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1. Oktober 1949: Das Projekt Weltmacht China beginnt

Gleich nach der Gründung der Volksrepublik will Mao Tse Tung China zur Weltmacht umbauen. Doch erst 30 Jahre später legt sein Nachfolger die Grundlagen für den Erfolg des Riesenreichs. Rückblick auf 60 Jahre Volksrepublik.

Von Adrian Geiges und Marc Goergen

Vier Monate lang erkundet Mao Tse Tung sein Land, vom Süden hinauf in die Steppen der Mandschurei, mit einem Dampfer den Jangtse hinab, es ist eine Reise kreuz und quer durchs Reich der Mitte im Jahre neun der roten Herrschaft. Er besucht Muster-Kommunen, begutachtet ausgesuchte Bewässerungsprojekte, und der 64-Jährige spürt wieder den revolutionären Elan seiner Jugend, ja, der passionierte Schwimmer wagt sich sogar zweimal ins winterkalte Wasser des Flusses Yong im Süden des Landes.

Im Mai 1958 verkündet Mao auf einer Konferenz das Ergebnis seiner Reflexionen in der Provinz. China könne durch die gemeinsame Arbeit von Hunderten Millionen "alle kapitalistischen Länder in kurzer Zeit überholen und zu einem der reichsten, fortschrittlichsten und mächtigsten Länder der Erde werden". Denn revolutionäre Romantik sei zwar gut, "sie hat aber keinen Sinn, wenn sie sich nicht in der Praxis bewährt".

Das Projekt Weltmacht beginnt. Bauern errichten Hochöfen im Miniaturformat, füllen sie mit Kochtöpfen, Türgriffen und Haarspangen, ganze Bergrücken werden für Brennmaterial abgeholzt, und schon bald ist die Landschaft gesprenkelt mit Schloten, sodass der vom Kommunismus begeisterte Journalist Sidney Rittenberg "jeden Hügel, jedes Feld erglühen sieht im Schein der selbst gemachten Öfen". 90 Millionen Menschen, fast ein Viertel aller Erwerbstätigen, arbeiten binnen Kurzem in solchen Hinterhofhütten. Es ist der Auftakt zum "Großen Sprung nach vorn". Und der größten Hungersnot aller Zeiten.

Bruch mit der Tradition

China in den 50er Jahren - das ist eine verschlossene Welt, kaum Ausländer im Land, Sittenwächter rügen auffallende Kleider und Frisuren; das ist der allgegenwärtige Bruch mit der Tradition, selbst die ehrwürdigen Stadtmauern Pekings werden abgetragen; und das ist vor allem der Wille, ein bitterarmes Land mit aller Gewalt in eine Weltmacht zu verwandeln.

Die radikale Umgestaltung hatte schon wenige Wochen nach Maos Sieg im Bürgerkrieg und der Gründung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 begonnen. Während sich die Nationalisten um Chiang Kai-shek auf die Insel Taiwan zurückzogen, legte sich die Herrschaft der kommunistischen Partei wie ein Netz über Kontore, Maschinenhallen und Äcker.

Parteikader schwärmen in die Dörfer aus, um Grundbesitzer zu enteignen und Kollektive zu gründen. Etwa 40 Prozent des Landes werden beschlagnahmt und neu verteilt. Immer geringer wird der Anteil des privat genutzten Landes, immer umfassender die Macht der Genossenschaften. Bald gibt es kaum mehr regionale Märkte.

Aburteilungen und Hinrichtungen

Die Landreform stellt generationenalte Strukturen auf den Kopf. Aus Gutsherren werden Landarbeiter - wenn sie mit dem Leben davonkommen. Von Funktionären aufgestachelt, wird mindestens eine Million Großbauern von ihren Pächtern ermordet. Vermeintlichen "Konterrevolutionären" ergeht es nicht besser. Allein in Peking gibt es in diesen ersten Jahren des neuen China 30.000 Massenveranstaltungen mit Aburteilungen und Hinrichtungen; zu Hunderten werden Menschen öffentlich per Kopfschuss getötet.

