"Enthauptungsschlag" Saddam wahrscheinlich entkommen

Iraks Präsident Saddam Hussein hat nach Angaben aus britischen Geheimdienstkreisen einen gezielten Bombenangriff am Montag wahrscheinlich überlebt.

Der irakische Staatschef Saddam Hussein hat offenbar zum zweiten Mal einen gezielten Bombenangriff der amerikanischen Truppen überlebt. Nach Erkenntnissen des britischen Geheimdienstes verließ Saddam Hussein das am Montag bombardierte Gebäude im Villenviertel Mansur in Bagdad bereits vor dem Angriff, wie die Zeitungen "The Times" und "The Guardian" am Mittwoch unter Berufung auf Geheimdienstmitarbeiter berichteten.

"Er war wahrscheinlich nicht in dem Gebäude, als es bombardiert wurde", sagte ein Gewährsmann dem "Guardian". Ein anderer sagte der "Times": "Wir glauben, er hat das Gebiet auf dem selben Weg verlassen, wie er gekommen ist: entweder durch einen Tunnel oder mit dem Auto, da sind wir nicht sicher." Bei dem Luftangriff hatte ein amerikanisches Flugzeug vier schwere Bomben abgeworfen, die drei Häuser zerstörten. Retter konnten bislang drei Leichen aus den Trümmern bergen, darunter einen älteren Mann, einen kleinen Jungen und eine 20-jährige Frau.

US-Generalmajor: Saddam kontrolliert noch immer Elitetruppen

Auch das US-Verteidigungsministeriums geht offenbar nicht davon aus, dass Saddam Hussein bei dem Bombenangriff getötet wurde. Generalmajor Stanley McChrystal sagte am Dienstag in Washington, der irakische Regierungschef kontrolliere offenbar noch immer Einheiten der Republikanischen Garde und Todesschwadrone. Die Elitetruppen erhielten noch Befehle, aber vielfach seien sie nicht mehr in der Lage, diese auszuführen: "Sie sind keine effektive Streitmacht."

Auf die Frage, wie wichtig es sei, Saddam Hussein und seine Söhne auszuschalten, antwortete McChrystal: "So weit sie noch Einfluss haben, auch wenn er sich auf Bagdad beschränkt, wollen wir ihn vermindern." Zum Tod zweier Journalisten, die am Dienstag beim Beschuss des Bagdader Hotels Palestine ums Leben kamen, sagte der Generalmajor: "Wir sind im Krieg. Unsere Soldaten wurden beschossen. Sie machten von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch."

Militärflughafen eingenommen

US-Marine-Infanteristen nahmen am Dienstag den Militärflughafen Raschid im Südosten Bagdads ein. Dabei stellten sie nach Militärangaben große Mengen Munition sicher, die für rund 3.000 Soldaten ausreicht. Zudem besetzten sie ein Gefängnis, wo sie US-Uniformen und ABC-Schutzkleidung fanden, die möglicherweise amerikanischen Kriegsgefangenen gehörten. Zurzeit sind nach US-Angaben sieben US-Soldaten in irakischer Hand.

Amerikanische Spezialtruppen suchten unterdessen nahe der irakischen Stadt Tikrit nach zwei abgestürzten Piloten eines F-15-Kampfjets. Das Flugzeug wird seit der Nacht zum Sonntag vermisst, wie ein Sprecher des US-Zentralkommandos in Katar am Mittwoch erklärte. Es sei unklar, ob der Jet abgeschossen wurde. Die US-Streitkräfte riefen die irakischen Truppen auf, eventuelle Kriegsgefangene gemäß dem Völkerrecht zu behandeln. Tikrit ist die Geburtsstadt von Saddam Hussein und gilt zugleich als Hochburg seiner Anhänger.

Am Dienstag war bereits ein US-Kampfflugzeug vom Typ A-10 Warthog nahe Bagdad mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen worden. Der Pilot konnte den Schleudersitz betätigen und wurde leicht verletzt geborgen.

Amerikaner verstärken ihre Truppen in Bagdad

Die Amerikaner sind dabei, ihre Truppenpräsenz in Bagdad schnell zu verstärken. In den kommenden 48 Stunden werde die Zahl der Soldaten verdoppelt, sagte ein hoher Militär am Mittwoch dem US-Fernsehsender CCN. Die Mehrheit der irakischen Kämpfer in der Stadt habe inzwischen aufgegeben, hieß es weiter. Die US-Streitkräfte könnten sich "nach Belieben" in der Stadt bewegen und würden auf keinen organisierten, sondern nur noch auf sporadischen Widerstand treffen.

"Intensiver Widerstand" der Iraker

Aus Bagdad waren am frühen Mittwochmorgen erneut schwere Explosionen gemeldet worden. Amerikanische Truppen griffen aus der Luft und mit schwerer Artillerie irakische Positionen in der Stadt an, berichtete der britische Sender BBC. Die Fünf-Millionen-Stadt sei von den US-Truppen größtenteils umzingelt. Nach dem internationalen Flughafen der Stadt hatten die Amerikaner am Dienstag auch den Raschid-Militärflugplatz im Osten der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht.

In der Innenstadt sei derzeit insgesamt eine Armeebrigade, zitierte der amerikanische Nachrichtensender CNN ein Mitglied des US- Generalstabs in Washington. Die US-Einheiten bewegten sich "nach Belieben" in Bagdad. Irakische Truppen leisten den amerikanischen Einheiten in der Hauptstadt aber "intensiven Widerstand", berichtete CNN in der Nacht zum Mittwoch unter Berufung auf Militärangaben. Doch das Ende des Regimes von Saddam Hussein sei "näher, als viele geglaubt haben", hieß es aus dem Pentagon.

Briten und Amerikaner uneins über Effektivität des "Enthauptungsschlages"

Nach dem versuchten "Enthauptungsschlag" gegen Saddam Hussein ging das Rätselraten über sein Schicksal weiter. Während das Pentagon den Angriff vom Montag als "sehr, sehr effektiv" bezeichnete, hielten britische Geheimdienste einen Erfolg der Aktion für unwahrscheinlich. Saddam sei dem Anschlag vermutlich um Minuten entkommen, berichtete die BBC unter Berufung auf Geheimdienstquellen.

Fernsehbilder aus der 5-Millionenstadt zeigten am 21. Kriegstag erstmal weitgehend verlassene Straßen. Es waren kaum Autos zu sehen. In den vergangenen Tagen gab es trotz der intensiven Kämpfe immer noch einen relativ intensiven Autoverkehr. Der Strom bleibt in vielen Stadtteilen unterbrochen. Auch das irakische Fernsehen sendet seit Dienstag nicht mehr.

Plünderungen in Basra

In Basra, der zweitgrößten irakischen Stadt im Süden des Landes, bemühten sich britische Truppen, die zivile Lage in der Stadt unter Kontrolle zu bringen. Nach der Besetzung durch die Briten hatte es verbreitete Plünderungen gegeben. Im Nordirak bauen die Amerikaner ihre Truppenpräsenz weiter aus. Fernsehbilder von CNN zeigten, wie US-Panzer aus Transportmaschinen ausgeladen wurden. Sie kämen aus Deutschland, sagte CNN.


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