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Hamida Djandoubi: Die letzten Stunden des letzten Menschen, der durch die Guillotine hingerichtet wurde

Vor 40 Jahren starb der letzte Westeuropäer durch die Todesstrafe. Hamida Djandoubi war auch der letzte Mensch, der durch die Guillotine hingerichtet wurde. Eine Zeugin der Exekution erzählt von den letzten Stunden des Todeskandidaten.

Guillotine im Museumsteil des Prager Pankrác-Gefängnisses

Guillotine im Museumsteil des Prager Pankrác-Gefängnisses


Picture Alliance

Hamida Djandoubi starb in den Morgenstunden des 10. Septembers 1977. Obwohl enthauptet, soll er noch 30 Sekunden lang ansprechbar gewesen sein. Wohl mehr Gerücht als Tatsache. Er war der letzte Mensch, der in Westeuropa exekutiert wurde. Er war weltweit der letzte Mensch, der durch die Guillotine gerichtet wurde. Gerade einmal 40 Jahre ist das her.

Erst 1981 schaffte Frankreich die Todesstrafe ab

Der Erfinder des Fallbeils, der Franzose Joseph-Ignace Guillotin, wollte mit seinem Gerät die Hinrichtung möglichst schmerzfrei gestalten. Ob ihm das wirklich gelang, ist immer noch umstritten, doch die Guillotine setzte sich als relativ humane Exekutionsart in vielen Ländern schnell durch. In Frankreich etwa wurde sie 1792 als einziges Hinrichtungswerkzeug zugelassen. Erst 1981 wurde die Todesstrafe dort abgeschafft.

Der Mann, der als letztes im Namen des Volkes geköpft wurde, war gerade einmal Anfang 30, als er in Marseille zum Schafott geführt wurde. Hamida Djandoubi, gebürtiger Tunesier, zieht 1968 nach Marseille und verdingt sich dort zunächst als Packer. Bei einem Unfall verliert er ein Bein. Einige Jahre später, 1973, zeigt ihn seine Geliebte Elisabeth Bousquet an, weil er sie mit Gewalt zur Prostitution zwingen will. Djandoubi muss für ein paar Monate ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung will er sich an ihr rächen: Er entführt die 21-Jährige, foltert sie stundenlang, am Ende erdrosselt er sie. Am 25. Februar 1977 verurteilt ihn ein Geschworenengericht zum Tode. Zwei Berufungen scheitern, auch die Bitte an den damaligen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing, das Urteil in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe umzuwandeln, lehnt der ab.

Die letzten Stunden von  Hamida Djandoubi

Die Untersuchungsrichterin Monique Mabelly wurde als Zeugin für die Hinrichtung berufen. Auf rund zwei Seiten beschreibt sie die letzten Stunden des Verurteilten. Ihren Bericht hatte sie direkt nach dem Tod Djandoubis verfasst. Später vertraute sie das Dokument ihrem Sohn an, der es wiederum an den französischen Ex-Justizminister Robert Badinter weiterleitete. Badinter warb später erfolgreich für die Abschaffung der Todesstrafe. Mabellys Eindrücke wurden zuerst 2013 von der Tageszeitung "Le Monde" veröffentlicht.

Anlässlich des 40. Jahrestags der letzten Hinrichtung haben wir es leicht gekürzt ins Deutsche übersetzt:


"Die Zellentür wurde geöffnet. Ich hörte jemanden sagen, dass der Gefangene schlummerte aber nicht schlief. Dann wurde er bereit gemacht. Es dauerte etwas, da er eine Beinprothese trug, die angelegt werden musste. Alle schwiegen, jemand schob die am Boden liegende Bettwäsche vorsichtig zur Seite. Der Gefangene wurde auf einen Stuhl gesetzt, seine Hände hinter seinem Rücken in Handschellen gelegt. Ein Wächter überreichte ihm eine Filterzigarette, er begann zu rauchen ohne ein Wort zu sagen.

Er war jung mit sehr dunklem Haar, angenehm frisiert. Sein Gesicht: nicht makellos, aber hübsch. Unter seinen Augen dunkle Ringe. Er wirkte weder dumm noch roh. Einfach nur ein gutaussehender junger Mann. Er rauchte und beschwerte sich über die zu eng anliegenden Handschellen. Ein Wärter löste sie ein wenig, aber er beschwerte sich erneut. In diesem Moment bemerkte ich, dass hinter seinem Rücken der Henker erschien, zusammen mit zwei Assistenten und einem Seil in der Hand.

"Sehen Sie, sie sind frei"

Die Kordel sollte eigentlich die Handschellen ersetzen, aber der Henker entschied, ihn gänzlich von den Fesseln zu lösen. Er kommentierte den Entschluss mit den bitteren wie fürchterlichen Worten: "Sehen Sie, sie sind frei." Mir lief es kalt den Rücken herunter. Der Gefangene rauchte seine Zigarette zu Ende, er bekam eine weitere überreicht. Er rauchte langsam. In diesem Moment wurde ihm klar, dass es nun vorbei sein würde. Dass er nirgendwo mehr hin konnte. Dass sein Leben nun hier enden werde. Und dass es nur noch so lange dauerte wie es brauchte, diese Zigarette aufzurauchen.

