HOME

"Von der guten Hoffnung": Auf der Harley durch Soweto

Coole Harleys, mächtige Hummers, schicke BMWs. Im südafrikanischen Soweto protzen die neuen Reichen des Landes mit ihren Spielzeugen. Ihren Aufstieg hat diese Elite vor allem einem gigantischen Umverteilungsprogramm zu verdanken, das auch die Korruption blühen lässt.

Von Marc Goergen, Johannesburg

Es ist noch nicht so lange her, er war im Juni 1976, als in Soweto die Barrikaden brannten. Die schwarze Jugend Südafrikas demonstrierte gegen die Schulpolitik des Regimes - nach dessen Willen sollte im Unterricht fortan Afrikaans dominieren, die Sprache der weißen, herrschenden Minderheit. Panzerwagen, Polizeitransporter und Wasserwerfer patrouillierten in den Straßen. Hunderte starben und Soweto, das South-West-Township bei Johannesburg, wurde plötzlich zu einem Begriff auf der politischen Landkarte.

Heute fahren wieder schwere Maschinen durch Soweto. Doch jetzt sitzen die Bewohner selbst hinterm Lenker. Und es sind auch keine Polizeipanzer - sondern Harley Davidsons.

Kaum eine Stadt Südafrikas hat sich seit Ende der Apartheid so gewandelt wie Soweto. Früher ein Elendsquartier von Hütten und Mietskasernen für Minenarbeiter, ist Soweto heute der Inbegriff des sozialen Wandels. Natürlich existieren sie immer noch, die Slums mit Hütten ohne Strom und Wasser. Doch daneben stehen jetzt eben auch Viertel mit schicken Reihenhäusern, Boutiquehotels und seit einigen Jahren gibt es eine Einkaufspassage mit viel Marmor und Sichtbeton: die Maponya-Mall, der Stolz Sowetos.

Jeden Samstag präsentieren die neureichen Einwohner Sowetos ihre Spielzeuge: An Autowaschstationen reihen sich Hummers, BMWs und Lamborghinis. Und auf den Straßen davor brettern schon schwere Harley Davidsons vorbei, wie die der "Sopranos", des ersten Harley-Davidson-Klubs Sowetos.

Afrika Tau ist der Präsident des Klubs und fährt das Modell "Sportster": viel Chrom - und viel Krach. Wenn er durch die Straßen röhrt, laufen manchmal Jungs neben ihm und feuern ihn an. "Ich hab kein Problem damit", sagt der 31-Jährige, "ich zeige gerne, was möglich ist."

Tau ist so etwas wie der Prototyp der neuen Elite Südafrikas, der so genannten "Black Diamonds". Er hat studiert, arbeitet jetzt als Manager bei einer internationalen Softwarefirma, und wenn er nicht gerade mit der "Sportster" über die Highways fährt, fliegt er zu Firmensitzungen in die USA. Tau verdankt Geld und Job seinem Können - aber auch dem wohl größten Besitzumverteilungsprogramm, das ein Staat in moderner Zeit in Angriff genommen hat: BEE.

Die drei Buchstaben stehen für "Black Economic Empowerment", was frei übersetzt so viel bedeutet wie "Stärkung der schwarzen Wirtschaftskraft". Konkret heißt das: Firmen müssen zu mindestens 25 Prozent in Händen von zuvor benachteiligten Gruppen sein und sollen ihre Einstellungspolitik danach ausrichten, auf jeder Ebene das gleiche Rassen-Verhältnis zu erzeugen wie in der Gesellschaft. In Südafrika sind ungefähr 80 Prozent schwarz, neun Prozent weiß, neun Prozent farbig und zwei Prozent indischer oder asiatischer Abstammung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das gut gemeinte Programm sorgt wöchentlich für einen neuen Skandal, und der Fehler liegt im System

BEE hat Soweto geholfen, den typischen Teufelskreis eines jeden Elendsquartiers zu durchbrechen. BEE ist allerdings auch der Grund für Nepotismus und Korruption in einem Ausmaß, dass es die bestehende Rechtsordnung gefährden könnte, wie nicht wenige befürchten. Tatsächlich vergeht kaum eine Woche ohne einen neuen Skandal im Zusammenhang mit dem Programm.

Denn in Genuss der lukrativen BEE-Geschäfte kommt nur, wer Kontakte zu Regierung hat. Einige der reichsten Männer Südafrikas wie Cyril Ramaphosa oder Tokyo Sexwale waren oder sind immer noch hohe Politiker des ANC, der herrschenden Partei des Landes. Es scheint bisweilen, als sei man dabei, die einst kleine weiße Elite gegen eine kleine schwarze Elite auszutauschen. Ob öffentliche Ausschreibung oder eben BEE-Deal - ohne Beziehungen keine Chance. Und das führt zu Korruption.

Selbst der heutige Präsident Jacob Zuma, ebenfalls ein ANC-Mann, hängt mit drin. Zwar konnte er juristisch nie belangt werden, dennoch ist es erwiesen, dass Zuma, als er in den 90er Jahren Vizepräsident war, von seinem Geschäftsfreund Shabir Shaik regelmäßig Zehntausende von Euro erhalten hat. Shaik wurde dafür verurteilt. Zuma konnte dem Verfahren durch allerlei juristische Kniffe entkommen.

Ein Instrument der südafrikanischen Minenkonzerne

Ohnehin ist es ein Mythos, dass BEE eine Erfindung der ersten schwarzen Regierung unter Nelson Mandela sei. Vielmehr wurde das Entwicklungsprogramm schon vorher von den großen Minenkonzernen Südafrikas benutzt, um sich Macht und Besitz zu erhalten - indem sie sich die neue Elite gefügig kauften. Das behauptet etwa der Ökonom Moeletsi Mbeki, Bruder des ehemaligen Präsidenten Südafrikas Thabo Mbeki. Und er kennt einige gute Argumente dafür. Schließlich wurde die erste Firma nach BEE-Prinzip, der Mischkonzern "New Africa Investments" schon 1992 zusammengestellt - zwei Jahre bevor der ANC überhaupt die Regierung übernahm. Und das größte Unternehmen Südafrikas "Anglo American" gab Anteile unter anderem an Tokyo Sexwale und Cyril Ramaphosa ab - zu einem Zeitpunkt, als sie bei den Verfassungsberatungen Verhandlungsführer des ANC waren. Damit erkaufte sich Anglo die Möglichkeit, seine Aktien fortan nicht mehr in Johannesburg sondern in London zu listen. Und entkam so der Gefahr der Enteignung - die linke Kräfte im ANC durchaus forderten.

Heute ist BEE ein essentieller Bestandteil des südafrikanischen Wirtschaftslebens, und tatsächlich öffnet es Jobs für Schwarze oder Farbige, die ihnen jahrzehntelang verschlossen blieben. Und gibt damit auch Männern wie Afrika Tau die Chance, mit einer Harley durch die Straßen Sowetos zu brettern. Das allerdings war für seine Erfinder nur ein Nebeneffekt. Eine Behörde übrigens scheint dem Staat zu wichtig zu sein, als dass er das Personal nur nach BBE-Kriterien anstelle von Leistung rekrutieren würde: der "South African Revenue Services" - die Steuerbehörde des Landes.