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Hungerkatastrophe in Ostafrika: Feuerwehreinsatz für zwölf Millionen Menschen

Im Osten Afrikas hungern zwölf Millionen Menschen, eine Million ist akut vom Tod bedroht. Warum eskaliert die Situation, wie kann der Westen helfen? Antworten zur Hungersnot in Kenia und Somalia.

Von Niels Kruse

Welche Gebiete sind von der Hungersnot betroffen?

Am schlimmsten leidet das so genannte Todesdreieck unter der Versorgungsnot. Ein riesiges Gebiet zwischen dem Süden Äthiopiens, dem Norden Kenias und dem Westen Somalias (siehe Karte). Ebenfalls äußerst kritisch ist die Lage im Norden und Osten Somalias. Auf einer Strecke von rund 1000 Kilometern zwischen Nordkenia und Dschibuti befinden sich zahlreiche Flüchtlingslager, in denen täglich Tausende von hungernden Menschen ankommen.

Wie ist die Lage dort?

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass zwölf Millionen Menschen in den betroffenen Ländern unter Hunger leiden, knapp eine Million von ihnen sind akut vom Hungertod betroffen. Die örtlichen Behörden, so sie denn existieren, kommen ebenso wie Hilfsorganisationen kaum mit Nahrungslieferungen nach. Die Flüchtlingslager sind zudem hoffnungslos überfüllt. Das Camp Dadaab etwa, an der kenianisch-somalischen Grenze, ist für "rund 85.000 Menschen ausgelegt, zurzeit befinden sich dort aber 400.000 Flüchtlinge", sagte Katharina Welteke vom Welternährungsprogramm (WFP) stern.de. Nicht nur dort mangelt es an Nahrung, Medikamenten, sanitären Einrichtungen und Wasser. Für zwei Lager nahe der somalischen Stadt Baidoa, in denen sich 50.000 Menschen aufhalten, gebe es nur einen Brunnen, sagte ein Mitarbeiter vom SOS-Kinderdorf.

Was sind die Gründe für die Hungerkatastrophe?

In Somalia tobt seit Jahrzehnten ein blutiger Bürgerkrieg, eine Infrastruktur in dem zerfallenden Staat ist nicht mehr vorhanden. Im Süden des Landes treibt die al Shabaab-Miliz ihr Unwesen und nimmt bei ihrem Kampf gegen die Übergangsregierung keine Rücksicht auf die ohnehin verarmte Bevölkerung. Zudem leugnet sie schlicht die Existenz einer Hungersnot und will oder kann nicht für die Sicherheit der Mitarbeiter der Hilfsorganisation garantieren. "In den vergangenen zweieinhalb Jahren sind dort 14 unserer Mitarbeiter ums Leben gekommen", sagte Katharina Welteke vom WFP. Als wären die Menschen nicht schon genug gebeutelt, hat es in einigen Regionen zum Teil seit Jahren nicht mehr geregnet. Die Folge sind erhebliche Ernteausfälle. Experten sprechen mittlerweile von der schlimmsten Dürrekatastrophe seit 60 Jahren, für die auch der Klimawandel mitverantwortlich gemacht wird. In den letzten Monaten sind darüber hinaus die Preise für Energie und Lebensmittel stark angestiegen, weshalb die Notlage derzeit eskaliert.

Wer braucht am dringendsten Hilfe?

Die Hauptschwierigkeit für staatliche und private Hilfsorganisationen besteht darin, dass die Hungernden über ein riesiges Gebiet verteilt sind. Große Not besteht in den vielen Flüchtlingslagern, die sich über 1000 Kilometer zwischen dem Norden bis zum Süden Dschibutis verteilen - da sich hier Hunderttausende von Menschen sammeln und die Lager völlig überfüllt sind, brauchen sie am schnellsten Unterstützung. Allerdings sind unzählige Flüchtlingen noch unterwegs: Allein 3500 Somalier überqueren täglich die Grenze von Kenia nach Äthiopien. In Mogadischu sind in den vergangenen zwei Monaten 100.000 Binnenflüchtlinge eingetroffen. Für die notleidenden Menschen in der somalischen Hauptstadt sind jetzt 14 Tonnen hochangereicherte Nahrungsmittel angekommen, mit denen 5000 Kinder einen Monat lang ernährt werden können.

Welche Hilfen sind geplant?

In der betroffenen Region fehlt es an allem: Lebensmittel, sauberes Trinkwasser, Medikamente, aber auch sanitäre Einrichtungen. Das Welternährungsprogramm plant zum Beispiel kurzfristig mindestens 100 Tonnen Nahrungsmittel in das "Todesdreieck" zu liefern. Die Regierungen stocken derzeit ihre Hilfsetats auf. Das Entwicklungshilfeministerium in Berlin erhöht die Hungerhilfe von 15 auf 30 Millionen Euro. Die stellt 160 Millionen Euro zur Verfügung. Seit November 2010 hat die Weltgemeinschaft insgesamt 700 Millionen Euro zur Bekämpfung des Hungers zusammengesammelt, Experten rechnen damit, dass bis zum Ende des Jahres noch einmal die gleiche Summe benötigt wird.

Woran sind die Hilfen bislang gescheitert?

Erst am Dienstag musste eine geplante Luftbrücke zur Versorgung der hungernden Menschen verschoben werden. Grund waren bürokratische Hürden mit dem kenianischen Zoll. Mittlerweile haben die Flugzeuge ihr Ziel Mogadischu erreicht. Allerdings herrschen in der somalischen Hauptstadt katastrophale Zustände, die die Auslieferung der Güter erschweren. "Ein heilloses Durcheinander und Plünderungen führen dazu, dass die Schwächsten und Verwundbarsten mit leeren Händen dastehen", sagte ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die Auslieferung von Nahrungsmitteln, besonders im Süden von Somalia werden außerdem, und das schon seit Jahren, von den dort herrschenden Islamisten der al Shabaab-Miliz behindert. "Wir verhandeln zurzeit mit deren Führern, damit unsere Hilfe die Menschen erreicht und ohne unsere Mitarbeiter zu gefährden", so Katharina Welteke vom Welternährungsprogramm.

Welche Maßnahmen sind für die Zukunft vorgesehen?

Zurzeit bleibt den Hilfsorganisationen nichts anders als ein Feuereinsatz übrig, um die schlimmste Not zu lindern. In der Vergangenheit ist eine nachhaltige Unterstützung der Dauerproblemzone im Osten Afrikas auch daran gescheitert, dass viele (finanzielle) Hilfszusagen der Weltgemeinschaft nicht eingehalten wurden. Zwar wurden auf Konferenzen immer wieder Mittel zugesagt, die aber nicht ausgezahlt wurden. "Prävention ist nicht sexy. Das ist das eigentliche Problem", sagte EU-Entwicklungskommissarin Kristalina Georgieva unlängst. Das WFP spricht angesichts der sich bereits länger ankündigenden Hungerkatastrophe von einem "stillen Tsunami". Was laut Katharina Weltecke auch am mangelnden Interesse der Öffentlichkeit liege. Und so lange ein Staat wie im Bürgerkrieg versinkt, werden auch langfristig angelegte Hilfsprogramme wie die Unterstützung von Kleinbauern und der Ausbau von sich selbstversorgenden Landwirtschaften kaum möglich sein.