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Andreas Petzold: #DasMemo: Keine Macht den Neonazis - raus aus dem Wellnessmodus!

Neonazis ziehen durch die Straßen und machen Flüchtlingsaktivisten mundtot. Doch die Deutschen verstecken sich lieber wieder hinter ihren Gardinen. stern-Herausgeber Andreas Petzold fordert: Auf die Straße mit Euch!

Andreas Petzold fordert mehr Engagement gegen rechte Parolen

"Gemeinsam mehr Nazis stoppen" steht während einer Demonstration gegen einen geplanten Aufmarsch von Neonazis auf einem Plakat in der Innenstadt von Bad Nenndorf. Andreas Petzold fordert mehr Engagement gegen rechte Parolen.

Es gibt Vorgänge in diesem Land, die im breiten täglichen Nachrichtenstrom untergehen, die aber Aufmerksamkeit verdienen - und Wachsamkeit! Am Montag verbreitete der Berliner Tagesspiegel einen Text mit der Überschrift "Eine Kapitulationserklärung". Es ist das Bekenntnis eines Bloggers - Jurist und Autor - der bislang im Debattenmagazin "The European" wortgewaltig unter anderem für die Rechte von Flüchtlingen stritt und gegen den neonazistischen Mob anschrieb. Das ist vorbei. Heinrich Schmitz hat kapituliert, nachdem seine Familie mit Drohungen und Psychoterror in die Enge getrieben wurde.

Am 1. August ging bei die Polizei Euskirchen ein dramatischer Anruf ein: Ein "Heinrich Schmitz" behauptete, er habe seine Frau ermordet, sie würde im Haus liegen. Daraufhin durchsuchten Beamte das Haus und die Tochter erhielt auch gleich noch einen Anruf von der Polizei, ihr Vater habe möglicherweise die Mutter ermordet. Das Mädchen wartete unter Tränen darauf, bis sich das Horror-Telefonat als unwahr erwies. "Ich habe natürlich Strafanzeige erstattet," sagt Schmitz, im Hauptberuf Strafverteidiger. Der Staatsschutz in Bonn hat die Ermittlungen übernommen. Zurückverfolgen lässt sich die anonyme Telefon-Attacke bislang nicht.

Staatsbürger im Wellnessmodus

Heinrich Schmitz hat jetzt vor seinen Gegnern kapituliert, sie haben ihr Ziel erreicht, denn das Wohlergehen seiner Familie wiegt für ihn schwerer als sein gesellschaftliches Engagement. Welcher Familienvater könnte diese Entscheidung nicht respektieren? Seine Geschichte ist nicht nur erzählenswert, weil hier ein mutiger Autor mundtot gemacht wird, sondern weil seine Gegner auch die Gegner all jener sind, die an unserem offenen, demokratischen Gesellschaftsmodell hängen. Aber Schmitz hat nicht nur aus Sorge um seine Familie aufgegeben. Er fragt sich auch, wo all die anderen eigentlich stecken, die berühmte schweigende Mehrheit, von der nichts zu hören und zu wenig zu sehen ist, während sich das braune Gift ausbreitet - vor Flüchtlingsheimen, in den sozialen Medien und auf Marktplätzen.

Mindestens sollte die schweigende Mehrheit zur Kenntnis nehmen, dass sich rechtsradikales Gedankengut immer wieder termitengleich in das Gebälk der Nachkriegsdemokratie frisst. Und dass rechte Hassbürger Psychoterror, Gewalt und Denunziation bedenkenlos als Waffe einsetzen. Schmitz resigniert in seiner Kapitulationserklärung: "Die Mehrzahl der Bevölkerung hat den Staat offenbar schon aufgegeben und begnügt sich damit, sich entspannt am Sack zu kratzen, während andere für sie die Kastanien aus dem Feuer holen sollen. Nicht mal zur Wahl schleppen sich diese Staatsbürger im Wellnessmodus. Es sind ja auch nur die leeren Flüchtlingsheime die brennen, nicht unsere Häuser."

Lieber Jäger statt Gejagter

Die Deutschen sind eben gut darin, ihre privaten, grundgesetzlich verbrieften Freiheitsrechte zu verteidigen. Aber eben nur ihre eigenen. Eine große Umfrage in der neuen stern-Ausgabe belegt zwar, dass eine überwältigende Mehrheit Flüchtlinge willkommen heißt. Aber jeder zweite Befragte will kein Flüchtlingsheim in der Nähe. Man will ein Gutmensch sein, aber bitte ohne Problem.

Zur Kenntnis nehmen muss man auch dies: Es gibt Regionen im Osten Deutschlands, da ist es ungefährlicher, gegen Asylbewerber zu hetzen als für sie einzutreten. Lieber mitmischen als auf der vermeintlich falschen Seite zu stehen. Das hat es Anfang der 30er Jahre schon einmal gegeben: Lieber zu den Jägern gehören als zu den Gejagten. Es ist das passende Ventil für den Lebens-Pessimismus mancher, für ein ohnmächtiges Gefühl, dem verhassten "System" ausgeliefert zu sein. Da mischt sich Selbstaufgabe mit Untergangs-Phantasien, die auch noch von den -Marktschreiern und Nazi-Organisationen befeuert werden. Am Ende entlädt sich all das in Hass.

Ideologischer Terror

Heinrich Schmitz ist kein Einzelfall. Es gibt viele Heinrich Schmitz, die rechte Gewalt bekämpfen und dann zu Opfern dieser rechten Gewalt werden. Junge Leute werden verprügelt, weil sie sich dagegen auflehnen, dass der rechte Mob öffentliche Räume beherrscht. Oder der Fall eines Studenten, der kürzlich via change.org die Petition #HeimeOhneHass ins Leben gerufen hatte. Sie verzeichnete bereits 40.000 Unterschriften, als ihm ein Unbekannter telefonisch mitteilte: "Für diese Petition werden deine Eltern und deine Geschwister sterben!"

Die Adressen konnte der Anrufer auch gleich noch aufsagen. Außerdem wurde der Hamburger Freundin des Studenten "Besuch" angekündigt. Er löschte daraufhin alles, was digitale Spuren hinterlassen könnte, die Petition wird nun auf change.org weiter geführt. Man kann nur hoffen, dass der Staatsschutz diesen ideologischen Terror ernsthaft verfolgt, bevor aus den Drohungen Taten werden.

Schweiger schweigt nicht

Widerlich auch die Feindseligkeiten im Netz, die auf einen einprasseln. Dass er ein vorbildhaftes Flüchtlingsheim aufziehen will und sich deshalb auch gleich mit ablichten lässt, ist vielleicht kein Meisterstück der PR-Kunst. Aber den Schauspieler auch aus der intellektuellen Ecke gleich derart mit Häme zu übergießen, dass spielt genau jenen in die Hände, denen jedes Argument für rechtsradikale Agitation willkommen ist.

Wichtig ist doch nur: Schweiger macht sein Anliegen öffentlich. Er gehört nicht zu schweigenden Mehrheit. Noch einmal Heinrich Schmitz in seiner Kapitulationserklärung: "Ich habe kapiert, dass die 'schweigende' Mehrheit der Bevölkerung am liebsten 'schweigt'. Dass sie keineswegs mit dem Hass auf den Straßen einverstanden ist, aber lieber hinter den Gardinen steht, statt selbst auf die Straße zu gehen." Er hat Recht. Und das ist beschämend.