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Totenkult in Mexiko Der Tod ist ihnen heilig

Millionen Mexikaner beten die Sensenfrau Santa Muerte an. Der morbide Kult ist Spiegel der Seele eines gebeutelten Landes.

An einem Sommermorgen 2008 erschossen 13 Männer einen jungen Sektenführer namens Jonathan Legaría Vargas mit 150 Schüssen in einem Vorort von Mexiko-Stadt. Die Tat schaffte es kurz in die Zeitungen, verschwand dann aber ebenso schnell in der Flut neuer Mordmeldungen. Die Polizei verfolgte den Fall nicht. In den folgenden Tagen trat seine Mutter, Enriqueta Vargas, vor die Statue der Todesheiligen La Santa Muerte, ein 22 Meter hohes Skelett in schwarzer Robe, das die gesamte Nachbarschaft überragt. Sie brachte ihr Gaben – Tequila, Lutscher, Äpfel – und machte einen Deal mit der Volkspatronin: Du bringst mir den Mörder – ich diene dir mein Leben lang.

Jede Nacht betete die Katholikin nun zum "Heiligen Tod" , am Tag machte sie sich auf Spurensuche. Nach einem halben Jahr Puzzlearbeit glaubte sie den Anführer zu kennen: Emilio Sánchez, genannt "das Messer", Chef einer Sondereinheit der Polizei. Wenige Tage später töteten Unbekannte Sánchez, und noch in derselben Nacht trat Enriqueta Vargas wieder vor Santa Muerte. "Danke, Allerheiligste", sagte sie. "Das ist mein Weihnachtsgeschenk. Ich werde deinen Namen in der Welt verbreiten."

"So funktioniert La Santa Muerte", sagt Vargas. "Sie vollbringt Wunder im Hier und Jetzt. Sie nimmt sich einer Sache sofort an, anders als die Kirche."

In der einen Hand eine Sense, in der anderen einen Globus

Vargas trägt einen schwarzen Umhang und auf den Fingernägeln glitzernde Totenköpfe. Es ist ein kühler Herbsttag, Mitternacht, sie ruft zum Gottesdienst in ihren Tempel "Santa Muerte Internacional" an einer Industriestraße in Mexiko-Stadt. Acht Jahre ist es nun her, dass sie die Führung des größten Tempels Mexikos von ihrem ermordeten Sohn Jonathan übernommen hat. Am Eingang steht: "Ich bin die Beschützerin der Verbrecher. Aber wenn ihr mich klaut, ist das euer Tod."

Hunderte Gläubige aus ganz Mexiko treffen in dem Gewerbehof ein. Ein jeder bringt seine eigene "La Santa"-Statue mit. In der einen Hand trägt sie stets eine Sense und in der anderen meist einen Globus. Mal stellen die Pilger ihr Tequila zu Füßen, mal hängen sie ihr ein Kruzifix um. Anders als Jesus sei sie variabel, sagen die Leute, näher am Leben. Warum sollman in Zeiten von Twitter und Fast Food auf die späte Erlösung setzen?

Noch bevor der Gottesdienst beginnt, strömen die Gläubigen in unterschiedlich kolorierte Schreine. Eine in Rot gekleidete Santa Muerte steht für die Liebe. Hier hängen sie ihre Gebetszettel ans Skelett: "Pedro ist mein Mann. Vertreibe seine Geliebte." Die gelbe Santa Muerte wird für Jobs und Geld angebetet, die in Lila gekleidete für Gesundheit. Es geht nicht um abstrakte Konzepte wie das Jenseits, sondern immer um etwas Konkretes, Unmittelbares. La Santa ist eher eine Interventionistin, die schnelle Eingreiftruppe der Religion. Es gilt die Aufgabenverteilung: Gott segne mich. Santa Muerte beschütze mich.

Für die meisten Anhänger dieses rasant wachsenden Kultes steht Santa Muerte gleich hinter Gott, aber noch vor der Jungfrau Maria. Sie nennen sie auch "Flaquita" oder "Nina Blanca" – die Dünne, das weiße Mädchen. Sie behandeln sie wie eine Puppe oder ein Haustier. Verkleiden sie ständig – mal als Braut, mal als Indianer, für Halloween anders als für Weihnachten. La Santa gilt als launisch, eifersüchtig, eitel. Wer ein Versprechen nicht hält, wird ihren Zorn zu spüren bekommen.

