Babyboom Sommermärchen im Kreißsaal


Übervolle Geburtsvorbereitungskurse, ausgebuchte Hebammen: Neun Monate nach dem märchenhafen WM-Sommer steht Deutschland ein Babyboom bevor - viele Fans haben die Euphorie offenbar von der Fanmeile ins Bett übertragen.

Eigentlich wollten Jennifer Koch und ihr Freund Tobias Amend gar nicht Fußball sehen. Aber der Musicalbesuch in Hamburg während der Weltmeisterschaft 2006 forderte seinen Tribut. Die beiden Nordhessen blieben vor einer Großleinwand hängen und bekamen so hautnah den Sieg der deutschen Mannschaft gegen Schweden mit. "Wir waren so euphorisiert, das musste sich irgendwie fortsetzen", sagt Jennifer. Die Nacht wird beiden in Erinnerung bleiben - es war die Nacht, in der ihr erstes Kind gezeugt wurde. Kein Einzelfall: Neun Monate nach der Fußball-Weltmeisterschaft kündigt sich in Deutschland ein Babyboom an.

Leichter schwanger durch WM-Euphorie

"Mehr Geburten neun Monate nach solch einem Ereignis sind nur auf dem ersten Blick überraschend", sagt Rolf Kliche von der Kasseler Geburtsklinik Dr. Koch. "Die Einstellung des eigenen Körpers und die Rolle der Hormone werden oft unterschätzt. Wer eine positive Grundstimmung hat, wird auch einfacher schwanger." Genaue Zahlen über einen WM-Babyboom gebe es aber erst in ein paar Monaten. "Aber unsere Geburtsvorbereitungskurse sind übervoll."

Ein Trend, den Kliniken in WM-Städten bestätigen. "Unsere Kurse für werdende Mütter sind praktisch ausgebucht. Wir werden im März/April wohl zusätzliche anbieten müssen", heißt es im Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf. "Es ist kein Mega-Babyboom, aber die nächsten beiden Monate ist es schon mehr", sagt auch Doris Zeiselmeier, Hebamme an der Frauenklinik der Münchner Universität. Und im Geburtshaus Friedrichshain in Berlin erwartet man viel Arbeit: "Es geht los. Die nächsten Wochen haben wir alle Hände voll zu tun."

Wie nach dem Karneval

In Berlin waren im Sommer auch Anja Ackermann und Frank Schäffer. "Eigentlich wollten wir ja ins Museum. Aber von der Stimmung wurden selbst wir Fußballmuffel mitgerissen", bekennt der junge Mann aus dem nordhessischen Lohfelden. Letztlich waren beide jeden Abend auf der Fanmeile. "Und die Euphorie haben wir dann irgendwie mit ins Hotel genommen", sagt die junge Frau, über deren Bauch sich ein T-Shirt mit der Aufschrift "Unterwegs!" spannt. Eine Junge wird es, zur Welt kommen soll er am 8. April - fast auf den Tag genau neun Monate nach dem Endspiel am 9. Juli 2006 in Berlin.

"Im März und April sind unsere Sprechstunden für werdende Mütter komplett voll", heißt es an der Frankfurter Universitätsklinik. Im Frühjahr würden immer mehr Kinder geboren ("ein Produkt aus Sommer und Urlaubszeit"), in diesem Jahr seien es aber mehr als sonst. Und die Kasseler Hebamme Tanja Jankovic sieht sich und ihre Kolleginnen an der Kapazitätsgrenze: "Wo sonst immer ein bisschen Luft ist, ist im März/April alles voll."

Aber Hebammen seien Auf und Ab gewöhnt. "Wir haben zwar keine Statistik, aber ganz subjektiv ist dieses Jahr mehr los", sagt auch Barbara Freischütz. Die Hebamme koordiniert die Schwangerschaftskurse in Köln. "Wir sind sehr gut gebucht. Und immer wieder erzählen auch Frauen, sie hätten ein Souvenir von der WM", sagt Freischütz lachend. Ein Babyboom neun Monate nach der großen Sause? "Hier in Köln ist das Phänomen bekannt. Das haben wir jedes Jahr - nach dem Karneval."

"Bestgenutzte Halbzeitpause unseres Lebens"

Auch Heike und Markus Brede befiel nicht nur das Fußball-Fieber. "Freunde hatten einen Beamer in der Garage aufgebaut, dazu der Grill - und die WM-Stimmung war da", sagt der Mann aus dem hessischen Vellmar. Am 11. März soll noch etwas anderes da sein: Ein kleines Mädchen, deren Ursprünge in etwa auf das Eröffnungsspiel am 9. Juni zurückgehen. "Da haben wir wohl von dem Jubel etwas mit nach Hause genommen", sagt Heike. Es ist das zweite Kind für die beiden, der gut zwei Jahre alte Marlon musste seinen Wickeltisch räumen. "Jetzt freut er sich auch. Obwohl er lieber eine Katze haben wollte."

Jennifer Koch und ihr Freund Tobias sind mittlerweile Fußballfans. "Nicht die ganz Verrückten, aber ab und zu bleiben wir dann doch hängen." Immerhin verbinde beide mit dem Ball eine wertvolle Erinnerung: "Die bestgenutzte Halbzeitpause unseres Lebens."

Chris Melzer/DPA DPA

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