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Air France-Flugzeugabsturz: "Wann bekommen wir endlich Antworten?"

Vor einem Jahr stürzte vor der Küste Brasiliens eine Air France-Maschine ab. 228 Menschen starben und noch immer ist unklar, warum. Angehörige kritisieren die Fluggesellschaft und verklagen den französischen Staat. Ein Gespräch mit einem Vater, der seine Tochter verlor.

Von Malte Arnsperger

Weiße Nelken waren dabei, einige Freesien. Auch an eine Lilie kann sich Bernd Gans entsinnen, die Farbe ist in seiner Erinnerung jedoch verblasst. Das Meer vor der Küste von Rio de Janeiro war auf jeden Fall blau. Das Ausflugsboot, auf dem Bernd Gans an diesem Tag im November 2009 stand, schaukelte leicht, der Motor war abgestellt, während er zusammen mit seiner Frau die Blumen ins Wasser warf. Es gibt kein Grab, an dem das Ehepaar seine Trauer ausdrücken kann. Deshalb ist der Atlantik vor der Küste Brasiliens wie ein Friedhof für das Ehepaar. Der Ozean hat ihre Tochter am 1.Juni 2009 verschluckt. Die 31-jährige Ines Gans starb beim Flugzeugabsturz des Air France Fluges 447.

Ein Jahr ist seit der Tragödie vergangen, bei der 228 Menschen, unter ihnen 28 Deutsche, ums Leben kamen. Ein Jahr und noch immer ist unklar, was genau zum Absturz des Airbus A330 führte. Ein Jahr und noch immer warten die Angehörigen auf eine Entschädigungszahlung, die über den gesetzlich vorgeschrieben Einmalbetrag hinaus geht. Es ist aber vor allem ein Jahr, in dem Menschen wie Bernd Gans versucht haben, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, ihn irgendwie in den Alltag zu integrieren. "Mir helfen dabei vor allem meine nächsten Angehörigen und meine Ehe", sagt Gans. "Hier können wir unseren Gefühlen freien Lauf lassen und darüber reden, was wir empfinden. Aber natürlich ist die Tatsache, dass das eigene Kind vor einem stirbt, eine solch fundamentale Katastrophe, dass sie dem Leben eine andere Richtung geben wird."

Zweite Suche nach Black Box endete erfolglos

Doch Bernd Gans ist keiner, der nur noch in seiner Trauer lebt, sich abschottet. Schon kurz nach dem Absturz hat er sich in der Öffentlichkeit geäußert. Er wurde Sprecher der Hinterbliebenen-Organisation "HIOP 447" und kämpft dafür, dass die Ursachen und Verantwortlichkeiten für das Unglück aufgeklärt werden. Ein Kampf, den sowohl äußere Faktoren als auch behördeninterne Gegebenheiten enorm erschweren.

Klar ist bislang nur, dass das Flugzeug in der Nacht des 1. Juni 2009 auf seinem Weg von Rio de Janeiro nach Paris in eine tropische Gewitterzone flog, die zu diesem Zeitraum von anderen Fluglinien gemieden wurde. Aus den via Satellit übertragenen automatischen Fehlermeldungen konnten die Experten erkennen, dass die für die Kontrolle des Fliegers enorm wichtigen Geschwindigkeitssensoren ausgefallen waren oder zumindest nicht mehr richtig funktionierten. Die Piloten verloren daraufhin die Gewalt über die Maschine, die am frühen Morgen über dem Atlantik abstürzte. 51 Leichen konnten geborgen werden, auch Wrackteile. Die sogenannte "Black Box" jedoch, die aus Flugdatenschreiber und Stimmenrecorder besteht, wurde nicht gefunden. Die darauf befindlichen Daten könnten weitere wichtige Anhaltspunkte dafür liefern, was genau in jener Nacht passiert ist. Deshalb lief seit März eine erneute Suche nach der Black Box. Doch sie wurde vor einigen Tagen ergebnislos abgebrochen. Ob es noch einen Versuch geben wird, ist offen.

Flugunfall-Untersuchungsstelle BEA verweigert Antworten

Die Angehörigen begrüßten zwar die Bemühungen im Atlantik. Aber ihr Sprecher Bernd Gans, der als Präsident einer zivilen Fliegervereinigung vom Fach ist, verspricht sich nicht viel von der schwierigen Suche in mehr als 3000 Metern Tiefe. Zudem hat er starke Zweifel am Aufklärungswillen der französischen Behörden. Insbesondere die französische Flugunfall-Untersuchungsstelle BEA kritisiert er heftig. "Wir Angehörige haben immer noch nicht das Gefühl, dass die BEA alles tut, um die Unglücksursache zu klären."

