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Stern-Gespräch

Klimaforscherin im Interview: "Wir werden uns an Extreme anpassen müssen"

Katastrophengeschrei liegt der Klimaforscherin Daniela Jacob nicht. Trotzdem fordert sie ein Umdenken. Das sei eine große Chance für fällige Innovationen.

Feuerwehrleute löschen bei Rostock ein Getreidefeld

Feuerwehrleute löschen bei Rostock ein Getreidefeld. Durch die lange Trockenheit war die Gefahr von Bränden im gesamten Norden gestiegen

DPA

Frau Professorin Jacob, ganz Deutschland ächzt unter einer wochenlangen Hitzewelle. Wie gehen Sie selbst damit um? Leben Sie klimatisiert?

Nein, wir haben keine Klimaanlage, nicht im Büro und auch nicht zu Hause. Wir ziehen tagsüber die Vorhänge zu und lüften, wenn es morgens und abends draußen nicht mehr so warm ist. Gekühlt wird nur der Computer im Serverraum. Sonst laufen ein paar Ventilatoren. Wenn es Mitarbeitern zu warm wird, dürfen sie zu Hause arbeiten. Ein Gast des Instituts ist jetzt aber ins Hotel gegangen, weil er dort eine Klimaanlage im Zimmer hat.

Ist die derzeitige Hitze auch für eine Meteorologin so außergewöhnlich, wie viele das jetzt erleben? Oder gehört eine solche Phase halt zu einem echten Sommer?

Es ist schon sehr warm. Aber das fällt noch nicht völlig aus dem Rahmen. 2003 etwa hatten wir eine schlimme Hitzewelle mit vielen Toten in Europa. Im Norden war es damals nicht ganz so heiß wie heute. Die derzeitige Ausdehnung der Wärme mit Nachttemperaturen von 20 Grad bis hinauf in die Arktis ist schon sehr ungewöhnlich. Aber eben nicht einzigartig. Was wir allerdings beobachten: Von einer sommerlichen Hitzewelle bis zur nächsten vergehen immer weniger Jahre.

Ist das schon eine Folge des globalen Klimawandels?

Ja, das ist ein deutliches Zeichen. Und damit wächst auch das Potenzial für extreme Wetterereignisse insgesamt.

Also nicht nur für Hitzewellen?

Genau. Wird es wärmer, steckt mehr Energie in der Atmosphäre. Und die kann sich entladen, indem sie aus gewöhnlichen Wetterphänomenen extreme macht. Wo genau, das können wir so wenig vorhersagen wie das nächste Gewitter. Aber das Potenzial, also die Wahrscheinlichkeit eines Extremereignisses, wächst. Denken Sie an vergangenen Herbst, als es in Schleswig- Holstein und Niedersachsen ab September so schien, als würde es nie mehr aufhören zu regnen. Da standen überall die Felder unter Wasser.

In diesem Fall waren die Schauer gar nicht so heftig.

Richtig. Es geht nicht nur um die Menge Wasser, die bei einem Guss herunterkommt. Extremwetter kann auch heißen, dass es über lange Zeit wieder und wieder regnet, ohne dass das Wasser dazwischen noch ablaufen kann. 

Werden wir solche Phänomene häufiger erleben?

Ja, wo immer sie dann auch im Einzelfall auftreten. Deshalb achten wir als Meteorologen und Klimaforscher besonders darauf, wo Veränderungen zum ersten Mal auftauchen. Da helfen uns Beobachtungen von Menschen vor Ort. Das können die Landfrauen sein, denen auffällt, dass es im Mai nicht mehr regnet wie früher. Oder der Eisverkäufer, der merkt, wie sich sein Geschäft übers Jahr verändert. All das führt uns auf die Spur des Klimawandels. Die persönlichen Beobachtungen und die Prognosen unserer Modelle weisen in dieselbe Richtung.

Den Spuren des Klimas folgen Sie schon viele Jahre. Wie sind Sie überhaupt zur Meteorologie gekommen?

Mit zwölf habe ich in der Rhön auf der Wasserkuppe Segelfliegen gelernt. In der Flugwetterwarte dort saß ein Meteorologe, der arbeitete vormittags und durfte nachmittags fliegen. Das ist der perfekte Job für mich, habe ich damals gedacht. Du wirst Meteorologin! Mathematik und Physik interessierten mich auch. Und Meteorologie ist ja die Physik der Atmosphäre. Die habe ich dann gleich nach dem Abitur studiert. Später befasste ich mich vor allem mit Modellrechnungen für den Klimawandel.