Er verlangte, seine Anwälte zu sprechen. Herr P. und Herr G.. Der Gefangene sprach so leise wie möglich. Vermutlich weil hinter ihm die beiden Assistenten des Henkers standen und es war, als würden sie ihm den letzten Moment seines Lebens rauben. Herrn P. gab der Gefangene ein Blatt Papier, das er es auf dessen Geheiß zerriss. Herrn G. überreichte er einen Umschlag. Einer der Anwälte stand zu seiner Rechten, einer zu seiner Linken, sie sprachen nicht miteinander. Der Gefangene wandte sich an den Gefängnisdirektor und fragte, was mit seinem Besitz geschehe.

Die zweite Zigarette war zu Ende, eine weitere Viertelstunde vorüber. Ein junger Wärter erschien. Er hatte eine Flasche Rum und ein Glas dabei. Den Gefangenen fragte er, ob der einen Drink wolle und füllte das halbe Glas voll. Der Gefangene begann langsam zu trinken. Es war ihm offenbar klar, dass sein Leben enden würde, wenn er ausgetrunken hatte. Der Gefangene sprach noch ein paar Worte mit seinen Anwälten. Dem Wächter bedeutete er, ihm das Papier aufzuheben, das Herr P. zerrissen und zu Boden geworfen hatte. Der Wächter bückte sich, sammelte die Papierstücke ein und übergab sie an Herr P., der sie in seine Jackentasche schob.

Die beiden ersten Zigaretten schmeckten ihm nicht

Es war der Moment, in dem alles etwas durcheinander geriet. Dieser Mann würde sehr bald sterben. Er wusste es, er wusste, dass er es nur verzögern könne, um ein paar Minuten vielleicht. Er war fast wie ein kleines Kind, das alles tat, nur um nicht ins Bett zu müssen. Ein Kind, das weiß, dass es dennoch nicht mit Nachsicht rechnen kann. Der Gefangene trank weiter seinen Rum, langsam in kleinen Schlücken. Er bat den Iman zu sich, der zu ihm kam und ein paar Worte in Arabisch zu ihm sprach. Der Gefangene antwortete ebenfalls auf Arabisch.

Sein Glas war nahezu geleert, und er fragte nach einer weiteren Zigarette: eine Gauloise oder eine Gitane (filterlose Zigaretten mit starkem, dunklem Tabak), weil er die Marke nicht mochte, die man ihm zuvor angeboten hatte. Er bat sehr ruhig darum, fast schon würdevoll. Doch der Scharfrichter wurde langsam ungeduldig und unterbrach ihn: "Wir waren schon sehr nett zu ihm, sehr human, wir müssen das jetzt hinter uns bringen." Die Zigarette wurde ihm verwehrt, obwohl der Gefangene seine Bitte wiederholte und recht passend einwarf, dass es seine letzte sein werde. Die beiden Assistenten des Henkers schauten beschämt. Ungefähr 20 Minuten waren nun vergangen seit der Gefangene auf den Stuhl gesetzt wurde. 20 Minuten - so lang und doch so kurz.

Seine Frage nach einer letzten Zigarette brachte uns zurück ins Jetzt, machte uns der Zeit bewusst, die bereits vergangen war. Wir waren geduldig, wir haben 20 Minuten gewartet, während der Gefangene, sitzend, Wünsche äußerte, die wir ihm umgehend erfüllten. Wir hatten ihm erlaubt, Herr über die Zeit zu sein. Sie war sein Besitz. Aber nun mussten wir sie ihm wieder wegnehmen. Die letzte Zigarette wurde ihm verwehrt, man bat ihn auszutrinken. Er trank seinen letzten Schluck und reichte das Glas dem Wärter. Unverzüglich zückte einer der Assistenten des Scharfrichters eine Schere und begann, den Kragen des blauen Hemds, das der Gefangene trug, abzuschneiden. Der Henker machte deutlich, dass der Schnitt nicht ausreiche. Um die Sache zu vereinfachen, setzte der Helfer zwei große Schnitte und riss dem Gefangen den Schulterteil des Hemdes ab.

Ich sah Blut, Mengen von Blut, sehr rotes Blut

Zu dem Zeitpunkt waren die Hände des Gefangenen bereits wieder mit der Kordel auf dem Rücken gefesselt. Ihm wurde aufgeholfen. Die Wächter öffneten die Tür zu einem Flur. Gegenüber erschien die Guillotine. Ohne zu zögern folgte ich den Wächtern, die den Gefangenen bedrängten. Wir betraten den Raum, oder eher den Hofraum, in dem die "Maschine" stand. Neben ihr stand ein brauner Weidenkorb. Dann ging alles sehr schnell. Der Gefangene wurde förmlich fallengelassen, und ich drehte mich um. Nicht aus Furcht, sondern instinktiv, aus einem tiefsitzenden Anstand heraus (Mir fällt kein bessere Wort dafür ein) Ich hörte ein dumpfes Geräusch. Und sah Blut, Mengen von Blut, sehr rotes Blut. Der Körper war in den Korb gekippt. In nur einer Sekunde war ein Leben vorbei. Der Mann, der vor weniger als einer Minute noch gesprochen hatte, war nun nicht mehr als ein blauer Pyjama in einem Korb. Ein Wächter holte sofort einen Wasserschlauch herbei. Man muss die Beweise eines Verbrechens schnell beseitigen. Mir wurde schlecht, aber ich konnte mich beherrschen. Ich fühlte kalte Entrüstung in mir.

Anschließend gingen wir ins Büro des Staatsanwalts, wo der jammernd wie ein Kind dabei war, den offiziellen Hinrichtungsbericht zu verfassen. Der Henker prüfte jedes Wort sorgsam. Der offizielle Bericht einer Hinrichtung ist sehr wichtig. Um 5.10 Uhr ging ich nach Hause."
 

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