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Gefährlicher Darmkeim: Fragen und Antworten zu Ehec

Ein Monat Ehec und nur schwache Hoffnung auf ein Ende. Viele Fragen bleiben. Woher kommt der Erreger? Was kann ich noch essen? Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr?

Bislang hat der aggressive Ehec-Erreger 25 Menschen in Deutschland das Leben gekostet, rund 2400 sind erkrankt. Obwohl sich die Lage in einigen Städten wie Hamburg beruhigt, ist ein Ende der Epidemie nicht in Sicht. Zumal die Quelle des Bakteriums weiterhin im Dunkeln liegt und sich Länder und Behörden einen Kompetenzstreit zur Eindämmung der Ehec-Infektionen liefern.
Lesen Sie die zehn wichtigsten Fragen und Antworten zur Ehec-Epidemie

Wie viele Ehec-Fälle gibt es?

Laut Robert Koch-Institut (RKI) geht die Zahl der Infizierten derzeit leicht zurück. Eine Tendenz für einen generellen Rückgang der Ansteckungen sei aber noch nicht erkennbar, heißt es. In Deutschland sind bislang 25 Menschen an dem Darmkeim oder der Folgeerkrankung HUS gestorben. Bundesweit wurden 2325 Fälle von Ehec (rund 1700) oder HUS (rund 650) gezählt. Besonders betroffen ist weiterhin der Norden. Außerhalb Deutschlands gibt es laut der Weltgesundheitsorganisation bereits über 100 Ehec/HUS-Fälle. Eine Frau in Schweden ist gestorben. Infografik: Wo es wie viele Todesopfer gibt

Wie vermeide ich, mit Ehec angesteckt zu werden?

Die häufigste Art, sich mit Ehec zu infizieren, ist über den Verzehr von belasteten Lebensmitteln. Unter besonderem Verdacht stehen Sprossen, aber auch anderes Gemüse wie Gurken, Salat, Tomaten sind als Übertragungsquelle noch nicht ausgeschlossen. Ebenfalls könnten Fleisch oder Rohmilch verseucht sein.

Eine Übertragung der Erreger von Mensch zu Mensch ist möglich - allerdings nicht per Tröpfcheninfektion, also durch Niesen oder Husten. Anders sieht es bei Schmierinfektionen aus, zum Beispiel über Oberflächen: Etwa wenn ein Ehec-Träger Türklinken berührt, ohne sich vorher die Hände gewaschen zu haben. Fasst jemand diese Klinke an und berührt mit der Hand danach seinen Mund, können die Bakterien übertragen werden. Unter Umständen können die Erreger über Wochen in der Umwelt überleben. Auch über Tiere oder verseuchtes Wasser ist eine Infektion möglich.

Was kann ich noch essen, was nicht?

Auch wenn Sprossen nicht als Erregerquelle dingfest gemacht werden konnten, wird aus Sicherheitsgründen vor ihrem Verzehr gewarnt - zu viele Indizien sprechen noch immer für die Sprossen als Ursprung der Epidemie. Dasselbe gilt nach wie vor für Gurken, Tomaten und Blattsalat. Anderes Gemüse und rohes Obst sollte besonders gründlich gewaschen werden, besser ist es, es zu schälen. Das Robert-Koch-Institut rät außerdem dazu, Lebensmittel mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad zu erhitzen. Das gilt auch für Fleisch.

Ist es gefährlich, jetzt nach Norddeutschland zu reisen?

Nein. Wenn die allgemeinen Hygienevorschriften (Hände regelmäßig und gründlich waschen) eingehalten werden, sowie auf den Verzehr von Rohkost, ungewaschenem Obst und Gemüse verzichtet wird, besteht keine Gefahr in Norddeutschland.

Was hat es mit den "Eaec"-Erregern auf sich?

Der "Tagesspiegel" berichtet, die Darmerkrankungen könnten auf eine bislang ignorierte E.coli-Gruppe zurückzuführen sein. Diese Eaec-Bakterien würden im Gegensatz zu dem Ehec-Stamm nicht in Mägen von Wiederkäuern vorkommen, sondern bevorzugten den Menschen als Wirt, an den sie besonders angepasst sind. Damit würde Gülle als Ursache der Infektion ausfallen. Die Eaec-Erreger haften hartnäckig in menschlichen Mägen und sondern das Gift Shiga-Toxin ab. Ein Sprecher des Bundesverbraucherschutzministeriums bezeichnet den "Tagesspiegel"-Bericht als Spekulation.

Wer sind neben den Opfern die Hauptleidtragenden der Epidemie?