Am begehrtesten im Tempel von Enriqueta Vargas ist die Santa Muerte des Schutzes. Ein mannshohes grinsendes Skelett, gekleidet ganz in Schwarz. Eine Polizistin kniet mit ihren beiden Töchtern zum Gebet nieder. Sie zündet sich eine Zigarette an, bläst der Todesfigur den Rauch ins Gesicht und besprüht sie mit Tequila. "Schön siehst du aus" , spricht sie. "Beschütze mich bei der Arbeit auch weiterhin vor Verbrechern. Und wenn der Tag kommt, erspare mir einen qualvollen Tod." Nur eine Stunde später kniet Miguel, Mitglied einer Drogengang, vor der Heiligen. Er steckt ihr einen Joint zwischen die knochigen Finger und bindet ihr einen Pistolengürtel um den Hals. Wenn er betet, klingt es nicht anders als bei der Polizistin, er bittet um Schutz vor rivalisierenden Gangs und "einen Tod ohne Angst, ohne Schmerzen".

"Bei uns seid ihr alle gleich", ruft Vargas zum Auftakt ihres Gottesdienstes. "Bei uns gibt es keine Verbrecher oder Polizisten, sondern nur Brüder und Schwestern. Alle brauchen Schutz."

Gewalt und Armut nähren die Religion

Die Alltagsgewalt in Mexiko ist ein Grund für die Beliebtheit der Schutzpatronin. Mehr als 18 000 Menschen werden pro Jahr ermordet, Zehntausende entführt. Santa Muerte soll die Menschen vor dem Tod bewahren oder wenigstens für einen Tod ohne Qualen sorgen, keine Zerstückelung, kein Massaker. Anthropologen sehen in ihr einen Spiegel der Seele dieses Landes. So wie Yoga zu Kalifornien passt, fügt sich Santa Muerte ins gewalttätige Mexiko ein.

Mehr als zwölf Millionen Menschen beten die "Santíssima" an, vor allem arme Bürger. Jedes Arbeiterviertel hat inzwischen Altäre. Der Ursprung der Religion ist unklar, einige sehen in ihr einen prähispanischen Kult, der sich mit christlichen Ritualen mischte. Andere eher eine mystische Antwort auf die 90er Jahre, als die einstigen Eliten in Kirche und Staat versagten und Drogenkartelle und Korruption zu Markenzeichen des Landes wurden.

Inzwischen ist die Schutzheilige längst auch in New York und Los Angeles präsent und überall dort, wo mexikanische Migranten eine neue Zukunft suchen. Die meisten Anhänger sind gleichzeitig Katholiken, aber die Kirche ist ihnen oft zu weltfremd. In einer Welt, die so unerbittlich geworden ist, kommt ihnen der Spruch "Halte auch die andere Wange hin" wie Realitätsverlust vor. Jesus erscheint vielen als Softie. Santa Muerte ist die Frau fürs Grobe.

"Die Kirche kritisiert immer, es geht nur um Verbote", sagt Enriqueta Vargas. "Wir dagegen sagen: Das Leben wurde dir gegeben, um es zu genießen, nicht um zu leiden." Auch das ist ein Reiz des Kults: Es gibt keine Sünden. Er fordert nicht zu einem bestimmten Lebenswandel auf. Er zieht Transsexuelle an, Prostituierte, Häftlinge – viele Randgruppen, für die es inzwischen in der Gesellschaft einen Platz geben mag, nicht aber in einer Religion.

An einem Sonntag Anfang November fährt Vargas in das Gefängnis von Tizayuca im Bundessstaat Hidalgo. "Alle brauchen spirituelle Hilfe, auch Häftlinge", sagt sie. Das ist die wohlwollende Version ihrer Arbeit. Die andere: La Santa Muerte ist eine Marktlücke in einem Land, das viele reiche Verbrecher hervorbringt, die den Totenkult nur allzu gern fördern. "El Chapo Guzmán ist noch nicht vorbeigekommen" , sagt Vargas. Man weiß nicht genau, ob sie das bedauert.

Die Priesterin hält Messen im Gefängnis

Schon der Eintritt ins Gefängnis ist eine Farce. Kein Wärter untersucht uns auf Drogen oder Waffen. Drinnen sitzen Familien gemeinsam mit Schwerverbrechern beim Essen, Paare ziehen sich zum Sex in "Intimzellen" zurück, in mit Planen abgedeckte Löcher in der Wand. Andere schnüffeln Klebstoff. Das Gefängnis wirkt wie ein selbstverwalteter Betrieb, mit Wärtern als Bediensteten.

