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Krieg in der Ukraine Winter is coming – warum die ukrainischen Soldaten die kalte Jahreszeit besser überstehen als Putins Truppen

Ukrainischer Panzer im Donbass. EDer Winter wird vom Schlamm bestimmt- 
Ukrainischer Panzer im Donbass. EDer Winter wird vom Schlamm bestimmt- 
© Metin Aktas / Picture Alliance
Schlamm und Kälte beherrschen die Schlachtfelder in der Ukraine. Kiews Soldaten gehen gut gerüstet in die tödliche Jahreszeit. Doch auch Putin hat noch ein Ass im Ärmel.

Der Winter hat auch in der Ukraine begonnen und es ist nicht zu erwarten, dass die Kampfhandlungen in Schlamm und Kälte nachlassen werden. Beide Seiten werden versuchen, ihr Momentum auch in den nächsten Monaten aufrechtzuerhalten.

Ihr Momentum? Richtig, beide Seiten üben Druck aus und erzielen Erfolge, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen. Im Fall der Ukraine ist das Momentum klar zu erkennen. Erst die Offensive bei Charkow und nun die Befreiung von Cherson. Die ukrainische Armee rollt und erzielt dabei große Erfolge. Hier wird Kiew mit neuen Offensiven auch im Winter anschließen wollen. Um den momentanen Vorteil auszunutzen und um den Russen keine Ruhepause von mehreren Monaten zu gönnen.

Auch Russland macht Druck

Und das russische Momentum? Das wird weniger betrachtet, ist aber da. Auf strategischer Ebene zerstört Russland unentwegt die Grundlagen der ukrainischen Gesellschaft. Wirtschaftlich, finanziell und nun auch in Form der Stromversorgung. Durch die Hilfe aus dem Westen konnte Kiew bislang den kompletten Kollaps der Gesellschaft verhindern, ohne diese Hilfe wäre er bereits eingetreten. Die Ukraine selbst könnte weder das benötigte Kriegsmaterial aufbringen, noch hätte sie die wirtschaftliche Stärke, um Land und Bürger über den Winter zu bringen. Die Moral der Bevölkerung scheint ungebrochen, doch Russland wird weiter versuchen, die elementaren Grundlagen, die das Land zum Überleben benötigt, zu zerstören. Das wären Strom, Heizung und Wasser – und dafür ist der Winter die beste Gelegenheit.

Auch am Boden erzielt Moskau im Donbass Erfolge. Die Frontverschiebungen dort sind minimal, aber bisher gelang es Kiew nicht, Moskaus Truppen wirklich zu stoppen. In dem komplett verbunkerten Gebiet bedeutet ein Kilometer Geländegewinn weit mehr als in der offenen Steppe. Zudem basiert die Kriegsführung auf einer Idee aus dem Ersten Weltkrieg, der "Blutmühle". Primäres Ziel ist es, dem Gegner Verluste beizubringen. Kurzum: Mit einer Abnahme der Kämpfe ist nicht zu rechnen.

Herausforderungen für die Soldaten 

Für die Soldaten bedeutet der Winterkrieg eine enorme Herausforderung. Im Feld geht dann die größte Bedrohung von Gesundheit und Leben nicht vom Feind, sondern vom Wetter aus. Beim Wort Winterkrieg hat man in Deutschland stets die Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg vor dem Auge. Die erfrorenen Soldaten der 6. Armee in Stalingrad und die Schlacht von Moskau, in der bei 40 Grad Kälte sibirische Truppen die Deutschen vor sich hergetrieben haben.

Diese Bilder täuschen. Solche Temperaturen sind in der Ukraine möglich, aber nicht wahrscheinlich.

Die Durchschnittstemperaturen in der Oblast Charkiw betragen im Januar -3 bis -8 Grad, im Februar -2 bis -8 Grad. Der Winter variiert zwischen Nässe und Kälte über dem Gefrierpunkt liegend sowie Schnee und Kälte unter Null. Dabei wird die Zeit der kalten Nässe für die Truppen auf dem Feld noch bedrohlicher als die des moderaten Frostes sein. Die ganze Ukraine verwandelt sich in Schlamm und Matsch. In diesem Krieg können sich die Soldaten nicht auf die befestigten Straßen beschränken, sie müssen in diesen Morast. Jede Bewegung, auch die zu Fuß, wird enorm kräftezehrend, dazu füllen sich Bunker und Gräben mit Wasser und Schlamm.

