Verschollener Air-France-Airbus 26 Deutsche im Unglücksflieger


Unter den Insassen des über dem Atlantik verschwundenen Flugzeugs sind 26 Deutsche. Das teilte Air France am Montagabend in Paris mit. Der Absturz der Maschine wäre der schlimmste Unfall in der Geschichte der Fluggesellschaft. Von dem verschollenen Flieger fehlt trotz intensiver Suche noch immer jede Spur.

Unter den Opfern des über dem Atlantik verschwundenen Verkehrsflugzeuges sind auch 26 Deutsche. Das teilte die Air France am Montagabend in Paris mit. Unter den Fluggästen seien 61 Franzosen, 58 Brasilianer und 26 Deutsche. Dazu kämen neun Italiener, sechs Schweizer, ein Österreicher und Bürger zahlreicher anderer Länder. Laut Air France wurde die Maschine, die am Vormittag in Paris landen sollte, vermutlich vom Blitz getroffen und hatte darauf Probleme mit der Elektrik.

Präsident Nicolas Sarkozy erklärte am Abend jedoch: "Wir haben kein präzises Anzeichen dafür, was passiert ist. Wir können keine These vorziehen und keine ausschließen." Auch einen Bombenanschlag schlossen Experten nicht völlig aus. "Die Chancen, Überlebende zu finden, sind minimal", sagte Sarkozy nach einem Gespräch mit Angehörigen der Passagiere auf dem Pariser Flughafen. Er bat neben Spanien und Brasilien die USA um Hilfe. Die Amerikaner könnten "mit Hilfe der Satelliten helfen, zuerst den Ort zu finden, wo sich die Katastrophe ereignet hat". Das Gebiet sei riesig und es sei mitten in der Nacht geschehen.

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat mittlerweile bestätigt, dass sich an Bord der im Atlantik vermissten Air-France-Maschine deutsche Passagiere befunden haben. Eine konkrete Zahl nannte er nicht. Nach Informationen des Südwestrundfunks (SWR) war eine fünfköpfige Familie aus Stuttgart und dem nahe gelegenen Fellbach an Bord der Maschine. Es handele sich um eine Frau, ihre Eltern, die Schwester sowie deren zweijährige Tochter, schrieb der SWR auf seiner Internetseite. Die Familie habe sich zu einem rund einwöchigen Urlaub in Rio aufgehalten. Nach einem Zeitungsbericht wollten neun Menschen nach München reisen. Den Bericht der "tz" (Dienstag) konnte ein Flughafensprecher allerdings nicht bestätigen. Laut Berliner Polizei war auch am Flughafen Tegel ein Fluggast des verunglückten Fluges erwartet worden.

Unter den Passagieren waren offensichtlich viele Geschäftsreisende, die einen der wenigen Linien-Direktflüge von Rio nach Europa nutzten. Auch ein Top-Manager des deutschen ThyssenKrupp-Konzerns saß im Flugzeug, was ein Konzernsprecher bestätigte.

Suche nach der Maschine geht weiter

Gefunden worden ist das Flugzeug noch immer nicht. Wie Air-France am späten Montagabend mitteilte, befindet sich der mögliche Absturzort der verschwundenen Maschine vermutlich auf halbem Weg zwischen der brasilianischen und der afrikanischen Küste. Die Zone, in der das Flugzeug verschwunden sei, sei dort bis auf wenige Dutzend Seemeilen lokalisiert, sagte Air-France-Generaldirektor Pierre-Henri Gourgeon auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle vor Journalisten.

"Wir sehen uns wahrscheinlich einer Luftfahrtkatastrophe gegenüber", hatte er am Nachmittag erklärt und damit Angehörigen von Insassen geschockt. "Das gesamte Unternehmen ist bei den Familien und teilt ihren Schmerz." An Bord der A330 mit der Flugnummer AF 447 waren laut Air France 216 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder. Das im brasilianischen Rio de Janeiro gestartete Flugzeug hätte um 11.10 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle eintreffen sollen.

Die Annahme eines Blitzschlages sei "die wahrscheinlichste", sagte ein Air-France-Sprecher. "Das Flugzeug ist in eine Gewitterzone mit starken Turbulenzen geflogen, die Funktionsstörungen verursacht haben." Eine automatisch abgesetzte Botschaft habe um 4.14 Uhr MESZ "eine gewisse Anzahl von Fehlern gemeldet", darunter einen "Defekt im Stromkreis", sagte Brousse. Gegen 8 Uhr morgens gab es dann keine Spur von dem Flugzeug, als es sich wieder dem Festland hätte nähern müssen. Während des Flugs über das offene Meer gibt es üblicherweise keinen Radarkontakt, weil die Entfernung zu groß ist.

