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"Klartext" Zwischen zugewandt und unbequem – so lief Annalena Baerbocks Auftritt im ZDF

Annelena Baerbock stellte sich bei "Klartext" den Fragen der Zuschauer:innen
Annelena Baerbock stellte sich bei "Klartext" den Fragen der Zuschauer:innen
© Claudius Pflug / ZDF / DPA
Im ZDF stellte sich Annalena Baerbock am Donnerstag in "Klartext" den Wählerinnen und Wählern. Viele neue Erkenntnisse ergaben sich dabei nicht – das lag aber auch an den Fragen.

Der Wahlkampf zur Bundestagswahl findet in diesen Tagen seinen Höhepunkt. Ob Triell, Wahlarena oder Politiktalkshows, die Politikakteure versuchen auf den letzten Metern, noch Boden gut zu machen. Heißt vor allem: Jede mediale Präsenz, jedes Redeangebot mitnehmen, das sich noch anbietet. Ob die Wähler:innen da noch so Lust drauf haben, wird beinahe zur Nebensache, Hauptsache die Kandidat:innen können sich noch mal zu Wort melden. So ist es auch wenig verwunderlich, dass bei "Klartext" vor allem die Fragenstellenden selbst sich in den Mittelpunkt stellten. An den Antworten der Politikerin wirkten nicht alle interessiert.   

Ähnlich wie bei der Wahlarena vor wenigen Tagen in der ARD ging es auch beim ZDF nun für Annalena Baerbock darum, die Fragen von Bürger:innen zu verschiedenen Themen zu beantworten. Wobei man schon zugestehen muss, es waren weniger konkrete Fragen als ein Angebot, sich persönlichen Frust oder eigene Sorgen mal von der Seele zu reden.

Viele Fragen, wenige Informationen

Natürlich kann man diese Fragerunden am Ende immer so lesen, als ging es ums große Ganze, eben darum, was Deutschland bewegt. Denn viele Menschen teilen die Sorge um die Rente, wollen keine Windkrafträder in direkter Nachbarschaft und haben mit Long Covid zu kämpfen, um mal drei der vielen Beispiele aus dem Talk herauszugreifen. Aber auch wenn die Themen generisch sind, die Fragenden brachten alle ihre eigene Geschichte und auch ihre eigene Motivation mit, warum sie was von Annalena Baerbock wissen wollten. Und das machte diese Wahlkampfsendung dann leider wenig informativ, sondern sehr zäh.  

Ein Mann aus Rohrlack, Brandenburg, versuchte "Klartext" zu nutzen, um die geplanten Windkraftanlagen in seiner Region zu verhindern, brachte eine Visualisierung mit, die die Grünen-Politiker überzeugen sollte, dass 250 Meter hohe Windkrafttürme zu hoch für die Gegend sind. Von Baerbocks Ausführungen darüber, dass das ja alle geprüft würde, ließ er sich nicht beirren. Ihren Hinweis, dass sie sich dafür stark machen wird, dass zukünftig eben nicht mehr nur im Norden Deutschlands Windenergie gewonnen werden soll, sondern flächendeckend zwei Prozent von Deutschland für Windenergieanlagen zur Verfügung stehen sollten, nahm der Mann kaum zur Kenntnis. Die aktuelle Verteilung, bei der der Süden von Windenergie aus dem Norden profitiere sei, so Baerbock, eine "große Ungerechtigkeit". Am Ende dieses Gesprächs folgte die bereits in mehreren Sendungen erlebte Einladung zu einem persönlichen Gespräch. Dieser folgten in der anderthalbstündigen Sendung noch weitere, die Annalena Baerbock versprach, nach der Wahl auch alle anzunehmen. Allein, was soll das ändern? 

Klare Worte Baerbocks gegen die Konkurrenz 

Einer Landwirtin versprach die Politikerin "regionale Bioprodukte zu stärken" und machte sich vor allem für eine gute Tierhaltung stark. Sie selbst, erzählte sie später, sei weder Veganerin noch Vegetarierin. Das war dann aber auch die einzige persönliche Information des Abends. Wer hoffte, hinter der Politikerinnenmaske mal die echte Annalena Baerbock zu sehen, wie das ja auch ab und zu bei Angela Merkel geschieht, der wurde schwer enttäuscht. Dafür ist dieser Wahlkampf zu routiniert.  

Immerhin, Baerbock ließ sich zur Aussage verleiten, dass es ihrer Meinung nach eine "vernünftige Fleischkennzeichnung" bräuchte und es ein Skandal sei, dass die Verbraucherministerin das bis jetzt "nicht gebacken bekommen" habe. Endlich mal eine echte Kampfansage an die Konkurrenz, bisher war Annalena Baerbock eher dadurch aufgefallen, dass sie nicht attackierte, sondern sehr gerade nur den Weg ihrer Partei aufzeigte. Dass sie nun auch mal mit dem Finger auf andere zeigte, war bemerkenswert, geschah es in der Sendung doch gleich mehrfach.  

Baerbock präsentiert sich als Alternative zu "weiter so"

Baerbock positionierte sich immer wieder vor allem als Alternative zum "weiter so" der Großen Koalition. Und darin liegt natürlich für viele eine gewisse Attraktivität, die einfach müde sind von den letzten Jahren. Wiederholt wies die Parteivorsitzende in der Sendung darauf hin, dass es an der Zeit sei, neue Wege zu gehen, die eben auch nicht immer leicht sein würden. Als eine Erstwählerin sie darauf ansprach, dass ihr Wahlprogramm nicht ausreichen wird, um das beschlossene 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, stimmte sie zu. "Ich kann nicht versprechen, dass wir in vier Jahren auf dem richtigen Weg sein werden", sagte Baerbock, aber "die Weichen müssen jetzt gestellt werden." Es sei wichtig, nicht immer nur über die Zukunft zu reden wie Olaf Scholz und Armin Laschet, sondern über das Jetzt. Ob dieser Ansatz aber zur Kanzlerin reicht? Fraglich. Denn die Antwort auf viele Fragen bei "Klartext" war: mehr Geld. Für die Bildung, für die Rente, für die Dörfer. Wollen wir natürlich alle. Aber woher das kommen soll, dafür fehlte im Talk die Zeit und vielleicht gibt es darauf auch noch überhaupt keine ausgereifte Antwort.  