Nässe tötet

In solcher Umgebung fallen untrainierte Truppen auch ohne jede Einwirkung des Feindes in kurzer Zeit aus. Die Truppen müssen lange Zeit auf dem nassen Boden liegen oder in vollgelaufenen Gräben verbringen. Sie müssen sich in Matsch und Wasser legen, durch Schnee oder Schlamm kriechen. Es ist nicht zu vermeiden, dass sie dabei komplett durchnässt werden. Soldaten, die nass werden, erkälten sich schnell, erleiden Unterkühlung und sterben, wenn sie sich nicht trocknen und aufwärmen können. In feuchter Kleidung wird ein Soldat auch bei moderater Kälte schnell sterben. Trockene und nasse Ausrüstung zu trennen, sie zu wechseln und die nassen Teile dann zu trocknen, ist im Feld weit schwieriger, als es sich anhört. Dazu gehört eine ungeheure Disziplin. Nachlässigkeiten, werden unweigerlich zu Lungenkrankheiten und Erfrierungen und damit zu großen Ausfällen führen. Das Wetter bekämpft jeden einzelnen Soldaten an der Front jeden Tag und jede Nacht. Der Gegner dagegen nur punktuell und sporadisch.

Die größte Herausforderung ist es, die Soldaten aufzuwärmen und ihre Kleidung zu trocknen. Dazu sind Kenntnisse und Disziplin nötig. Bessere Ausstattung und mehrfach vorhandene Winterausrüstung sind entscheidend, wie auch ein verlässliches und ausgeklügeltes System, mit dem die Soldaten aus den Stellungen im Feld in rückwärtige Dörfer rotieren. Bei großer Kälte gibt es das gleiche Problem in etwas anderer Ausprägung: Nun ist die Umgebung durch den Frost trocken, aber der Soldat wird durch Schweiß und Atem feucht – vor allem bei Anstrengung. Bei großer Kälte muss die nasse Wäsche diszipliniert gewechselt und getrocknet werden, sonst bilden sich Kältebrücken und die Feuchtigkeit friert ein.

Herausforderungen für das Material 

Neben den gesundheitlichen Gefahren bringen Schlamm und Kälte besondere Herausforderungen für das Material mit sich. In der Schlammperiode werden sich Fahrzeuge aller Art abseits befestigter Straßen festfahren. Viele Menschen denken, einem Kettenfahrzeug kann das nicht passieren. Das ist eine Täuschung. Es passiert nur später. Bei tiefem Schlamm ist der Bodendruck eines Fahrzeugs die entscheidende Größe. Das Gewicht, das auf der Fläche von Reifen beziehungsweise der Kette ruht. Hier ist ein gepanzertes Kettenfahrzeug meist im Vorteil. Das hohe Gewicht wird von der breiten Auflagefläche der Kette aufgewogen. Im echten Schlamm nützt das nichts mehr und auch die hohe Traktion der Kette hilft nicht, wenn das Fahrzeug beginnt, im Boden einzusinken. Ist die Schlammschicht tief genug – wie es in der Ukraine der Fall ist – kommt dann das Aus. Der Panzer sinkt, bis die Bodenwanne auf dem Schlamm liegt. Dann schwimmt der Panzer mit dem "Bauch" auf dem Matsch und die Ketten drehen durch.

Das ist das offenkundige Problem, dazu setzt Feuchtigkeit der gesamten Ausrüstung zu. Vor allem dann, wenn ungeeignetes Material verwendet wird. Etwa ziviler Elektrik, die nicht für diese Bedingungen gebaut wurde. In einem sehr kalten Winter kommen weitere Probleme hinzu. Das wären etwa: Motoren springen nicht mehr an, Hydraulik und Motoröl müssen gewärmt werden. Finger frieren am Metall fest, Kondenswasser gefriert in der Kälte und macht Waffen unbrauchbar.

Jede Einheit benötigt Winterveteranen

Um den gesundheitlichen Gefahren zu begegnen, ist die Ausbildung der Truppen entscheidend. Eine Gruppe von eingezogenen Rekruten wird nur überleben können, wenn sie von einem im Winterkrieg erfahrenen Veteranen angeleitet werden. Die ukrainische Armee kennt diese Form der Kriegsführung aus den Kämpfen im Donbass, ebenso die Truppen der Separatisten und die russischen Soldaten, die dort verdeckt gekämpft haben. Bei beiden Seiten ist unklar, wie viele dieser Veteranen den Krieg bislang überlebt haben.

Im Prinzip hat Moskau beim Thema "Kälte Kenntnisse" einen Vorteil. Vertanen und auch Rekruten aus den kalten Landesteilen wie Nordsibirien und Jakutien bringen diese Fähigkeiten mit. Den Fahrer eines Allrad-Lkws aus den nördlichen Öl- und Gasfeldern Russlands wird der Winter in der Ukraine nicht überraschen. Bei der bisherigen Performance der russischen Armee wäre es aber nicht verwunderlich, wenn dieser Vorteil nicht genutzt wird.