Während Air France die These des Blitzschlages bevorzugte, schlossen andere Experten auch eine Verkettung anderer Ursachen oder gar einen Terroranschlag nicht völlig aus. Am wahrscheinlichsten sei die Hypothese einer "Zerstörung im Flug", sagte der auf Flugzeugunglücke spezialisierte Gerichtsexperte Francois Grangier. "Wir verstehen nicht, was passiert ist", gestand Verkehrs-Staatssekretär Dominique Bussereau. Die Hypothese einer Entführung scheine ausgeschlossen, denn die Maschine hätte irgendwo landen müssen.

"Ein Blitz kann einer modernen Maschine eigentlich nicht viel anhaben, weil sie durch ihre Umhüllung ja von dem Faradayschen Effekt profitiert", erklärte das Vorstandsmitglied der Weltpilotenvereinigung IFALPA, Georg Fongern. Die Elektrizität werde über Rumpf und Tragflächen abgeleitet. Selbst Fenster und kleine Schäden würden diesen Effekt nicht beeinträchtigen. "Jedes Flugzeug wird mal vom Blitz getroffen", sagte Air-France- Pilot Patrick Nerrant. "Wir Piloten sind ausgebildet, darauf zu reagieren." Die Besatzung hätte sich auch bei einem Blitzeinschlag melden können. Bei Stromausfall gebe es Notsysteme extra für die Kommunikation und die Navigation. Der Luftfahrtexperte Décio Correia brachte die These einer Explosion ins Spiel. Der Zwischenfall müsse "sehr, sehr plötzlich" eingetreten sein, weil die Crew keinerlei Alarm gegeben habe.

Krisenstab für Angehörige eingerichtet

"Man kann an eine sehr große Panne der Rechner denken, die die Elektrik steuern", erklärte dagegen der Luftfahrtexperte Michel Chevalier dem Nachrichtensender LCI. "Aber das alleine erklärt nicht den Ausfall der Funkverbindung." Selbst bei totalem Stromausfall könne das Flugzeug segeln.

Unterdessen gestaltet sich die Suche nach dem Wrack und die Aufklärung der Absturzursache sehr schwierig, weil nicht klar war, in welchem Seegebiet zwischen den Küsten Brasiliens und Afrikas die Maschine abstürzte. Brasilianische und französische Luftwaffe starteten umgehend Suchflüge über dem Atlantik. Laut dem brasilianischen Luftfahrtexperten Gustavo Adolfo Franco Ferreira dürfte die Maschine sich zur Zeit des Gewitters maximal 300 Kilometer östlich der Insel Fernando de Noronha im Atlantik mit Kurs Richtung Afrika befunden haben. Dass dem Piloten noch eine Notwasserung geglückt sein könnte, sei angesichts der beschriebenen Probleme mit der Elektronik "wenig wahrscheinlich".

Der Pilot hatte laut Air France 11.000 Stunden Flugerfahrung und 1700 auf diesem Typ von Maschine. Das Flugzeug ist seit April 2005 im Dienst und war zuletzt am 16. April technisch überprüft worden.

Laut Air France waren unter den Passagieren 126 Männer, 82 Frauen, sieben Kinder und ein Baby. Die französische Großbank BNP Paribas dementierte ein Gerücht, wonach ihr Chef Michel Pébereau und andere Führungsmitglieder mitflogen.

Am Pariser Flughafen wurde ein Krisenstab eingesetzt und eine Betreuung für Angehörige eingerichtet. Auch am internationalen Flughafen von Rio de Janeiro herrschte am Montag nach Bekanntwerden der Schreckensmeldung über den möglichen Absturz Angst und Ungewissheit. Zahlreiche Angehörige waren direkt zum Airport "Tom Jobim" gekommen, der etwa 20 Kilometer von Rios Zentrum entfernt liegt. Air France richtete dort einen separaten Raum ein, wo die Angehörigen medizinisch und psychologisch betreut wurden.

Für Air France wäre der Absturz der Maschine bei einem Tod aller Insassen die bisher schwerste Katastrophe in der Unternehmensgeschichte. Die letzten Todesfälle hatte die Gesellschaft beim Absturz einer Überschall-Concorde bei Paris im Jahr 2000 zu beklagen, als 113 Menschen starben.

Air France hat für Nachfragen über Passagiere aus dem Ausland ein Notfall-Telefon eingerichtet, die Nummer lautet 0033-1-57 02 10 55

AFP/DPA/AP AP DPA

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