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Archäologie: Warum 15 Menschen vor 5000 Jahren sterben mussten – und liebevoll beerdigt wurden

Es waren vor allem Frauen und Kinder, die im polnischen Koszyce ein äußerst brutales Ende fanden. Ihre Überreste sowie die Art, in der sie bestattet wurden, ermöglichten Wissenschaftlern nun aber einen ungewöhnlich detaillierten Einblick in das Leben der Kugelamphoren-Menschen.

Die Überreste von 15 Menschen, die vor 5000 Jahren ermordet wurden

Die Überreste von 15 Menschen, die vor 5000 Jahren ermordet wurden

Urmenschen. Für die meisten von uns sind das primitive Gestalten, deren Schicksal uns höchstens vom archäologischen Standpunkt her interessiert, auch wenn sie unsere Vorfahren sind. Da ist es fast egal, ob wir von Neandertalern reden, die vor 40.000 Jahren lebten, von Cro-Magnon-Menschen, die vor 20.000 Jahren in Europa zu finden waren oder den Menschen der Kugelamphoren-Kultur, die vor 5000 Jahren zwischen Norddeutschland und Osteuropa zu Hause waren. Archäologen entdeckten nun aber ein Grab der Kugelamphoren-Menschen, das die Entdecker mehr als nur wissenschaftlich berührte.

Diese Toten lernen wir fast persönlich kennen

In Koszyce im südlichen Polen stießen Archäologen auf ein Massengrab. Das war bereits ungewöhnlich, da die Kugelamphoren-Menschen ihre Toten üblicherweise einzeln bestatteten. Schon auf den ersten Blick war ersichtlich, dass die Bestatteten eines gewaltsamen Todes gestorben waren. "Alle Individuen waren brutal durch Schläge auf den Kopf getötet worden", schreibt die Forschergruppe um die dänischen Wissenschaftler Niels N. Johannsen und Morten E. Allentoft in ihrem Bericht. Doch einfach verscharrt wurden die Toten nicht: "Genetische Analysen haben gezeigt, dass es sich um eine große, verzweigte Familie handelte und dass die Menschen, die sie beerdigt haben, die Toten gut gekannt hatten. Mütter sind neben ihren Kindern bestattet, Geschwister Seite an Seite." Die Toten erhielten zudem "reiche Grabbeigaben" mit auf die Reise ins Jenseits.

Da die Knochen der Toten verhältnismäßig gut erhalten waren, nutzten die Forscher die Gelegenheit, sie umfassend zu untersuchen. Über die Kugelamphoren-Menschen ist wenig bekannt, deshalb wollte diese Chance genutzt werden, mehr über ihre Kultur zu erfahren. Zuerst nahmen die Wissenschaftler Proben aus den Zähnen der Toten, um ihre Gene zu analysieren. "Außerdem gelangten wir an 16 Radiokarbon-Daten, mit denen wir das Datum des Massakers auf zwischen 2880 bis 2776 vor Christus eingrenzen konnten."

Die Kugelamphoren-Menschen sind noch rätselhaft

Dann untersuchten und beschrieben die Archäologen detailliert die Verletzungen der Toten und fanden anhand von Strontium-Isotopen in ihrem Zahnschmelz heraus, wo die Menschen aufgewachsen und ob sie viel herumgereist waren. "Insgesamt gaben uns diese Analysen die Möglichkeit, ein erstaunlich detailliertes Bild dieser neusteinzeitlichen Gemeinschaft zu zeichnen, inklusive ihrer genetischen Abstammung, ihres Aussehens, ihrer Verwandtschaftsverhältnisse und Sozialverhaltens", freuten sich die Wissenschaftler.

Was sie sagen können: Bei den Toten handelt es sich um sieben Frauen oder Mädchen, einen erwachsenen Mann und fünf Jungen. Den Wissenschaftlern zufolge sind die Untersuchten "nicht besonders inzüchtig". Die Menschen hatten höchstwahrscheinlich braune Augen, dunkelblondes bis braunes Haar und eher dunkle Haut. In ihren Genen fanden sich die Spuren westlicher Jäger und Sammler (ca. 17 Prozent) und neusteinzeitlicher Bauern aus dem anatolischen Raum (ca. 83 Prozent). Anders als von einigen früheren Archäologen vermutet, findet sich in ihren Genen jedoch keine Spur von Steppenvölkern.

So wie die zeitgleich in die selbe Region einwandernden Schnurkeramiker sind auch die Kugelamphoren-Menschen nach dem "Geschirr" benannt, das sie uns hinterlassen haben. In ihrem Fall sind das große, bauchige Gefäße aus meist braunem oder rötlichem Ton mit einer breiten, durch einen "Hals" geschützten Öffnung. Die Schnurkeramiker hingegen verzierten ihre Gefäße aufwendig, indem sie – der Name verrät es – Schnüre in den noch feuchten Ton drückten und somit dekorative Muster erzielten. 