Vargas und ihre Assistentinnen bauen im Innenhof den Altar mit Dutzenden Statuen auf. Sie schenkt jedem Insassen ein Amulett, verteilt Zigaretten und hält eine Predigt. "Ihr seid meine Brüder", lautet die zentrale Botschaft. "Denkt über eure Fehler nach. Darüber, was ihr verloren habt, die Freiheit, die Familie. Ich will, dass La Santa euer Bedauern sieht und ihr euch ändert, damit ihr draußen ein erfülltes Leben führen könnt."

Die katholische Kirche stellt Santa Muerte gern in die Ecke von Satanismus. Papst Franziskus warnte bei seinem diesjährigen Besuch in Mexiko ausdrücklich vor der "Kommerzialisierung des Todes". Aber Vargas' Worte klingen wenig dämonisch. Eher nach einem Hippie.

Im Innenhof drängeln sich mehr als 200 Insassen, unter ihnen Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Sie tragen Jeans und weiße T-Shirts, lange Narben überziehen Bäuche und Köpfe, tätowierte Tränen zeigen die Zahl ihrer Mordopfer. Unsere Gespräche finden ohne jede Aufsicht statt. Alejandro etwa sitzt zwölf Jahre ab wegen bewaffneten Überfalls, er sagt, dass er bei Santa Muerte endlich eine geistliche Heimat fand: "Wie kann die Kirche die größten Verbrecher nicht bestrafen, die Kinderficker in den eigenen Reihen?" Ein anderer Häftling sagt: "Die katholische Kirche ist unendlich reich – alles geraubt von unseren Vorfahren."

Für die Insassen läuft es darauf hinaus: Die Kirche ist die größte kriminelle Vereinigung, schlimmer als Kleingangster wie sie. Sie hat an Orten wie Tizayuca den Kampf um die Seelen längst verloren. Hier bevorzugen sie die bescheidene Santa Muerte und ihre starken Anführerinnen.

Die Pionierin des Kults lebt in Tepito, einer Armensiedlung von Mexiko-Stadt: Enriqueta Romero, 70. Vor 15 Jahren errichtete sie den ersten Schrein der Neuzeit und beschwor damit die Massenverehrung von La Santa Muerte herauf.

An diesem Sonnabend feiert sie das größte religiöse Fest des Jahres. Mehr als einhundert Santas hat sie geschmückt und auf ihren Altar gestellt. Sie sieht sich als Hüterin des Geistes, aber keineswegs als Priesterin. "In unserer Religion brauchen wir keine Priester und Bischöfe. Es gibt nur Gott." Auch das ist Santa Muerte: die Antwort auf eine Gesellschaft im absoluten Autoritätsverlust, in der man keinen Anführern mehr trauen kann, nicht in der Politik und schon gar nicht der Kirche.

Die Pilger sind aus allen Ecken Mexikos zu dem Fest gereist. Marihuanawolken schweben durch die Straße. Viele tragen die Tattoos der Sensenfrau am Körper. Einige Dealer sind unter ihnen, aber ebenso ehemalige Abhängige, die den Drogen mithilfe von La Santa entkamen. Einige Kleinkriminelle, aber noch mehr Aussteiger, die in die Gesellschaft zurückfanden. Einige Prostituierte, aber vor allem Frauen, die dank La Santa häuslicher Gewalt entflohen sind.

Es ist wie mit allen Religionen. Sie haben was von Selbsthilfe, wenn es gut läuft.

Enriqueta Vargas ist zum Fest gekommen. Sie erzählt andächtig von ihrem ermordeten Sohn. Er liebte La Santa, er baute ihr die 22 Meter hohe Statue, die zweihöchste in Lateinamerika. Er liebte außerdem schicke Kleidung, besaß fünf Autos und fünf Motorräder. War Chef einer Motorradgang.

Woher hatte so ein junger Kerl all das Geld?

"Er war Geschäftsmann."

Welche Art von Geschäfte?

"Geschäfte", sagt sie.

Wissen Sie, wer seinen Mörder erschoss?

"Männer auf einem Motorrad", sagt sie barsch.

Und Sie wussten nichts davon?

Für einen Moment geht ihr bis dahin freundlicher Blick in Ungläubigkeit über, in ein Starren, ein Drohen.

Sie sagt: "Nur La Santa Muerte kennt die Wahrheit."


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