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Giftige Aschewolke aus Russland: Keine Gefahr durch radioaktive Strahlung für Deutschland - zunächst

Bei den großflächigen Waldbränden in Russland sind unter anderem radioaktiv verseuchte Gebiete betroffen. Nun fürchten einige, dass das Wetter die Strahlung nach Deutschland bringt. Der Wetterdienst gibt bis einschließlich Samstag zunächst Entwarnung.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl konfrontierte die Deutschen 1986 vor der eigenen Haustür mit radioaktiv verseuchten Sandkästen und Waldpilzen. Nun lösen die riesigen Waldbrände in Russland Angst vor einer zweiten radioaktiven Wolke aus, die nach Deutschland treiben könnte. Denn die Feuer wüten auch in Gebieten, die durch das Unglück von Tschernobyl verseucht sind. Nach Angaben von Greenpeace ist auch die stark kontaminierte Region um den großen Atomkomplex Majak betroffen. Zumindest für die nächsten Tage geben Experten jedoch Entwarnung: Die Wetterlage verhindert, dass strahlende Teilchen nach Deutschland getrieben werden.

In den kommenden Tagen sei nicht mit einer Wetterlage wie nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl zu rechnen, als eine radioaktive Wolke bis nach Deutschland getrieben wurde, sagt Professor Eberhard Reimer, Experte für Schadstofftransport und Waldbrände an der Freien Universität in Berlin. Solche Tschernobyl-Wetterlagen seien ohnehin recht selten und träten nur etwa zwei bis drei Wochen pro Jahr auf. Selbst wenn mit der Luft radioaktive Teilchen nach Deutschland strömen sollten, sei es wegen Verdriftungen unterwegs völlig unklar, in welcher Konzentration sie hier ankämen und wie gefährlich sie seien.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gibt bis einschließlich Samstag Entwarnung. In den nächsten drei Tagen herrsche eine Wetterlage, die die Rauchwolke aus Russland voraussichtlich über Polen nach Schweden abziehen lasse, sagt DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Auf dem Weg durch Polen könne die Wolke höchstens den Rand Ostdeutschlands streifen. Bisher habe der Wetterdienst, der die Radioaktivität in der Luft überwacht, jedoch keine erhöhte Belastung verzeichnet.

Der Wetterdienst misst für das Bundesamt für Strahlenschutz an 48 Stationen im ganzen Land die Radioaktivität. "Wenn irgendwas kommt, wird's bei uns sofort erfasst", sagt Kirsche. Sollten sich die Werte erhöhen, werde vollautomatisch Alarm geschlagen. Mediziner beim Bundesamt für Strahlenschutz müssten dann bewerten, welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien.

Greenpeace sieht vor allem Menschen vor Ort bedroht

"Es ist sehr unwahrscheinlich, dass bei der derzeitigen Wetterlage eine radioaktive Rußwolke nach Deutschland kommt", sagt auch der Atomexperte von Greenpeace, Mathias Edler. Die Brände seien vor allem für die Menschen in der Umgebung der verseuchten Gebiete eine Bedrohung, wo die Flammen strahlende Teilchen aus dem Boden aufwirbelten. Bisher gebe es keine Erkenntnisse, wie sich das Gemisch aus Ruß, Feinstaub, Kohlenmonoxid und radioaktiven Partikeln in der Luft auf die Menschen auswirke. Medizinisch sei jedoch erwiesen, dass bereits ein Millionstel Gramm Plutonium Krebs erzeugen könne. Auch das krebserregende Cäsium 137 komme in den durch Tschernobyl und Majak verseuchten Gebieten stark vor.

Der Greenpeace-Experte zweifelt an der Aussage russischer Behörden, dass Atomanlagen durch die Brände nicht gefährdet seien. Selbst ein weit entferntes Feuer könne einen Stromausfall in einem Atomkraftwerk auslösen, und dann sei dessen Kühlanlage auf Notstrom-Aggregate angewiesen. Bei einem Stromausfall in Majak sei im Jahr 2000 der Dieselgenerator zwar angesprungen, aber nur eine halbe Stunde gelaufen. "Wenn die Kühlmittelpumpen ausfallen, kann es zu einer Kernschmelze kommen", warnt Edler. Eine Kernschmelze im Reaktor von Tschernobyl führte auch zur Freisetzung von Radioaktivität und der bislang schwersten AKW-Katastrophe.

Zudem ließen sich atomare Kettenreaktionen nicht einfach wie ein Lichtschalter ausknipsen, eine Kühlung sei noch Wochen nach dem Abschalten einer Atomanlage nötig, sagte Edler. Im Sommer 1967 kam es in Majak nach den Worten des Greenpeace-Experten zu einem Szenario, das mit der heutigen Lage vergleichbar ist: Damals sei ein See ausgetrocknet, in den radioaktive Abfälle aus Majak eingeleitet wurden. Wirbelstürme hätten die radioaktiven Partikel vom Seegrund danach über Hunderte von Kilometern verbreitet.

Reuters / Reuters