Sie züchteten Rinder und trugen Schmuck

Wir wissen wenig über die Kugelamphoren-Kultur. Aber vermutlich handelte es sich um Menschen, die in eher kleinen Siedlungen wohnten, schon von Pferden gezogene Wägen kannten und Viehzucht betrieben. Besonders Rinder hielten sie sich, eventuell spielten diese auch in ihrer Religion eine Rolle. Sie trugen Schmuck aus Tierzähnen und Geweih und verarbeiteten zumindest kleine Mengen Kupfer. Ansonsten besaßen sie Äxte und Beile aus Gestein (und manchmal ungewöhnlicherweise auch aus Knochen) und zahlreiche Faustkeile, Pfeilspitzen und ähnliches aus bearbeitetem Feuerstein. Seit etwa 3200 vor Christus ist die Kugelamphoren-Kultur durch Funde belegt.

Was, abgesehen von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, in diesem Fall so besonders ist, ist der grausame Tode der Opfer im Verhältnis zur liebevollen Bestattung. "Offensichtlich wurden diese Individuen von Menschen bestattet, die sie gut kannten, und sorgfältig so im Grab platziert, dass sie ihren engsten Verwandten nah waren", erklären die Forscher. Eine Mutter etwa wurde mit ihrem Baby im Arm beerdigt, eine weitere neben ihrer Tochter im Teenageralter und ihrem kleinen Sohn – und das älteste Opfer, ebenfalls eine Frau, neben ihren beiden Söhnen. Auffällig ist, dass die älteren Männer der Gruppe nicht unter den Toten sind. Nur ein erwachsener Mann ist zusammen mit seiner Partnerin und seinem Kind beerdigt worden.

Berührend: Ein kleiner Junge wurde ohne ein Elternteil bestattet. Das heißt, dass seine Eltern das Massaker wohl überlebt haben – oder schon zuvor eines natürlichen Todes gestorben waren. Er wurde aber neben engen Verwandten zweiten Grades beerdigt. Auffällig ist auch eine junge Frau, die mit niemandem in der Gruppe verwandt war. Da sie aber neben einem jungen Mann ihre letzte Ruhe fand, könnte es sich um dessen Partnerin gehandelt haben.

Wir kennen jetzt ihre Familienverhältnisse

Aber wie kamen diese 15 Menschen zu Tode? Ihre Verletzungen lassen darauf schließen, dass sie gefangengenommen und direkt mit einem gezielten Schlag auf den Kopf getötet wurden. Die Skelette zeigen keine oder kaum Verletzungen am Körper, ausschließlich an den Schädeln. Es handelte sich also offenbar nicht um einen Kampf, in dem die Angegriffenen sich wehrten – sondern eher um eine Art Exekutionskommando, das sie mit einer solchen Übermacht überfiel, dass die Opfer keine Chance hatten, sich zur Wehr zu setzen. Da die männlichen Mitglieder der Gruppe zu diesem Zeitpunkt augenscheinlich nicht vor Ort waren, waren die Frauen und Kinder den Angreifern schutzlos ausgeliefert. Unter Umständen waren die Männer auf der Jagd – oder wollten genau jene Gegner in ihrer Siedlung angreifen, die gerade hinterrücks ihre Familien auslöschten.

Aber wer waren diese Gegner? Die Wissenschaftler haben einen Verdacht: Die neuen Nachbarn – Schnurkeramiker. "Obwohl es unmöglich ist, die Täter des Massakers von Koszyce, das hier zwischen 2880 und 2776 vor Christus stattfand, zu identifizieren, ist es interessant anzumerken, dass es genau zu der Zeit stattfand, als sich die Schnurkeramik-Kultur rapide über große Teile Mitteleuropas verbreitete. Es erscheint plausibel, dass die Gruppe aus Koszyce zum Opfer eines gewalttätigen Konfliktes zwischen zwei Gruppen wurde, der mit der Expansion der Schnurkeramiker zu tun hatte", lautet das Fazit der Wissenschaftler.  

Eine ganze große Familie – ausgelöscht

In diesem Fall sind mindestens vier erwachsene Männer eines Tages nach Hause in ihre Siedlung gekommen – und fanden dort all ihre Lieben brutal ermordet vor. Kinder, Frauen und Geschwister. Nichten und Neffen. Freunde. Was aus diesen wenigen Überlebenden wurde, deren Schock und Trauer man sich kaum vorstellen mag, ist unbekannt. Doch eine wichtige Sache erledigten sie auf jeden Fall noch: Sie bestatteten ihre toten Lieben würdevoll.

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