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Verfilmung einer Trägödie: Nur knapp der Eishölle am Everest entkommen

Im Mai 1996 geriet eine Gruppe Bergsteiger am höchsten Berg der Welt in einen Sturm. Der Texaner Beck Weathers wurde für tot gehalten und zurückgelassen. Dem stern erzählte er seine Geschichte.

Zerstörte Zelte im Schnee

Das durch ein Erdbeben und Lawinen zerstörte Basislager am Fuße des Mount Everest im April 2015

Auf einem Stein vor seiner Villa im Süden von Dallas, Texas, steht: "Wunder geschehen." Beck Weathers, 68, öffnet mit einem Lächeln die Tür. Seine linke Hand ist nur noch eine Zange aus zwei Stümpfen, die rechte fehlt ganz, ebenso ein Stück vom Unterarm, von der Nase ist ihm die Hälfte geblieben. Da seine Füße an diesem Sommertag in dicken Socken stecken, kann man

nur ahnen, wie es um sie bestellt ist. Dass Weathers noch am Leben ist, grenzt tatsächlich an ein Wunder. Vor 19 Jahren gerieten er und über 30 weitere Bergsteiger am Mount Everest in einen Schneesturm. Es war die größte Bergsteiger-Katastrophe, die sich bis dahin am mächtigsten Fels der Erde zugetragen hatte. Acht Menschen starben am 10. /11. Mai 1996. Weathers fiel in ein hypothermisches Koma, er verlor wegen Unterkühlung das Bewusstsein. Stundenlang lag er im Eis.

Die Verfilmung der Tragödie eröffnete in dieser Woche die Internationalen Filmfestspiele von Venedig, in Szene gesetzt mit Stars wie Jake Gyllenhaal, Keira Knightley und Josh Brolin, der Weathers spielt. Der sagt, es sei ein guter Film, auch wenn er sich in seinem Charakter nicht sonderlich getroffen fühlt. "Ich war vielleicht ein Trottel damals, aber nicht so arrogant."

Verfilmung zwei Bücher

Der Texaner schrieb eines der beiden Bücher, auf denen die Verfilmung basiert ("Für tot erklärt - meine Rückkehr vom Mount Everest", DTV). Das andere Buch schrieb Jon Krakauer, ein Journalist, der die Expedition begleitete, um über Vermögende zu berichten, die sich den Weg zum Everest erkaufen. "In eisige Höhen" (Piper) wurde ein Bestseller.

Mit Erfrierungen im Gesicht

Das Wunder vom Everest: Beck Weathers nach seiner Rettung vom Berg 1996 


Doch wie der Film geben auch die Bücher nur Teile der Realität wieder. Manche Geheimnisse blieben mit den Toten im Eis zurück. Eines davon ist, warum die anderen im Team Beck Weathers beinahe sterben ließen, nachdem sie ihn anfänglich versorgt hatten. Weathers wird noch darüber sprechen, zum ersten Mal nimmt er öffentlich dazu Stellung.

Weathers ist Pathologe. Die Augen, erklärt er, seien sein wichtigstes Werkzeug, deshalb konnte er seinen Beruf trotz der Behinderung wieder aufnehmen. Nichts in seinem Haus lässt darauf schließen, dass er einst besessen war vom Bergsteigen. Kein Foto, kein Souvenir. Die Überlebenden der Expedition hätten heute kaum noch Kontakt. "Wir waren nicht alle dazu geschaffen, Freunde fürs Leben zu sein. Ich versuche, die guten Seiten der Katastrophe zu sehen. Sie hat meine Ehe gerettet."

Das enge Zeitfenster im Frühjahr 1996

Weathers war damals Ende 40, hatte zwei Kinder und stand kurz vor der Scheidung. "Schuld war das Bergsteigen." Wenn er nicht arbeitete, war er wochenlang auf Expedition. Eine schwere Depression hatte ihn zum Bergsteigen gebracht. "An manchen Tagen dachte ich alle 15 Minuten an Selbstmord. Aber wenn ich meinen Körper beim Klettern an seine Grenzen brachte, war kein Platz mehr für solche Gedanken." Acht berühmte Gipfel hatte er bereits erklommen, der Everest sollte die Krönung werden. 65 000 Dollar hatte er für das Abenteuer gezahlt.

