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Mecklenburg-Vorpommern Fremdenhass, Feuerteufel, Dummejungenstreich – das ist der Stand beim Brand in der Flüchtlingsunterkunft

Mecklenburg-Vorpommern: Fremdenhass, Feuerteufel, Dummejungenstreich – das ist der Stand beim Brand in der Flüchtlingsunterkunft
Sehen Sie im Video: Einrichtungsleiter schildert Brand in Flüchtlingsheim bei Wismar.






Nach dem Brand in einer Unterkunft für Geflüchtete in Mecklenburg-Vorpommern hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser ein hartes Durchgreifen angekündigt, sollte sich der Verdacht der Brandstiftung bestätigen. "Und dann müssen wir prüfen, wer ist dafür verantwortlich? Und die Antwort des Staates ist dann eine sehr harte. Wir werden mit allen Mitteln des Rechtsstaates durchgreifen. Die Tat muss verfolgt werden, es muss zu einer schnellen Anklage kommen und dann auch zu einer Verurteilung." Der Leiter der Einrichtung, in der hauptsächlich Menschen aus der Ukraine untergekommen waren, Andrej Bondartschuk, schilderte die Ausbreitung der Flammen in der Nacht zum Donnerstag. "Und dann plötzlich, ein Paar Minuten später, hat man so in fünf Metern Höhe gleich eine starke Rauchwolke gesehen. Und dann, nach wenigen Momenten, stand schon fast das ganze Haus in Flammen." Und der Landrat von Nordwestmecklenburg, Tino Schomann von der CDU, sagte, die Stimmung der ansässigen Bevölkerung mit Blick auf die Geflüchteten sei sehr positiv. "Als wir angefangen haben, die Bevölkerung war hier, hat Spielzeug gebracht und Kleidung gebracht. Es war mehr dahin zu sagen: Stoppt mal, wir haben jetzt genug, sie davon abzuhalten. Also es war bis zum Schluss, auch die Vereine, die Institutionen, das war wirklich super. Und wir haben nichts gespürt von dem, was vielleicht das Zeichen hier aussagt, was gedacht war. Das können wir hier, kann ich für die Region komplett ausschließen, da waren gar keine Indizien für." Nach dem Feuer, bei dem niemand verletzt wurde, ging die Polizei recht schnell von Brandstiftung aus, sie vermutet einen politischen Hintergrund. Einige Tage zuvor waren Hakenkreuz-Schmierereien an dem Gebäude entdeckt worden. Eine Ermittlungsgruppe unter der Führung des polizeilichen Staatsschutzes soll den Vorfall aufklären.
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Die Empörung über den mutmaßlichen Brandanschlag auf eine Unterkunft für Geflüchtete in Groß Strömkendorf ist groß. Ob allerdings tatsächlich ein politisches Motiv dahintersteckt, ist noch keineswegs ausgemacht. Die Ermittlungen dauern an.

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Nach dem Brand eines als Flüchtlingsunterkunft genutzten Hotels in Groß Strömkendorf bei Wismar sind nach wie vor viele Fragen offen. Das Entsetzen, dass Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine Zuflucht gesucht haben, womöglich von einem Brandstifter mit politischen Motiven attackiert worden sind, ist groß. Nicht nur bei Politikern in Land und Bund, auch vor Ort herrscht große Betroffenheit. Was bislang über den Vorfall und den Stand der Ermittlungen bekannt ist.

Was ist genau passiert?

Am Mittwochabend gegen 21.20 Uhr bricht an der Außenseite des Hotels "Schäfereck" in Groß Strömkendorf, einer Gemeinde in der Nähe der Ostseeinsel Poel nordöstlich von Wismar, ein Feuer aus. Seit dem 14. März dient das ehemalige Hotel als Unterkunft für geflüchtete Menschen überwiegend aus der Ukraine. Zum Zeitpunkt des Brandes waren dort 14 Bewohner sowie drei Mitarbeiter anwesend. Alle Menschen konnten das brennende Haus unverletzt verlassen. Die Feuerwehr war mit 20 Wagen und rund 120 Einsatzkräften vor Ort. Sie konnte ein Übergreifen der Flammen verhindern, musste das Hotel jedoch kontrolliert abbrennen lassen.

Welche Hinweise gibt es auf Brandstiftung?

