"Was die Welt bewegt" Acht Jahre Krieg und kein Ausweg


Der Krieg in Afghanistan dauert acht Jahre, ein Ende ist nicht in Sicht. Vor allem in den USA streiten sich die Lager über die richtige Strategie. Einen Gewinner gibt jetzt schon: Unter dem Schutz der US-Truppen sichert sich China Rohstoffe und baut seinen Einfluss aus.
Von Katja Gloger

Als ob sich die Taliban den Zeitpunkt besonders gut überlegt hatten. Am vergangenen Samstag, es war helllichter Tag, eröffneten 300 Kämpfer das Feuer auf zwei isolierte Außenposten der US-Armee bei Kamdesh entlang der pakistanischen Grenze. Sie griffen aus den umliegenden Bergen an, die Amerikaner verteidigten sich mit Helikoptern, Luftschlägen und schwerem Maschinengewehrfeuer. Die Gefechte dauerten den ganzen Tag. Zwischenzeitlich gelang es den Taliban, die beiden Stützpunkte zu stürmen. Am Ende - nach 12 Stunden - waren acht amerikanische und vier afghanische Soldaten gefallen.

Es war der blutigste Angriff auf die US-Armee in Afghanistan seit mehr als einem Jahr - und passierte just zu dem Zeitpunkt, an dem in Washington die politische Schlacht um Afghanistan tobt.

Zum Erfolg verdammt

Seit genau acht Jahren führen die USA, führt der Westen nun Krieg in Afghanistan. Und ein Ende, gar ein Erfolg, scheint weiter entfernt denn je. Und offenbar herrschen in Obamas Mannschaft ziemlich unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie dieser Krieg weitergeführt werden soll. Andere Beobachter behaupten gar, es herrsche offener Streit.

Dabei ist es gerade einmal ein halbes Jahr her, dass der Präsident eine neue Strategie für Afghanistan und Pakistan verkündete. Nach acht sinnlosen, verlorenen Jahren musste er eine Wende wagen. Es ist nicht sein Krieg, Obama hat ihn geerbt. Er erklärte den Afghanistan-Einsatz zu einem "notwendigen Krieg". Jetzt ist es sein Krieg. Und er ist zu einem Erfolg verdammt.

Amerika hat den Krieg in Afghanistan faktisch noch einmal von vorne begonnen. Gerade werden 21.000 zusätzliche Soldaten entsandt, dann sollen insgesamt 70.000 US-Soldaten die Strategie der "counterinsurgency" durchsetzen - die Bekämpfung von Aufständischen. Dabei sollen die amerikanischen Soldaten die Taliban besiegen, die Bevölkerung und die erhofften Divisionen ziviler Wiederaufbauhelfer beschützen sowie moderate Taliban einbinden - und all' das solange, bis Zehntausende im Eilverfahren ausgebildeter afghanischer Soldaten und Polizisten selbst die Verantwortung im Land übernehmen können.

Mit Luftschlägen gewinnt man weder Herzen noch Köpfe

Zur Umsetzung dieser von viel Hoffnung getragenen Strategie ernannte Obama eigens einen neuen Afghanistan-Kommandierenden, einen kantigen General der Special Forces, der sich seine Sporen im Irak verdient hatte: Stanley McChrystal. Und der gab, wie erbeten, seine Einschätzung der Lage: Bis zu 40.000 zusätzlicher Soldaten seien notwendig. Sonst drohten die USA den Krieg verlieren. Sonst drohten Desaster und Demütigung am Hindukusch.

Dummerweise wurde diese explosive Schreckensvision samt Dokument umgehend an die "Washington Post" durchgestochen, und jetzt sieht es ganz danach aus, als ob im Weißen Haus ein Streit über eine neue Afghanistan-Strategie eskaliert. Es ist ein gefährlicher Streit, denn er erinnert an eine alte Wahrheit aus dem Vietnam-Zeit: Amerikas Kriege werden zu Hause gewonnen oder verloren, an der Heimatfront, vor dem Fernsehen.

Da fordert der Vizepräsident öffentlich eine radikale Umkehr: Mit einer Strategie der Terrorismus-Bekämpfung solle al Kaida ausgelöscht werden, tönte der für sein ziemlich loses Mundwerk bekannte Joe Biden, am besten mit gezielten Luftschlägen. Seine Empfehlung: auf keinen Fall mehr Truppen. Die Militärs aber fordern genau das: mehr Truppen. Sie sollen - wie im Irak - in Städten und dicht besiedelten Gebieten eingesetzt werden. Anders seien Herzen und Köpfe der Afghanen nicht zu gewinnen. Und die Taliban nicht dauerhaft zu besiegen.