Schnell zeigt sich, dass Menschenleben für die neue Führung kaum mehr als Manövriermasse sind. Als China von 1950 an Nordkorea im Krieg gegen den Süden und die USA unterstützt, stirbt in drei Jahren knapp eine Million Chinesen - auch, weil die "Freiwilligen" bei Temperaturen von 30 Grad unter Null mit dünnen Baumwollschuhen kämpfen sollen. Um den Hunger zu lindern, rät das Hauptquartier, aus Kiefernnadeln Suppe zu kochen und Kaulquappen zu essen. Auch Maos ältester Sohn An-ying stirbt im Korea-Krieg. Als man dem Vater die Nachricht überbringt, schweigt er einige Minuten und murmelt schließlich: "Wie kann es einen Krieg ohne Tote geben?" An-yings Frau informiert man erst zweieinhalb Jahre später.

Wer aber ist diese Führung, die sogar eigene Kinder bedenkenlos der kommunistischen Sache opfert?

Mao hat kaum Kontakt zum Volk

Neben Mao besteht die Führungsriege nur aus einer Handvoll Mitstreiter aus den Tagen des Bürgerkriegs, einer der wichtigsten ist Ministerpräsident Zhou Enlai. Theoretisch ist die Macht aufgeteilt auf Staat, Partei und Armee, praktisch laufen alle Fäden bei Mao zusammen.

Kontakt zum Volk hat er kaum. Meist logiert er in einer ehemaligen Palastbibliothek innerhalb der Mauern der Verbotenen Stadt, aber durch künstliche Seen abgesondert vom Rest des Areals. Im Laufe der Jahre errichten Arbeiter für ihn über 50 weitere Häuser im ganzen Land. Hässliche Betonkästen, oft mit nur einem riesigen Stockwerk, unterkellert mit einem Atombunker. In manchen Villen kann man mit dem Auto direkt ins Wohnzimmer fahren, von anderen führt ein Tunnel zum nächsten Flugplatz, für wiederum andere werden ganze Gebirgszüge abgeriegelt. Einziger Luxus sind die Pools, die Mao fast in jeder Residenz anlegen lässt. Über Monate hinweg muss das Wasser warm gehalten werden - auch wenn der Hausherr das Anwesen nie betritt.

Die Chinesen bekommen Mao kaum zu Gesicht. Fast immer fährt er im eigenen Sonderzug. Doch je mehr er sich abschottet, desto ekstatischer reagieren die Massen, wenn sie ihren Führer doch einmal leibhaftig erblicken. So berichtet ein Leibwächter von Maos Versuch, in einem Restaurant zu Mittag zu essen. Schon Stunden zuvor ist der Laden abgeriegelt. Als ihn aber eine Nachbarin am Fenster entdeckt, beginnt sie vor Verzückung so laut zu schreien, dass die gesamte Straße zusammenläuft. Erst sechs Stunden später gelingt es dem lokalen Polizeikommandanten, Mao aus dem Restaurant zu schleusen.

Intellektuelle sind Klassenfeinde

Skeptischer gegenüber den Kommunisten zeigen sich die Intellektuellen des Landes. Sie gelten im roten China nun als Klassenfeinde, die Erziehungskurse durchlaufen müssen und aufs Land verschickt werden. Viele Schriftsteller oder Lehrer tun sich schwer, Konfuzius auf dem Altar der roten Ideologie zu opfern. Da entschließt sich die KP-Spitze im Februar 1956, die widerspenstigen Denker quasi per Umarmung auf ihre Seite zu ziehen.

"Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Denkschulen in Wettstreit treten", fordert Mao in einer Rede und lanciert damit die sogenannte Hundert-Blumen-Kampagne: Die Menschen sollen öffentlich Kritik äußern, um so das System zu verbessern. Nach anfänglicher Vorsicht werden die Behörden geradezu überrannt. Auf Wandzeitungen beklagen Chinesen das Machtmonopol der Kommunisten als "Wurzel allen Übels", vergleichen die kommunistische Verfassung gar mit "Toilettenpapier".