Inzwischen geht es Ihnen besonders um die Frage, wie wir Menschen uns an höhere Temperaturen anpassen. Haben Sie kapituliert? Ist die globale Erwärmung nicht mehr zu stoppen?

Es war unter Klimaforschern tatsächlich lange Zeit verpönt, über Anpassung nachzudenken. Die Sorge war wohl, das könnte falsch verstanden werden und die Bekämpfung der globalen Erwärmung erlahmen lassen.

Schon heute wird viel getan, werden etwa Deiche erhöht. Reicht das nicht aus?

All diese Anstrengungen können die Folgen des Temperaturanstiegs nicht ausgleichen. Wir Menschen schaffen das nicht und auch nicht die Ökosysteme. Darum müssen wir den Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid unbedingt weiter senken. Wir müssen aber auch intelligente Lösungen für die Probleme finden, die durch den Klimawandel unvermeidlich auf uns zukommen.

Welche dieser Folgen des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur sind besonders drängend?

Das hängt auch davon ab, mit wem Sie sprechen. Nehmen Sie Binnenschiffer. Da denken wir bei den Gefahren sofort an Fluten wie die von Rhein, Elbe und Oder. Durch extremes Hochwasser wird der Schiffsverkehr lahmgelegt. Das ist aber gar nicht einmal so schlimm. Das Hochwasser dauert vielleicht zwei Wochen, und dann geht für den Schiffer alles normal weiter. Viel schwerwiegender sind Trockenperioden mit niedrigen Wasserständen. Sie können den Transport über die Flüsse für viele Wochen erliegen lassen.

Was wäre da eine Lösung? Wir können die Flüsse ja nicht auffüllen.

Da brauchen wir künftig zum Beispiel andere Kräne, die in den Häfen auch tiefer liegende Schiffe beladen können. Und diese Schiffe müssen kleiner werden, damit sie bei niedrigem Wasser fahren können. Fragen Sie aber die Menschen, die in Flussregionen wohnen, dann fürchten sie sich vor den Fluten. Wir müssen für jeden die passende Lösung finden.

Wir reden häufig von Klimafolgen, die in 50 oder auch erst 100 Jahren eintreten. Können Sie dafür überhaupt breite Aufmerksamkeit wecken?

In der Politik kaum. Auf Bundesebene scheint es beim Klima nur noch darum zu gehen, den gegenwärtigen Status zu erhalten.
Nicht viel besser ist das übrigens in den Medien, wie ich Ihrer Branche leider vorhalten muss. Aber es gibt andere Beispiele. Die Forstwirtschaft etwa. Waldbesitzer sind es gewohnt, in Generationen zu denken. Für sie ist das Klima vor allem wegen der steigenden Waldbrandgefahr ein Thema, selbst wenn die hier nicht so hoch ist wie in Südeuropa.

Sind Bauern sensibel für die Bedrohung?

Ja. Die haben längst begriffen, dass es nicht reicht, nur von einer Saison bis zur nächsten zu planen. Die Ernteausfälle allein in diesem Jahr sind eine deutliche Warnung. Für die Landwirte stellt sich natürlich die Frage nach angepasstem Saatgut, das gegen Hitze und Trockenheit widerstandsfähiger ist als bisherige Sorten.

Die Mehrzahl der Menschen lebt in Städten. Finden Ihre Vorschläge in den Kommunen Gehör?
Jeder, der in besonderer Weise vom Wetter abhängig ist, sieht schnell ein, dass er sich anpassen muss. Beim Flughafen Hannover haben Sie das gerade beim Aufplatzen der Landebahn durch die Wärme gesehen. Gewöhnliche Dehnungsfugen zwischen den Bodenplatten halten Hitze nicht beliebig lange aus. Die ansteigende Wärme wird auch zunehmend ein Problem in der kalten Jahreszeit. 

Warum?

