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Auswärtiges Amt: Warnung vor Rettungsreisen auf eigene Faust

Das Auswärtige Amt ist in Sorge, dass Angehörige der deutschen Flutopfer sich aufmachen und in Asien selbst nach Vermissten suchen könnten. "Sie können in der Region nichts bewirken", wird gewarnt. Gleichzeitig verstärkt Deutschland seine Hilfsaktionen.

Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Klaus Scharioth warnte Angehörige am Samstag in Berlin dringend davor, auf eigene Faust nach Vermissten zu suchen: "Sie können in der Region nichts bewirken." Straßensperren wegen der Bergung der Opfer und wegen der Seuchengefahr machten das Vorwärtskommen unmöglich.

Zu den 34 identifizierten deutschen Todesopfern seien seit Freitag keine weiteren hinzugekommen. Dies bedeute aber "überhaupt keine Entwarnung". Die Zahl der Vermissten steige unverändert, sagte Scharioth. "Wir liegen deutlich über tausend." Nach Einschätzung des thailändischen Regierungschefs Thaksin Shinawatra sind 80 Prozent der Vermissten wahrscheinlich tot.

Um Klarheit zu erhalten, seien DNA-Analysen am Ort und die Überprüfung des Zahnstatus nötig, erläuterte Scharioth. "Wir müssen uns hier auf lange Zeiträume einstellen, bis wir genaue Zahlen haben." 300 Identifikationsexperten, darunter 37 deutsche, täten "ihr Menschenmöglichstes". Rund 300 Menschen aus Deutschland seien verletzt.

6700 Touristen sind bereits zurückgekehrt

Die Zahl der Reisenden, die sich zurückmelden, steige "glücklicherweise" weiter, sagte der Staatssekretär. 6700 deutsche Touristen seien zurückgeführt worden. Über deutsche Flughäfen seien 10.000 Südostasien-Reisende auch anderer Nationalität zurückgekehrt. Schariot bereitete die Öffentlichkeit aber auch darauf vor, dass viele der vermissten Deutschen nicht mehr zurückkommen werden. "Die Hoffnung wird von Tag zu Tag geringer", sagte er. Es gebe eine Vereinbarung mit der thailändischen Regierung, dass alle Leichen identifiziert würden, sagte der Staatssekretär. Das gehe lediglich über die DNA und den Zahnstand. Danach würden alle Daten zentral zusammengeführt, "und dann kann der nationale Abgleich erfolgen".

Die Wahrscheinlichkeit sinke, dass sich noch Personen melden, die zwar auf der Vermisstenliste sind, aber bislang ahnungslos in anderen Teilen der asiatischen Staaten ihren Urlaub verbracht haben. Dass die Liste in den letzten beiden Tagen länger geworden sei, führte Scharioth darauf zurück, dass sich in Deutschland mehr Menschen meldeten, die DNA-Proben ihrer Vermissten brächten. Dazu kommt, dass eine nach wie vor unbestimmte, aber sicher hohe Zahl von Menschen von den Fluten ins Meer gezogen wurden und wahrscheinlich nie mehr auftauchen.

Fingerspitzengefühl zeigen

Damit bereitet das Auswärtige Amt das Land darauf vor, dass die Flut am Ende zur größten Katastrophe für Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg werden könnte, auch wenn das Ereignis Tausende von Kilometern entfernt über die Menschen hereinbrach. Die Tatsache, dass die Zahl der identifizierten Todesopfer von Freitag auf Samstag bei 34 blieb und nicht weiter stieg, war für Scharioth "kein Grund zur Entwarnung". Sie hat ihre Ursache darin, dass die Bestimmung der an den Leichen genommenen Gewebeproben allein schon einige Tage in Anspruch nimmt. Scharioth appellierte an die Medien und an Arbeitskollegen der Betroffenen, Fingerspitzengefühl zu zeigen. Man müsse "Raum lassen für Trauer".

Spezielle Website für die Suche

Thailand hat für die Suche nach Angehörigen unter den Opfern der Flutwellen im Indischen Ozean eine Internetseite eingerichtet. Unter der Adresse www.csiphuket.com sollen von Samstag an alle zu Toten und Verletzten vorhandenen Daten veröffentlicht werden. Die Seite soll ihrem Manager, dem Geschäftsmann Chitcharen Vesespadthaya, zufolge zunächst in sieben Sprachen angeboten werden.

