Klicks, Marktanteile. All diese Spekulationen lenken jedoch von dem ab, worüber wir noch viel dringender sprechen müssen. Der Fall Susanna F. zeigt nämlich die wesentlichen Schwachstellen in der deutschen Asylpolitik auf, wie Kollegen verschiedener Medien bereits festgestellt haben (Hier ein Überblick über die Pressestimmen vom Freitag).

Auch deshalb könnte gerade dieser Mord einen Wendepunkt im Umgang der Regierung mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen durch Asylwerber bedeuten. Denn immer klarer wird, was wir aus der Geschichte längst wissen: Wo in einem System die Durchsetzungskraft von oben fehlt, bekommen es Mädchen und Frauen als erste zu spüren.

Die Fälle von Belästigung, von sexualisierter Gewalt, von Mord durch Asylwerber, die in den vergangenen Jahren bekannt wurden, sind – jeder für sich – erschütternd (wie im Übrigen jeder Fall von Belästigung, sexualisierter Gewalt und Mord). In der Summe sind sie ein Symptom der Krankheit unserer Asyl- und Sicherheitspolitik. Wie auch die Terroranschläge und der Bamf-Skandal Symptome dafür sind. Nur, dass Fälle wie der von Susanna F. unmittelbar Angst machen. Mehr Angst vielleicht als Attentate. Die Ermordung des Mädchens, mutmaßlich durch einen Mann, der längst nicht mehr hier sein dürfte, lässt uns den Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – "Wir schaffen das" – besonders bitter aufstoßen. Und die Wut droht sich erneut Bahn zu brechen.

Es wird immer klarer, dass der deutsche Staat mit der Verwaltung, Bewertung und Betreuung der Menschen, die seit 2015 (und davor) herein- und durchgewinkt wurden, überfordert ist. Ohne die umassende, ehrenamtliche Hilfe der Deutschen wäre das Unternehmen "Wir schaffen das" brutal gescheitert. Die Regierung gab eine Order aus, ohne allen davon berührten Stellen die dafür nötigen Instrumente in die Hand zu geben. Etwa mehr Personal für Behörden, Gerichte, Exekutive oder erweiterte Befugnisse. Wir sprechen vereinfachend vom "Asylsystem" – tatsächlich ist der gesamte öffentliche Apparat von Merkels Flüchtlingspolitik betroffen.

Als Erstes leiden die Asylbewerber unter dem kaputten System

Es wird Zeit, dies rückhaltlos einzugestehen. Und außerdem zu erkennen, dass unser kaputtes System die Asylbewerber zuerst trifft. Denn im Zuge der Ermittlungen im Fall Susanna kam noch ein weiteres Verbrechen heraus: In der selben Flüchtlingsunterkunft, in der Ali B. lebte, wurde im März dieses Jahres eine Elfjährige vergewaltigt – drei Jahre, nachdem Hilfsvereine auf die gefährliche Lage von Frauen und Mädchen in deutschen Asylunterkünften hingewiesen haben und die Bundesregierung versprach, gerade sie besonders zu schützen. Das Mädchen, dessen Martyrium jetzt erst bekannt wurde, hat wohl nur deshalb überlebt, weil der Täter sicher war, dass sie schweigt. Und das tat sie auch, über Monate. Bei Susanna war sich der Mörder nicht so sicher. Und beschloss, das Opfer zu beseitigen. Wie viele Minderjährige wurden seit 2015 in und  deutschen Flüchtlingsunterkünften vergewaltigt? Wie viele Erwachsene? Wie viele Taten wurden angezeigt? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Interessiert das überhaupt jemanden? Oder bewegen uns Gewaltopfer nur, wenn sie aus der Mitte der Mehrheit herausgerissen werden oder daraus politisches Kleingeld geschlagen werden kann?

Wir können den einfachen Weg gehen. Wir können Susannas Glauben, noch mehr aber den ihres mutmaßlichen Mörders dazu missbrauchen, unserer Wut freien Lauf zu lassen. Mörder! Tier! Doch Wut ist gefährlich, sie verstellt den Blick auf das ganze Bild. Vielmehr sollte der Fall Susanna uns Mahnung sein, die Umstände zu beleuchten, die den Mord erst möglich machten – in den Behörden, den Gerichten, im Bundestag. Und dann sollten wir schleunigst umfassende Maßnahmen ergreifen, bevor noch weitere Mädchen und Frauen inner- und außerhalb der deutschen Flüchtlingsunterkünfte dem dysfunktionalen Asylapparat der Regierung Merkel zum Opfer fallen.

Zum Shitstorm? Zur Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.

Verbrechen in Wiesbaden: Susanna ist tot - das ist über den Fall (bisher) bekannt
anb