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20 Jahre Tschernobyl: Wild in Bayern immer noch verstrahlt

20 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl sind die radioaktiven Auswirkungen auch in Deutschland immer noch zu spüren. Am härtesten hatte die Katastrophe Bayern getroffen.

Die Menschen horteten Milchpulver, Jodtabletten waren teils ausverkauft und Geigerzähler gefragt wie nie. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 20 Jahren traf Bayern stärker als die übrigen Bundesländer. Der Ostwind trieb die radioaktive Wolke von der Ukraine über Polen direkt nach Bayern, Regen spülte die strahlenden Partikel zu Boden. Südbayern war besonders betroffen. Radioaktives Gemüse wurde vernichtet, 5000 Tonnen verseuchtes Molkepulver sollten zuerst exportiert werden - nach heftigem Protest wurden sie zwischengelagert und 1990 entsorgt. Noch heute sind Pilze und Wild, aber auch Honig und Beeren teils hoch belastet. Und Umweltschützer sehen die Gefahr eines neuen GAU keineswegs gebannt.

Es gebe vielmehr eine "gewaltige Wahrscheinlichkeit" von 1:6, dass es in einem der 200 Reaktoren in Europa in einer 35-jährigen Betriebszeit zu einem Super-GAU komme, sagt der Kernphysiker und Energiereferent des Bund Naturschutz, Ludwig Trautmann-Popp, unter Berufung auf die Reaktorrisikostudie der Bundesregierung von 1989. "Sabotage, Terror und menschliche Fehlhandlungen sind hier nicht eingerechnet." Umstritten ist besonders der nach sowjetischem Muster gebaute tschechische Atommeiler Temelin, aber auch Isar I in Essenbach bei Landshut. "Isar I hält nicht mal einen normalen Flugzeugabsturz aus", so Trautmann-Popp.

Fallout über Europa

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Vergiftungen durch Jodtabletten

Nach Tschernobyl strichen die meisten Verbraucher Salat, Spinat und Spargel vom Speisezettel. Anstatt nach Kalorien- kochten sie nach Becquerel-Tabellen. Obwohl die Behörden abrieten, schluckten manche Menschen Jodtabletten, um die Aufnahme des radioaktiven Jods in die Schilddrüse zu verhindern - einige handelten sich wegen Überdosierung Vergiftungen ein.

Der Sand auf Kinderspielplätzen wurde ausgewechselt, mancher besorgte Hausbesitzer trug in seinem Garten die strahlende Erde ab. Die Behauptung der SPD, auch der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) habe dies getan, erwies sich vor Gericht als nicht haltbar - Strauß erwirkte dagegen eine Einstweilige Verfügung.

Streit um Grenzwerte

Aufgebrachte Atomkraftgegner forderten unterdessen einen Untersuchungsausschuss, der Versäumnisse der CSU-Staatsregierung klären sollte. Es gab Strafanzeigen unter anderem gegen den damaligen Umweltminister Alfred Dick (CSU), der demonstrativ verstrahlte Molke verzehrte. Prominente wie der Filmemacher Herbert Achternbusch und die Regisseurin Margarethe von Trotta warfen den Politikern unterlassene Hilfeleistung vor, weil sie die Bevölkerung nicht sofort über die Strahlenbelastung informiert hätten.

Unklarheit herrschte über die nötigen Grenzwerte. Hessen legte 20 Becquerel pro Liter Milch fest, die Bundesstrahlenschutzkommission sah 500 Becquerel als ausreichend an - und selbst das fand Strauß mit Blick auf höhere Werte in Frankreich noch "maßlos übertrieben".

Cäsium 137 strahlt weiter

20 Jahre nach Tschernobyl ist das radioaktive Jod 131 zerfallen - Cäsium 137 hingegen hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. "Ungefähr zwei Drittel davon sind noch da", erläutert Trautmann-Popp. Vor allem im Wald hält sich das Cäsium. Deshalb darf gelegentlich auch heute noch Wild nicht verkauft werden. "Es sind vor allem die Wildschweine, bei denen wir immer wieder sehr hohe Belastungen haben", berichtet der Sprecher des bayerischen Umweltministeriums, Stephan Niederleitner. Denn Wildschweine fressen gerne Hirschtrüffel - gerade Pilze aber lagern Schwermetalle und damit auch Cäsium stark an.

Unterschiedliche Aussagen gibt es über die gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl. "Die Menschen in Bayern haben zumindest keine messbaren Schäden davongetragen", sagt der Strahlenphysiker Werner Rühm vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit GSF. "Dass man nichts weiß, heißt aber nicht, dass nichts passiert."

Sabine Dobel/DPA / DPA