Weil wir mehr Winter bekommen, in denen die Temperatur um die Null-Grad-Marke schwankt. Dann taut es am Tag und friert nachts wieder zu, was nicht nur den Straßenverkehr über Wochen durch überfrierende Nässe behindert. Die Bodenbeläge erodieren durch immer neue Eisbildung. Die komplette Infrastruktur ist betroffen, vom Verkehr und der Logistik bis zur Energie- und Wasserversorgung. All das ist ja einmal mit 50 Jahre alten oder noch früheren Wetterdaten ausgelegt worden und muss jetzt angepasst werden. Die allerersten, die sich überhaupt dafür interessierten, waren ab Mitte der 1990er Jahre die Wasserversorger.

Welche Probleme fürchteten sie?

Als etwa in Hamburg die Kanalisation nach rund hundert Jahren Stück für Stück erneuert werden musste, wurden wir Klimaforscher gefragt, ob künftig vielleicht andere Wassermengen bewältigt werden müssen als bislang. Damals, um das Jahr 2000 herum, konnten wir das noch nicht berechnen. Aber wir haben dann mit immer besseren Computern Modelle entwickelt, mit denen sich heute bestimmen lässt, wie viel Wasser demnächst bei einem dreißigminütigen Gewitterguss im Stadtgebiet zu erwarten ist. Ein schönes Beispiel übrigens dafür, wie der gesellschaftliche Dialog die Forschung antreiben kann.

Welches ist das kleinste Gebiet, für das heute eine Prognose möglich ist?

Die klimatische Entwicklung für eine Fläche von 50 mal 50 oder auch 30 mal 30 Kilometer können wir inzwischen gut berechnen. Das wäre dann beispielsweise der Großraum Hamburg. Mit lokalen Modellen wollen wir aber noch genauer werden. So testen wir gerade ein Modell für den Alpenraum und berechnen zum Beispiel die Niederschlagsverteilung für bestimmte Monate.

Woher wissen Sie, ob das verlässlich ist?

Messungen vor Ort zeigen uns, wie zutreffend das Modell bereits ist. Gegebenenfalls wird das Modell verbessert. Das Raster, das wir im Computer über die Landschaft legen, hat nur noch einen Kilometer Kantenlänge. Da sehen Sie dann schon Unterschiede zwischen benachbarten Tälern. 

Wenn Sie Politikern, Landwirten, Unternehmern eine heiße Zukunft ausmalen, müssen Sie Ihre Gesprächspartner dann erst mal beruhigen?

Die Verantwortlichen machen sich Sorgen, und das ist ja auch berechtigt. Sie vergessen aber zu oft, dass Klimaschutz und -Anpassung auch enorme Chancen bieten. Länder wie China und Indien haben das begriffen und uns längst überholt. Da geht es nicht mehr um kleine Schritte, sondern um das Überspringen ganzer Technologien.

Wenn etwa China bei der Elektromobilität voranprescht.

Eben. Doch auch hierzulande könnten wir doch das Innovationspotenzial der Klimaanpassung viel stärker als bisher nutzen. Mir liegt jedenfalls sehr daran, nicht nur mit Katastrophen zu drohen, sondern diesen ermutigenden Aspekt herauszustellen. Und wie passen wir uns als Einzelne am
besten an?

Nehmen wir an, Sie wollen bauen. Brauchen Sie dann wirklich große Glasflächen, die ein Haus zum Treibhaus machen? Es können auch kleine Dinge sein, die Ihnen später das Leben erleichtern. Wenn Sie etwa in einem Gebiet mit häufigeren Überschwemmungen leben, dann legen Sie die Steckdosen zumindest im Erdgeschoss nach oben und nicht in Bodennähe.

Was ist mit den Arbeitsbedingungen, vor allem den Arbeitszeiten?

Es hat gute Gründe, warum im Süden die Arbeit eher morgens und abends erledigt wird und die Menschen mittags Siesta halten. Das könnte auch für uns sinnvoll werden, wenn wir die Produktivität in Hitzeperioden aufrechterhalten wollen. Dann müssen wir auch mehr Arbeit zu Hause erledigen. Natürlich funktioniert das nicht auf dem Bau oder in Fabriken. Dort braucht man bei Temperaturen, wie wir sie jetzt erleben, andere Lösungen. Einen Vorteil immerhin bringt der heiße Sommer für alle: Wir haben einen überzeugenden Vorwand, um mehr Eis zu essen!

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