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Über die Spritpreise, die in der näheren Zukunft erhöht werden sollen, wollte ein Mann vom Bodensee sprechen. Die von den Grünen geforderten 16 Cent Spritpreiserhöhung im nächsten Jahr, die könne er nicht mittragen. Diese Preise hätten seiner Ansicht nach vor allem Konsequenzen für Kinder, die im ländlichen Raum nicht mehr von ihren Eltern zu den Sportvereinen gefahren werden können. An der Stelle muss man sich schon wundern, wofür Kinder im Wahlkampf eigentlich noch herhalten müssen. Oft genug spielen sie überhaupt keine Rolle, aber ausgerechnet die Erhöhung der Spritpreise sind also das größte Problem für Familien? Ganz sicher nicht.  

Baerbock wies den Mann darauf hin, dass die 16-Cent-Erhöhung für die nächsten Jahre geplant ist und nicht 2022 schon in Kraft treten werde. Außerdem solle natürlich der Öffentliche Personennahverkehr in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden, damit auch Kinder die Sportstätten auf anderen Wegen erreichen könnten.  

Natürlich ist Familie ein Thema für die Grünen im Wahlkampf, mehr noch, als es bei den anderen Parteien eines ist. Annalena Baerbock nutzte die Fragen eines Lehrers, um einmal mehr auf ihre eigene Familiensituation während der Pandemie hinzuweisen, sie bindet Kinder und Jugendliche von sich aus immer wieder als Thema in den Wahlkampf ein. Natürlich fällt Eltern das auf, und Annalena Baerbock empfiehlt sich damit als Wahlmöglichkeit für Familien, die während des Wahlkampfs viel zu selten eine Rolle gespielt haben. Aber Worte sind geduldig und viele Familien wünschen sich eben jetzt eine Lösung. Gerade in der Bildungspolitik mahlen die Mühlen aber sehr langsam und den Föderalismus ließ die Parteivorsitzende auch außen vor.  

Gendern ist Privatangelegenheit 

Auf die Frage ob das Gendern, also die Ansprache von Männern und Frauen in den jeweils korrekten Bezeichnungen für mehr Emanzipation sorgen würden, wollte eine Zuschauerin wissen. Natürlich nicht, antwortete Baerbock, die Themen Lohnunterschiede und faire Bezahlung sowie höhere Löhne in Bereichen in denen überproportional häufig Frauen arbeiten sei ihr eine wichtige Angelegenheit. Gleichzeitig sei das Gendern, für das sie oft kritisiert wird, für sie aber keine Aufgabe als Politikerin, sondern schlicht eine "Frage der Höflichkeit". 

Weniger höflich, sondern mit klaren Worten begegnete die Vorsitzende der Grünen der Frage eines AfD-Mitglieds zum Thema Abschiebung von Menschen nach Afghanistan. Diese müssen, so Baerbock gestoppt werden. "Es gibt ein Völkerrecht, und Menschenrechte sind unteilbar." Ein recht fadenscheiniger Versuch der jungen Frau, mit Angst vor Gewalt von Geflüchteten zu argumentieren, konterte Baerbock mit dem Hinweis auf Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen. "Jeden Tag versucht ein Mann eine Frau zu töten, jeden dritten Tag gelingt es einem Mann". Die Nationalität der Täter von Femiziden sei für sie nicht entscheidend, es ginge darum, die Täter, egal welcher Herkunft, zu verurteilen. Wo die Politikerin sonst bei allen persönlichen Anekdoten stets zugewandt blieb, zeigte sie hier eine sehr klare Kante. Etwas, dass sie Laschet und Scholz voraus hat, die auf solche Fragen im Allgemeinen eher zurückhaltend argumentieren. 

Was kommt nach dem Wahlkampf? 

Auch in Bezug auf ihre eigene Vergangenheit, ihren Lebenslauf und die nicht markierten Zitate in ihrem Buch, ging Baerbock ein. Sie gestand Fehler ein, ohne groß drumherum zu reden. Auch das haben die Wählenden in diesem Wahlkampf schon anders erlebt.  

Was bleibt nun am Ende von dieser "Klartext"-Sendung? Die Erkenntnis, dass Annalena Baerbock sich nicht um Fragen drückt, dass sie zugewandt ist und manchmal auch unbequem. Sie zeigte einmal mehr, dass sie für Veränderung stehen will und dafür Einschnitte in der Gesellschaft nötig sind. Gleichzeitig ließ sich für die, die diesen Wahlkampf schon länger verfolgen, aber auch erkennen, dass zu vielen (individuellen) Fragen bereits vorgefertigte Antworten kommen. Das ist Wahlkampf-1x1, wo immer eine Antwort halbwegs passt, wird sie auch gegeben. Aber es war lange Zeit Annalena Baerbocks Stärke, nahbarer als die Konkurrenz zu wirken, weniger einstudiert. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs hat sich das aber verloren. Da dürfen sich Wählerinnen und Wähler dann zurecht fragen, was sie nach der Wahl von den Grünen erwarten können.  


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