Seine Gruppe schien wie bestellt für Krakauers Artikel. Alle vermögend, erfolgreich, auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Darunter Stuart Hutchison, ein 35-jähriger Kardiologe aus Kanada, und die Japanerin Yasuko Namba. Pauschale Kritik an der Kommerzialisierung des Everest will Weathers nicht gelten lassen. "Jeder von uns hatte Erfahrung. Von unserem Geld ernähren die Sherpas, ohne deren Hilfe jede Expedition unmöglich wäre, ganze Dörfer."

Wolkenfetzen am Gipfelgrat

Mächtig und bedrohlich: das Gipfelmassiv des Everest. Die Schicksalstour im Himalaja vor 19 Jahren ist nun Thema des imposanten Hollywood-Films "Everest".


Es sind nur wenige Wochen im Frühjahr, in denen sich der Everest bezwingen lässt. 14 Tage verbrachte die Gruppe im Basislager auf 5400 Meter Höhe, um ihre Körper an die lebensfeindliche Umgebung anzupassen. Am Abend des 9. Mai erreichten sie das letzte Hochlager vor dem Gipfel. Es liegt bereits auf etwa 8000 Metern in der sogenannten Todeszone. Um 22 Uhr gab Bergführer Rob Hall, ein Neuseeländer, das Kommando zum Aufbruch für die letzen 850 Höhenmeter. Sein Plan: die ganze Nacht durchklettern, um bis 14 Uhr den Gipfel zu erreichen. Sonst wäre es zu spät für die Rückkehr gewesen. Gemeinsam mit der Hall-Gruppe machte sich eine weitere auf den Weg, die zu einem Tour-Büro mit Namen "Mountain Madness" gehörte. Dass alle Mitglieder einer Expedition den Gipfel erreichen, kommt so gut wie nie vor. Weathers aber war optimistisch. Seine Müdigkeit und ein paar offene Blasen an den Füßen sollten kein Grund sein, kurz vor dem Höhepunkt seines Lebens aufzugeben.

"Der Abstieg ist immer das Schwierigste"

Die Nacht war windstill, der Himmel sternenklar. In dicken Daunenanzügen und mit Atemschutzmasken aus sowjetischen Jets kämpften sich die Kletterer empor. Doch mit jedem Meter stellte Weathers fest, dass er schlechter sah. Er hatte sich gegen seine Kurzsichtigkeit für diese Expedition die Augen operieren lassen, um keine Brille tragen zu müssen. Doch die Hornhaut reagierte auf die enorme Höhe, er konnte den Blick kaum noch scharf stellen. Gegen 7.30 Uhr morgens, rund 400 Meter unterhalb des Gipfels, gab er auf, ließ die anderen ziehen und wartete, bis sie ihn wieder einsammelten.

Beim Queren im Eis am Hang

Unterwegs in Richtung Gipfel: Der Berg zieht Massen von Bergsteigern an.


Die Ersten kehrten erst am Nachmittag zurück. Es hatte beim Abstieg Schwierigkeiten an einem schmalen Grat gegeben, Bergführer Rob Hall war noch oben, um den schwächeren Kletterern zu helfen. "Der Abstieg ist immer das Schwierigste", sagt Weathers. Zehn Stunden Warten hatte ihn ausgekühlt, dazu kam seine Blindheit. Mehrfach rutschte er aus, wäre fast in die Tiefe gestürzt.

Auf dem Südsattel, nicht mal einen halben Kilometer vom rettenden "Lager 4" entfernt, überraschte sie dann der gewaltige Sturm. In seinem Buch schildert Weathers ein "heiseres Grollen". Der Wind erreichte bis zu 130 Stundenkilometer.


Als Weathers seine rechte Hand unter seiner Jacke wärmen wollte, flog sein Handschuh davon. Alle wussten, in welcher Gefahr sie sich befanden. Eine New Yorkerin aus dem "Mountain Madness"-Team, die sich vor der Expedition in ihrer Kletterausrüstung für die "Vogue" hatte ablichten lassen, schrie: "Ich will nicht sterben!" Die Gruppe teilte sich: Die Starken sollten Hilfe holen, Weathers und die Japanerin Yasuko blieben zurück. Sie kauerten sich in den Schnee, verloren das Bewusstsein.