Seine Kritik begründet Gans mit zwei Punkten. Zum einen habe die BEA bis heute nicht auf eine Liste mit Fragen geantwortet, die die Hinterbliebenen schon im vergangenen Herbst abgeschickt haben. So wollen Gans und seine Mitstreiter unter anderem wissen, welche Regeln es für die Cockpitbesatzungen von Air France in der Aufgabenverteilung angesichts schwieriger Wetterverhältnisse gibt. Und zum anderen, so meint Gans, schöpften die Ermittler nicht alle Möglichkeiten aus: "Es kann nicht sein, dass man ein Jahr nach dem Absturz mit den bereits vorhandenen Daten nicht in der Lage ist anzugeben, welche Folgen die Probleme mit den Geschwindigkeitssensoren hatten." Dies zu überprüfen wäre nicht schwer, meinen Gans und der Berliner Luftfahrt-Experte Gerhard Hüttig, der die Angehörigen in technischen Fragen berät. Sie fordern die BEA auf, die Geschehnisse der Nacht mithilfe eines sogenannten "Iron Bird" nachzustellen. "Der Iron Bird ist eine exakte Nachbildung aller Systeme des Flugzeugs und viel genauer als ein Flugsimulator", sagt Hüttig. "Aber die BEA verweigert sich einer solchen Untersuchung, zumindest macht sie es nicht öffentlich. Ich habe das Gefühl, dass sich die Franzosen nicht gegenseitig belasten wollen."

Die Fluggesellschaft Air France will sich dazu nicht äußern und betont die Verantwortlichkeit der BEA. Dort wiederum verweist man auf die bisher veröffentlichten Zwischenberichte. Zudem könne man zuverlässige Aussagen zu der Unfallursache erst nach der Auswertung der "Black Box" machen. Unverständnis bei Bernd Gans: "Auch ohne die Black Box-Daten können die Beteiligten, also Air France, Airbus und die BEA, diesen Versuch unter internationaler Aufsicht schon jetzt machen. Auch aus Respekt vor den Opfern aus 32 Nationen." Und er fügt hinzu: "Wenn man ein reines Gewissen hätte."

"Der Ramsauer zieht doch nur den Schwanz ein"

Die Angehörigen um Bernd Gans fühlen sich schlecht informiert und hingehalten. Deshalb haben sie die deutsche Bundesregierung, namentlich Verkehrsminister Peter Ramsauer, gebeten, sich ihrer Sache anzunehmen. Die Antwort des Ministeriums: Die Untersuchung sei Aufgabe der französischen Behörden, die Bundesregierung sehe "keine Möglichkeit", aktiv zu werden. "Der Ramsauer zieht doch nur den Schwanz ein", wettert Bernd Gans. "Natürlich kann er diplomatischen Druck ausüben, so dass die Untersuchung endlich mal voran kommt. Es ist sehr enttäuschend, dass wir so wenig Unterstützung von der Bundesregierung bekommen."

Doch nicht nur die Suche nach der Unglücksursache gestaltet sich schwierig. Auch auf eine wirkliche Entschädigung warten die Hinterbliebenen immer noch. Zwar haben sie für jedes Opfer kurz nach dem Unglück einen Einmalbetrag in Höhe von rund 17.000 Euro bekommen. Doch für das erlittene Leid und den wirtschaftlichen Schaden, der durch den Tod des Ehepartners, des Vaters, der Mutter entstanden ist, fordern die Familien wesentlich mehr. Konkrete Summen will Gans nicht nennen. "Im Fall des Absturzes der Concorde hat Air France im Jahr 2000 Zahlungen von über einer Million Euro zugestimmt. Das hat nur ein Jahr gedauert. Ich meine deshalb, dass es nach einem Jahr an der Zeit wäre, dass Air France und seine Versicherer konkrete Angebote an die Hinterbliebenen machen." Anwalt Ulrich von Jeinsen vertritt fast alle deutschen Angehörigenfamilien. Er hat viel Erfahrung mit den schwierigen juristischen Verfahren nach Flugzeugabstürzen und gibt sich diplomatisch. Der Jurist meint: "Dass es mit der Entschädigung mehr als ein Jahr dauert, ist in so einem Fall nicht ungewöhnlich. Wir sind in Verhandlungen mit den Versicherern von Air France und hier wird ordentlich gearbeitet." Aber der Anwalt macht auch deutlich, dass man sich Klagen vorbehalte, wenn es vor der zweijährigen Verjährungsfrist zu keiner Verständigung kommen sollte. Das wird nicht nötig sein, wenn man der Sprecherin von Air France glaubt. "Der Entschädigungsprozess kann lange dauern aufgrund der Komplexität einzelner Fälle, der vielen unterschiedlichen Nationalitäten und der Anzahl der Berechtigten. Das Ziel ist es, eine faire und transparente Entschädigungsregelung zu finden."

Ein Pariser Denkmal für die Opfer

Für die vielen Hinterbliebenen steht jetzt sowieso der Jahrestag im Vordergrund. In Paris soll ein ökumenischer Gottesdienst für die Familien stattfinden und ein Denkmal auf einem Friedhof errichtet werden. Bernd Gans wird schon einige Tage vorher mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter nach Paris reisen. In einem Gottesdienst wollen sie schon am 30.5. ihrer Ines gedenken, die an diesem Tag 32 Jahre alt geworden wäre.

Ein Jahr vorher, am 30.5.2009, waren Bernd Gans und seine Frau auch in einem Gottesdienst, während sie sich auf die Rückkehr ihrer Tochter aus Brasilien freuten. Dabei spendete das Ehepaar in einer Kirche in München Geld für eine neue Orgel. Nur zwei Tage später kam ihre Tochter ums Leben. "Nun", so sagt der Vater, "verbinde ich mit den Orgelklängen auch die Stimme meiner geliebten Ines."