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Zugunglück in Sachsen-Anhalt: Die Ermittler stochern noch im Nebel

War es der dichte Nebel, eine Störung in der Signalanlage oder doch menschliches Versagen? Bei der Suche nach der Ursache für das Zugunglück in Sachsen-Anhalt tappen die Ermittler noch im Dunkeln.

Von Mareike Rehberg

Am späten Samstagabend nehmen etwa 40 Passagiere den Harz-Elbe-Express (HEX) von Magdeburg nach Halberstadt. Die Nacht ist kalt, dicker Nebel liegt wie Blei über den Feldern. Es ist etwa 22:20 Uhr, in 20 Minuten soll der Zug den Zielbahnhof erreichen. Er passiert gerade den kleinen Ort Hordorf, rund 45 Kilometer südwestlich von Magdeburg, als das Unfassbare geschieht: Wie aus dem Nichts taucht plötzlich auf demselben Gleis ein Güterzug auf und stößt frontal mit der Regionalbahn zusammen.

Die Folgen des Aufpralls sind gewaltig: Den leichteren HEX-Triebwagenzug, der mit etwa 100 Stundenkilometern unterwegs ist, reißt es von den Schienen, der mit Kalk beladene und um ein Vielfaches schwerere Güterzug schiebt sich wie eine Dampfwalze noch einige Hundert Meter weiter, bevor er zum Stehen kommt, lediglich die Lok ist leicht demoliert. Ganz anders der HEX, von dem kaum etwas übrig geblieben ist. Die Passagiere im vordersten Teil des Triebwagens sind sofort tot, auch der Zugführer und eine Schaffnerin haben das Unglück nach Angaben des privaten Bahnunternehmens nicht überlebt. Insgesamt sterben zehn Menschen bei dem schwersten Zugunglück seit dem Transrapidunfall im Emsland 2006. Die Zahl der Toten könnte sich noch erhöhen, einige der 23 Verletzten schweben offenbar noch in Lebensgefahr. Berichte über ein elftes Opfer, das im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlag, bestätigten sich bis zum Nachmittag nicht.

Schwierige Suche nach der Unglücksursache

Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist noch völlig ungewiss. Zwar ließ sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) zu der Vermutung hinreißen, ein überfahrenes Haltesignal und damit menschliches Versagen sei schuld an dem Aufprall, doch dafür haben die Ermittler bislang keinerlei Hinweise. Sowohl Einsatzleiter Ralph Krüger von der Bundespolizei als auch Armin Friedrichs von der örtlichen Polizei verwiesen auf die laufenden Untersuchungen. Die gehen in alle Richtungen: Menschliches Versagen oder ein technischer Defekt könnten ebenso eine Rolle gespielt haben wie die schlechte Sicht.

Auch die Deutsche Bahn, die die Infrastruktur und die Signalanlagen vor Ort betreibt, hält sich mit Spekulationen zurück. Die Unglücksursache herauszufinden, sei Sache der Ermittler, sagt der Pressesprecher für Infrastruktur der Deutschen Bahn stern.de.

Unfallstrecke ohne modernes Sicherungssystem

Ob ein Fehler in der Signalanlage als Ursache des Unfalls in Betracht kommt, lässt sich noch nicht sagen. Zum Unglückszeitpunkt leuchtete das Signallicht für den Personenzug auf Grün, er hatte also womöglich Vorfahrt. Wegen der zweistelligen Minusgrade könne die Signalanlage allerdings auch defekt gewesen sein, sagte Einsatzleiter Krüger.

Offenbar ist die Signalanlage auf der Strecke außerdem nicht auf dem modernsten Stand. Es ist noch kein zusätzliches Sicherungssystem für Signale installiert. Die Strecke Magdeburg-Halberstadt sei bisher zur Hälfte damit ausgestattet worden, allerdings noch nicht am Unglücksort bei Hordorf, sagte eine Bahnsprecherin dem Sender MDR-Info. Dies sei aber noch 2011 geplant. Überfährt ein Zug ein Haltesignal, würde mit dem System eine automatische Zwangsbremsung ausgelöst. Dabei senden Magneten im Gleisbett Signale an ein Empfangsgerät in der Lok. Die Magneten sind mit dem Vorsignal und dem folgenden Hauptsignal verkabelt.

Eigentlich hat die Sicherheit der Signaltechnik im deutschen Schienennetz oberste Priorität. Die Anlagen müssen höchsten Sicherheitsanforderungen entsprechen – egal ob das Stellwerk elektronisch oder durch einen Fahrdienstleiter bedient wird. Eine Weichenstörung etwa muss im Stellwerk sofort registriert werden, die Weichenstellung wird durch geschultes Personal erst überprüft, bevor Züge passieren dürfen. In elektronischen Stellwerken wird ein Zugsignal erst dann freigegeben, wenn mindestens zwei Computer zu einem übereinstimmenden Ergebnis gekommen sind.

Auch das Risiko für menschliches Versagen soll, so gut es geht, minimiert werden. Zugführer sind nach einer Anforderung des deutschen Eisenbahn-Bundesamts dazu angehalten, besonnen auf Signale zu reagieren. Der Lokführer muss das Signal mindestens fünf Sekunden lang sehen, bevor er danach handeln darf. Bei höheren Geschwindigkeiten werden die Signalinformationen daher elektronisch auf den Zug übertragen.

Fahrtenschreiber könnten Aufschluss geben

Wie es trotz hoher technischer Standards zu dem Crash in Hordorf kommen konnte, dazu soll auch die Auswertung der Fahrtenschreiber beider Züge beitragen. Die Geräte dokumentieren die gefahrenen Kilometer und die Geschwindigkeit, mit der die Bahnen unterwegs waren. Damit lassen sich Details der Fahrten rekonstruieren, unter anderem kann man feststellen, ob die Zugführer mit dem erlaubten Tempo fuhren. Der Regionalexpress war nach Angaben der Ermittler planmäßig unterwegs. Ob der Lokführer des Güterzugs, der bei dem Unfall nur leicht verletzt wurde, fehlerfrei gehandelt hat, wird sich zeigen. Er verweigert bislang die Aussage.

Der Güterzug, der im Auftrag der Salzgitter AG aus dem niedersächsischen Peine unterwegs war, wird für weitere Ermittlungen nach Halberstadt gebracht. Zur Stunde ist das Technische Hilfswerk dabei, den Triebwagen des Regionalzugs, der auf einer Ackerfläche neben den Gleisen liegt, zu zerlegen. Wann die Bahnstrecke wieder freigegeben werden kann, sei noch ungewiss, sagte ein Sprecher der privaten Bahngesellschaft zu stern.de.

mit Agenturen