Weathers wird für tot erklärt

Am nächsten Vormittag hatte die Windgeschwindigkeit auf 50 km/h abgenommen. Steward Hutchison machte sich mit drei Sherpas auf die Suche nach Überlebenden. Sie stießen auf Weathers und Yasuko. Sie gaben nur noch schwache Lebenszeichen, lagen im hypothermischen Koma. Aus medizinischer Sicht ein Todesurteil. Der Kardiologe, der wie die Sherpas kaum noch bei Kräften war, entschied, sie ihrem Schicksal zu überlassen.

Im Lager berichtete Hutchison. Weathers Frau in Dallas wurde informiert, dass ihr Mann am Südsattel des Everest gestorben sei. "Es gibt keinen Zweifel", sagte man ihr. Zu den Todesopfern gehörte auch Rob Hall, der sich geweigert hatte, einen schwächeren Kletterer allein zurückzulassen. Doch Nachmittags schlug Beck Weathers die Augen wieder auf. Warum, dafür gibt es keine gesicherte Erklärung. "Womöglich lag es an der enormen Sonnenenergie in dieser Höhe", vermutet er. "Vielleicht ließ das meine Körpertemperatur ansteigen."

Bergsteiger im Schneegestöber am Seil

In eisigen Höhen: Eine Szene aus dem Film "Everest"


Zunächst wähnte er sich in seinem Bett in Dallas. Irgendwie kam er auf die Beine - er hatte drei Tage nichts gegessen, zwei Tage nichts getrunken - und wankte ins Camp. Sein Gesicht war schwarz, wie verbrannt. Eine Hand hing nackt aus dem Ärmel. Die anderen starrten ihn fassungslos an. Sie gaben ihm heißen Tee, steckten ihn mit einer Wärmflasche in zwei Schlafsäcke und injizierten ihm zur Stärkung eine Steroidspritze.

Niemand hat nach ihm gesehen

Was am folgenden Morgen geschah, ist vielleicht das Unfassbarste an Weathers Geschichte: Als er erwachte und ins Freie spähte, war das Camp so gut wie leer. Niemand hatte mehr nach ihm gesehen, gefragt, wie es ihm ging. Nur noch drei Mann waren im Lager, darunter Jon Krakauer, und auch die befanden sich im Aufbruch.

"Hey Leute, was ist los?", rief Weathers ihnen zu. Krakauer stützte ihn schließlich auf dem Weg ins nächste, tiefer gelegene Camp. Sie trafen auf ein Filmteam, das bei Weathers Bergung half. Hätte er nicht aus dem Zelt gerufen, er wäre am Everest umgekommen.

Schauspieler mit Sonnenbrille

Aufstieg ins Verderben: Josh Brolin in "Everest" als Beck Weathers


Er hat die anderen später nie darauf angesprochen. "Ich wollte nicht darüber nachdenken", sagt Beck Weathers. "Sie waren vermutlich zu 100 Prozent überzeugt, dass jemand in meinem Zustand die Nacht nicht überlebt haben konnte." Seine Augen füllen sich jetzt mit Tränen,

die er mit dem Stumpf seiner Hand abzuwischen versucht. Eine Minute lang ringt er um Fassung, dann sagt er: "Diese Geschichte ist für mich heute noch so frisch wie vor 19 Jahren. Ich will niemanden beschuldigen. Es würde nur in Wut und Bitterkeit enden. Es würde denen nicht wehtun. Aber es würde mich zerstören."

Der Everest-Tourismus ist seitdem noch mehr geworden. Inzwischen kommen bis zu 350 Abenteurer pro Jahr. Das Unglück von 1996 wurde längst überschattet von schwereren Katastrophen. 2014 kamen 16 Sherpas in einer Lawine um. Vergangenen April starben 19 Alpinisten, als ein Erdbeben ausbrach. Die Anmeldefrist für die Expeditionssaison 2016 läuft bereits.