Es sind vor allem wohl Zeugenaussagen, die die Polizei schnell von Brandstiftung sprechen lassen. Die Polizei arbeitet derzeit schrittweise eine Liste von Passanten ab, die am späten Abend am Brandort waren. Der Leiter der Flüchtlingsunterkunft, Andrej Bondartschuk hatte den Brand selbst gemeldet und sofort versucht, ihn zu löschen. Drei oder vier Feuerlöscher habe er geleert, erzählt er. Landrat Tino Schomann (CDU), der selbst in der Nähe wohnt und noch vor der Feuerwehr am Brandort eintraf, berichtet: "In dem Dach war Schilf herausgezogen, dort war ein Loch – armlang und etwa 20 Zentimeter Durchmesser – und am oberen Ende glühte es." Er stellt zudem fest: "Das brennt nicht von alleine."

Klarheit dürften erst die Ergebnisse der Brandursachenermittlers liefern. Diese werden allerdings frühestens Anfang nächster Woche erwartet. Derzeit würden die Proben im Labor untersucht, sagte der Vizepräsident des Polizeipräsidiums Rostock, Michael Peters.

Warum wird ein politisches Motiv vermutet?

Der Staatsschutz ermittelt unter anderem deshalb, weil es zwei Tage vor dem Feuer eine Hakenkreuz-Schmiererei am Schild vor der Flüchtlingsunterkunft gegeben hatte. Weitere rechtsextreme Hassbotschaften sind bisher nicht publik geworden. Ob es sich tatsächlich um den Ausdruck von Fremdenhass handelt oder bloß um einen Dummejungenstreich ist bislang nicht geklärt. Grundsätzlich werde in alle Ermittlungen ermittelt, hieß es.

Gibt es womöglich auch andere Erklärungen?

Es gibt eine ungeklärte Brandserie in der Gegend. In den vergangenen Monaten hatte es mindestens sechs mutmaßliche Brandstiftungen gegeben, wie ein Sprecher des Landkreises Nordwestmecklenburg mitteilte. Betroffen waren demnach unter anderem ein Carport, eine Strohmiete und zuletzt am 7. Oktober ein leerstehendes Haus in einem Nachbarort von Groß Strömkendorf. Womöglich steht auch das Feuer im "Schäfereck" damit in Zusammenhang.

Was spricht gegen mutmaßlichen Fremdenhass?

Die Flüchtlingsunterkunft galt in der Gemeinde nicht als Problem-Standort. Im Gegenteil. Als die Unterkunft ihren Betrieb aufnahm, habe man sich vor Spenden kaum retten können, sagt Leiter Bondartschuk im "Spiegel". Hinter dem Gasthof sei eigens ein Spielplatz für Kinder angelegt worden. Die 30.000 Euro Kosten seien zum großen Teil aus Spenden finanziert worden, so Bondartschuk ."Am Ende mussten wir die Menschen bitten, uns nichts mehr zu bringen." Auch Landrat Schomann betont die Hilfsbereitschaft in dem kleinen Dorf. "Alle hier im Ort sind schockiert und sprachlos."

Was sagt die Politik?

Ein Feuer in einer Flüchtlingsunterkunft – und dann auch noch in Mecklenburg-Vorpommern. Da werden schnell Erinnerungen wach an die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen, die sich in diesem Sommer zum 30. Mal jährten. Wohl auch deshalb beeilten sich insbesondere Landespolitiker damit, ihre Abscheu zu bekunden. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) kündigte bei einem Besuch in Groß Strömkendorf für den Fall einer Brandstiftung "harte Konsequenzen" an. Es müsse für alle klar sein: "Menschen, die vor Krieg flüchten, brauchen unseren Schutz und unsere Unterstützung - Hetze und Gewalt dulden wird nicht."

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zeigte sich bei ihrem Besuch vor Ort "sehr erschüttert" über den Brand. Faeser dankte den Einsatzkräften, die "Herausragendes geleistet" hätten. "Wenn sich bewahrheiten sollte, dass es ein Brandanschlag war, dann will ich auch klar sagen, dass der Rechtsstaat auch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchgreifen wird", kündigte die Ministerin an. Faeser wies aber auch darauf hin, dass zunächst die Hintergründe des Brandes aufgeklärt werden müssten.

Bürgermeister Tino Schmidt (SPD) warnte vor voreiligen Einschätzungen und Vorverurteilungen. " Wir wehren uns dagegen, über den rechten Kamm geschoren zu werden", sagte Schmidt.

Am Nachmittag soll auf dem Wismarer Marktplatz eine Mahnwache stattfinden, zu der unter anderem die Integrationsbeauftragte der Landesregierung, Jana Michael, aufgerufen hat. Sie sei überzeugt, dass viele Menschen in Nordwestmecklenburg und im ganzen Land Hass und Hetze entschieden entgegentreten würden, sagte sie.

mit Material von DPA/AFP

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