Programmierer und Internet-Entwickler begannen damit, die zur Verfügung stehenden Daten auf der Seite zu veröffentlichen. Sie benutzen dafür Angaben, die von freiwilligen Helfern bei Besuchen in Lazaretten und an den Sammelstellen der Opfer erfragt und auf Formularen eingetragen worden waren. Auch sollen Fotos von noch nicht identifizierten Leichen veröffentlicht werden, damit möglicherweise Kleidung, Schmuck oder andere persönliche Dinge als Hinweis genutzt werden können. Angehörige sollen auch Vermisstenanzeigen auf der Seite einstellen können.

Thailand: "Bitte kommen Sie nicht"

Thailand rief Freunde und Angehörige von Opfern zugleich dazu auf, auf eine persönliche Suche in den verwüsteten Küstengebieten des Landes zu verzichten. "Bitte sagen Sie allen ihren Freunden, dass sie nicht kommen sollen", forderte die Touristenpolizei von Phuket per Durchsage die Menschen auf, die sich in einem Hilfszentrum versammelt hatten. "Man kann die Leichen nicht mehr erkennen. Bedenken Sie, dass die Fotos nicht mit den toten Körpern übereinstimmen." Verwandte sollten vielmehr Proben ihrer DNA an Gerichtsmediziner in ihren Heimatorten weitergeben, damit sie dort ausgewertet und dann mit den Daten der Flut-Opfer verglichen werden können, sagte Polizeisprecher Tuaytep David Wibursin.

Weitere Evakuierungseinsätze

Am Sonntagmorgen wird eine neuerliche Ankunft des Lazarett-Airbus "MedEvac" der Bundeswehr mit 39 deutschen und einem Schweizer Schwerverletzten in Köln erwartet. Am Freitag hatte das Spezialflugzeug 49 Schwerverletzte nach Deutschland gebracht und war dann ins thailändische Phuket zurückgeflogen. "Die Evakuierung der Verletzten geht planmäßig weiter", sagte Scharioth. Ein zweiter "MedEvac" sei ab Montag startbereit. In der Provinz Phuket seien sechs deutsche Helfer-Teams mit jeweils drei Ärzten im Einsatz.

"An der finanziellen Frage scheitert keine einzige schnelle Maßnahme", versicherte Scharioth. Die Bundesregierung hatte 20 Millionen Euro dafür zugesagt. Die Fähigkeit in den Ländern zur Annahme und Koordination von Hilfe sei begrenzt. Deutschland konzentriert seine Aktionen auf Sri Lanka und Indonesien.

Ein Lazarett für das seuchenbedrohte Aceh

Noch verstärkt werden soll die Hilfe in Indonesien. Die Bundeswehr errichtet in der besonders betroffenen Provinz Aceh im Nordosten Indonesiens eine Krankenstation. Für den Einsatz in der Krankenstation in Aceh hielten sich 100 Soldaten bereit, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Schnellstmöglich werde ein Erkundungskommando mit acht Soldaten in die verwüstete Region entsandt. Neben der Behandlung will sich die Bundeswehr der Hygieneüberwachung widmen.

Im nahe gelegenen Medan unterstütze Deutschland mit einer neuen Außenstelle der Botschaft eine Logistikzentrale der Vereinten Nationen, sagte Scharioth. Sie solle schnellstens beim Umschlag von Hilfsgütern helfen. Das Marine- Versorgungsschiff "Berlin" sei auf dem Weg vom Golf von Oman ins Katastrophengebiet. Voraussichtlich am Sonntag werde entschieden, ob es in Sri Lanka oder Indonesien eingesetzt werde.

Weitere Ärtze und Helfer machen sich auf den Weg

Das Deutsche Rote Kreuz habe am Samstag eine Versorgungseinheit mit fünf Ärzten auf den Weg gebracht, ein weiterer Flug nach Medan sei am Sonntag geplant. 67 Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks seien in der Region. Am Samstagabend sollte ein Flugzeug der Johanniter mit zwölf Tonnen Hilfsmitteln von Hannover nach Sri Lanka starten. Am Neujahrsmorgen landeten drei Maschinen aus Bangkok mit verletzten Touristen auf dem Frankfurter Flughafen, sagte ein Flughafensprecher.

Die Deutsche Welthungerhilfe hilft zudem zehntausenden Menschen in Sri Lanka, Indien und an der thailändisch-burmesischen Grenze. Insgesamt versorgten die zehn in der Aktion "Deutschland Hilft" vereinten Hilfsorganisationen bis Freitag 280.000 Flutopfer mit Nahrungsmitteln, Medikamenten oder Trinkwasser.

DPA/AP / AP / DPA