Alte Ausrüstung ist schlechte Ausrüstung 

Die Ukraine hingegen wird für ihre Soldaten in großen Mengen die beste Kleidung und Ausrüstung bekommen. Im Prinzip hätte der Kreml in Asien auch beste Outdoorausrüstung für seine Soldaten beschaffen können. Viele Länder sanktionieren Russland gar nicht und schon gar nicht bei Schlafsäcken und Thermounterwäsche. Aber auch hier wäre es nicht verwunderlich, wenn das russische Militär die Chance, sich mit solchen Material einzudecken, einfach verschlafen hat und die Soldaten mit den Beständen aus dem kalten Krieg abgefunden werden. Parka ist nicht gleich Parka. Im Vergleich zu moderner Funktions- und Militärkleidung besteht die alte Ausrüstung aus organischen Materialien. Sie ist schwerer und unförmiger. Sie saugt sich mit Feuchtigkeit voll und trocknet weit schwerer als die heutigen Kunststoffe.

Beide Seiten setzen im großen Maßstab zivile Fahrzeuge ein. Sie werden im Schlamm und im Fall großer Kälte ausfallen. Panzer und Militär-Lkw kann man auf diese Bedingungen vorbereiten. Bei Panzern werden dann extra-breite Ketten aufgezogen, bei LKW helfen die richtigen Reifen. Die Ukraine steht hier vor dem Problem, dass die Ausrüstung inzwischen aus einem Sammelsurium der verschiedensten Typen besteht, die der Westen geliefert hat. Und teilweise sind das alte Geräte, die nie für einen Winterkrieg gedacht waren. Bei Russland stellt sich die gleiche Frage wie schon zuvor: Im Prinzip müsste die russische Armee für diese Herausforderungen bestens gerüstet sein, aber wahrscheinlich ist sie es in der Praxis dann doch nicht. Aufnahmen aus dem Frühjahr zeigten, dass das russische Militär Systeme, die Millionen kosten, mit unbrauchbaren Billigreifen versieht.

Die Stunde der großen Traktoren

In der Logistik werden beide Seiten große Probleme bekommen. Hier werden Traktoren wieder eine wichtige Rolle spielen. Ihre überbreiten Reifen sind darauf ausgelegt, auch auf matschigen Feldern nicht einzusinken. Ihre Bodenfreiheit ist weit höher als bei Militärfahrzeugen. Dazu haben sie bärenstarke Motoren und sind auf die starken Belastungen ausgelegt, wie sie bei Bergungen aus dem Schlamm entstehen. 

Drohnen noch tödlicher

Neben dem "Angriff" der Jahreszeit auf Leben und Gesundheit der Soldaten werden Kleindrohnen eine noch größere Bedrohung werden, als sie es jetzt schon sind, weil die Soldaten leicht aufzuspüren sind. Ohne Laub verschwinden die Möglichkeiten der Tarnung. Im Schnee sind die Spuren jeder Bewegung lange Zeit sichtbar. Dazu können die Wärmequellen der Unterstände und Bunker einfach angemessen werden.

Wer kommt besser durch den Winter?

Die Kurzform: Im Feld werden die ukrainischen Truppen die Herausforderungen der kalten Jahreszeit besser meistern können als die russischen. Weil die russischen Streitkräfte die Vorteile, über die sie verfügen, bislang in der Praxis vertan haben. Während das ukrainische Militär die begrenzten Möglichkeiten optimal ausnutzt.

Die theoretischen Vorteile sind: Russland verfügt über Truppen und einen unendlichen Bestand an Reservisten, die durch ihr Leben und ihre Tätigkeiten vor dem Krieg bestens auf die schwierigen Bedingungen durch Schlamm und Kälte vorbereitet sind. Dazu wurde das gesamte Gerät der russischen Streitkräfte für eine Kriegsführung unter diesen Bedingungen entwickelt. Eine effiziente Militärführung würde allein aus diesen Punkten große Vorteile ziehen. Die russische Führung wird das Potenzial vermutlich nicht nutzen können. Das wird der Vorteil der Ukraine sein. Bislang sind Moral und Ausbildungsstand von Kiews Truppen besser als die von Putins Soldaten. Das wird sich im Winter auch nicht ändern. Nur Training und stramme Disziplin im Soldatenhandwerk wird die Gesundheit der Soldaten bewahren. Nachlässigkeiten oder die Idee, Kälte mit Alkohol zu bekämpfen, werden zu Ausfällen führen.

Kampf um das Stromnetz kann das Blatt wenden

Anzunehmen ist auch, dass Kiew aus dem Westen hochwertige Winterausrüstung für seine Soldaten bekommt. Entweder aus den Magazinen der Armeen oder direkt von der Industrie. Kein westliches Land wird den Export von Stiefeln, Socken, Schlafsäcken und Ähnlichem behindern. Die Dominanz der Ukraine bei präzisen Distanzwaffen und kleinen Drohnen wird weiter zunehmen.

Im Feld wird der Winter der Freund der Ukraine sein. Offen bleibt dabei, ob es Russland gelingt, die Stromversorgung des Landes dauerhaft zu unterbinden. Nur temporäre Ausfälle werden das Land nicht in die Knie zwingen. Hier ist der Ausgang offen. Moskau kann weiter eskalieren, etwa wenn Wasserkraftwerke, Staustufen oder gar die Atommeiler der Ukraine attackiert werden.

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