Vor allem zwei Sparten: Gemüsebauern und -händler sowie Krankenhäuser. Da Gemüse derzeit unter Generalverdacht für die Übertragung steht, ist die Nachfrage nach den frischen Produkten fast überall in Europa eingebrochen. Der europäische Bauernverband bezifferte die Verluste der Landwirte pro Woche auf 200 Millionen Euro in Spanien, 100 Millionen Euro in Italien, 50 Millionen Euro in den Niederlanden und jeweils 30 Millionen Euro in Deutschland und Frankreich. Die Europäische Union will deswegen Gemüsebauern mit 150 Millionen Euro unterstützen. Länder wie Frankreich und Spanien befürchten jedoch, dass diese Summe nicht ausreichen wird.

Der Lebensmittel-Einzelhandel klagt über Umsatzeinbußen bei Obst und Gemüse zwischen 30 bis 40 Prozent, heißt es beim Handelsverband Deutschland. Auch bei anderen Lebensmitteln gingen die Umsätze deutlich zurück.

Auch die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft warnt vor den finanziellen Belastungen der Kliniken durch die Behandlungen von Ehec-infizierten Patienten. Die Epidemie zeige, wie wichtig es sei, in den Krankenhäusern Kapazitäten an Betten und Personal vorzuhalten, "um solche schwierigen Situationen zu bewältigen", sagte der Hauptgeschäftsführer Georg Baum der "Rheinischen Post". Zurzeit könne die schwierige Lage nur bewältigt werden, weil die Kliniken untereinander Personal austauschten, so Baum weiter.

Was unternehmen Politik und Behörden?

Eine ganze Armada von Behörden und Regierungsstellen müht sich darum, die Epidemie einzudämmen. Doch die verschachtelten Kompetenzen in der föderalen Republik erschweren die Suche nach dem Erreger. Zuständig sind bislang das Robert-Koch-Institut (RKI), das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Doch der Kompetenzwirrwarr ist wenig sinnvoll: Mit einem ersten Ehec-Verdacht bei Gurken wandte sich Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks an die Öffentlichkeit. Wenige Tage später warnte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann vor Sprossen aus einem Gärtnerhof. Labortests erhärteten beide Verdachtsszenarien vorerst nicht. Auf Bundesebene formulierten das RKI und das BfR eine eigene "Verzehrempfehlung".

Auch die Zusammenarbeit der Ämter untereinander funktioniert nicht immer gut: Kritiker beklagen vielstimmige Informationen und ein ineffektives Krisenmanagement. Auch eine einheitliche Info-Telefonnummer der Bundesregierung gibt es nicht. Um sich besser zu koordinieren, wird nun eine "zentrale Seuchen-Polizei" gefordert.

Angesichts der mangelnden Ergebnisse hat EU-Gesundheitskommissar John Dalli die deutschen Behörden zu einer engeren Zusammenarbeit mit ausländischen Experten aufgefordert. Dalli sagte der Zeitung "Die Welt", es sei nötig, auf die Erfahrung und die Expertise in ganz Europa und sogar außerhalb Europas zu setzen. "Ich betone ausdrücklich, wie wichtig es ist, dass wir eng zusammenarbeiten und unser Fachwissen teilen, um den Ausbruch von Ehec möglichst schnell zu beenden."

Wie wird nach dem Ehec-Erreger gesucht?

Am Anfang der Kette stehen zunächst einmal Ärzte, Krankenhäuser und Labore. Sie müssen Ehec-Infektionen umgehend an die örtliche Gesundheitsbehörde melden, die dann Kontrollen und Probenentnahmen in die Wege leitet. Die Länder melden ihre Daten und Informationen an das Robert-Koch-Institut (RKI), das dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt ist und dieses auch berät. Die RKI-Experten beobachten die Ausbreitung von Infektionen und unterstützen - wie im Fall Ehec - die Landesbehörden bei der Suche nach dem Erreger, indem sie zum Beispiel Ehec-Infizierte vor Ort zu ihrem Essverhalten befragen. Tauchen in bestimmten Orten wie Restaurants gehäuft Infektionen auf, wie in einem Lübecker Lokal, werden Zulieferer, Zwischenhändler und Erzeuger ermittelt. Das ist allerdings wieder Sache der Landesbehörden. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) will von einem schlechten Krisenmanagements aber nichts wissen. Die Zusammenarbeit der Behörden laufe sehr gut.

Was sind typische Ehec-Symptome?

Wässriger Durchfall ist ein erstes Alarmzeichen für eine Ehec-Infektion. Begleitet wird die Krankheit von Übelkeit und Erbrechen. In schweren Fällen kommt es zu krampfartigen Bauchschmerzen, Blut im Stuhl und teilweise auch Fieber.

Was muss ich tun, wenn ich erkrankt bin?

Betroffene sollten auf jeden Fall weiterhin sofort einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen Ehec-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Von Selbstmedikation aus der Hausapotheke raten Experten ab. Hier lesen Sie, was sie tun können, wenn ein Krankheitsfall in ihrer Familie auftaucht.

nik mit Agenturen