Obama wieder zu zögerlich

In der Kakophonie der Analysen, Zahlen, Empfehlungen muss Obama nun rasch ein klares Wort sprechen, ein Wort der Macht. Der Präsident sei noch unentschieden, heißt es im Weißen Haus, er werde die Strategie an die Gegebenheiten anpassen. Wie so oft, sucht Obama die Mitte, den tragfähigen Kompromiss. Wieder einmal will er alle einbinden, den zickigen Kongress, die Opposition, seine Gegner. Vielleicht will er seinem Land ja wirklich beibringen, vernünftige, öffentliche Debatten zu führen. Doch manchmal scheint es, als ob er, Oberkommandierender aller Streitkräfte, zu zögerlich sei. So war es auch schon bei der umstrittenen Gesundheitsreform. Zu lange hatte er gewartet, mit Allgemeinplätzen geworben - dann verselbstständigten sich Diskussion und Emotion, und es schien, als reagiere der Präsident nur noch. Schon macht bei seinen Gegnern ein böser Satz die Runde: "Let's do it the Obama way. Lass es uns wie Obama machen - brillant reden und wenig tun."

Jetzt wägt Obama seine Afghanistan-Optionen, er sucht einen Mittelweg, heißt es: die Entsendung weiterer Truppen, aber nicht so viele, wie von seinen Generälen gewünscht. Allein in dieser Woche absolviert er drei Strategiesitzungen. Am Dienstag bat er führende Kongressabgeordnete ins Weiße Haus. Das Ergebnis: Streit um Afghanistan auch im Kongress. Die Republikaner fordern zusätzliche Truppen. "Die Zeit läuft uns davon", orakelt Senator John McCain, "dies sollte kein gemächlicher Prozess sein." Die Demokraten äußerten gar öffentlich Skepsis gegenüber Obama. Man zögere, der Entsendung weiterer Truppen zuzustimmen, warnen sie ihren Präsidenten.

China als großer Nutznießer

Verteidigungsminister Robert Gates, ein kluger, besonnener, unabhängiger Republikaner, der schon jetzt als einer der besten Verteidigungsminister der USA gilt, hielt sich bislang öffentlich zurück. Umso gewichtiger waren seine knappen Bemerkungen im US-Fernsehen:"Die Taliban haben aufgrund unserer und unserer Verbündeten Unfähigkeit, genügend Truppen bereit zu stellen, die Initiative."

Es war eine schallende Ohrfeige für seinen ehemaligen Chef George W. Bush, aber auch für die westlichen Verbündeten, allen voran wohl Deutschland. Unterdes reiben sich potentielle Gewinner des Krieges die Hände. Die Taliban gehören wohl dazu, aber auch eine ganz andere Macht: die Volksrepublik China. Denn China, meint der Journalist und Militärexperte Robert Kaplan, verfolgt ebenso geduldig wie zielstrebig seine strategischen Interessen in Afghanistan: Das Land hat wichtige Rohstoffe wie Kupfer, Gold und Uran. Vor allem aber könnte es für China ein Transitland werden, mit Pipelines und Straßen nach Süden, zum Indischen Ozean. "China wird der Nutznießer sein, egal, was die USA in Afghanistan unternehmen", so Kaplan. "Wenn wir weitere Truppen stationieren, würde China von zusätzlicher Stabilität profitieren. Würden wir uns zurückziehen und Afghanistan den Taliban überlassen, wäre dies schädlich für Indien. Und Indien wiederum ist Chinas Rivale in der Region. So scheint es, als warteten aufstrebende Mächte in den Rängen geduldig, um Profit aus unserer Politik ziehen. Das passiert normalerweise, wenn sich Imperien im Niedergang befinden."

Und so passiert es gerade in Aynak, 200 Kilometer südlich von Kabul: die dortige Kupfermine wird von einem chinesischen Staatskonzern betrieben. Aynak gehört zu den großen Kupfervorkommen der Welt, China investiert Milliarden. Und den militärischen Schutz? Den stellen amerikanische Soldaten.


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