Noch heute sind die Hintergründe des allseitigen Tauwetters - sogar geschlitzte Röcke sind wieder auf den Straßen zu sehen - nicht ganz geklärt. Wollte Mao tatsächlich auf Kritik reagieren? Oder war es nur eine Falle, um die Intelligenz aus der Reserve zu locken, wie seine Biografen Jung Chang und Jon Halliday behaupten?

Bücher dienen nur der Dekoration

Ob aus Entsetzen über die Klage-Lawine oder aus Kalkül - die "Hundert Blumen" verdorren ebenso rasch, wie sie aufgeblüht sind. Bis zum Jahresende werden mehr als 300.000 Intellektuelle verbannt oder in Arbeitslager geschickt, darunter auch Tausende, die sich gar nicht zu Wort gemeldet hatten.

Mao sieht in der Intelligenz eher den Feind als den Verbündeten. Auch die alten Bücher, vor denen er sich in späteren Jahren gern zeigt, dienen - dreist zusammengestohlen - nur als Dekoration. Macht ist die entscheidende Kategorie seines Denkens. Das gilt auch für sein Verständnis von internationaler Politik, sogar gegenüber der Sowjetunion.

Zwar hatten die Genossen in Moskau das chinesische Abenteuer in den 20er und 30er Jahren nahezu komplett finanziert, zwar haben sie noch Anfang der 50er Jahre nicht nur mit Krediten, sondern auch mit Experten für Atomwaffen ausgeholfen, doch nach dem Tod Stalins 1953 sieht Mao in der Sowjetunion immer mehr den Konkurrenten, wenn nicht den Feind. Und so ist denn auch seine Reise durch die Provinz zu Beginn des Jahres 1958, das Ausrufen des "Großen Sprungs nach vorn" im Mai, sind die absurd hohen Wachstumsziele bei Stahl und Getreide (das Mehrfache der Weltproduktion) nicht nur der Versuch, den Westen zu überholen, sondern auch die Vorherrschaft innerhalb des kommunistischen Blocks zu erringen.

Gescheiterte Massenprojekte

Doch schon das Projekt, Stahl im Hinterhof zu verhütten, scheitert kläglich. Das aus den Minihochöfen gewonnene Metall ist zu nichts zu gebrauchen. Als die Aktion nach einem Jahr abgebrochen wird, ist die Landschaft übersät mit rostenden Eisenblöcken und Skeletten von Häusern, deren Holzwände in den Öfen verfeuert wurden. Auch die anderen Massenprojekte, die Flussregulierungen mit Spitzhacke und Spaten, die Arbeiten an gigantischen Kanälen, der Kampf gegen die Spatzen - die Vögel sollen durch Krach daran gehindert werden, sich niederzulassen, und schließlich an Erschöpfung sterben -, bringen das Land nicht voran. Schlimmer noch: Sie entziehen der Landwirtschaft die so nötige Arbeitskraft.

Dann folgt auch noch eine Dürre. Anstatt zu steigen, brechen die Erträge dramatisch ein. Die Menschen beginnen zu hungern, dann zu verhungern. 1960 gibt es in den Städten nur noch 1,5 Kilo Fleisch für jeden - pro Jahr. Um zu überleben, verkaufen Männer ihre Frauen, andere versuchen mit Baumrinde, Aprikosenkernen oder Algen die Mägen zu füllen, wieder andere scheuen in ihrer Verzweifelung selbst vor Menschenfleisch nicht zurück. Eine nach Maos Tod entstandene Studie verzeichnet für einen Bezirk in der Provinz Anhui 1960 allein im Frühjahr 63 Fälle von Kannibalismus, darunter ein Ehepaar, das seinen achtjährigen Sohn erwürgt und aufisst.

Mao nimmt all das in Kauf. "Es kann gut sein, dass die Hälfte Chinas sterben muss", sagt er im November 1958. Später lässt er anweisen, die Gräber auf Feldern anzulegen. "Die Toten sind nützlich. Sie können den Boden düngen." Und selbst in den schlimmsten Jahren dieser selbst gemachten Katastrophe lehnt er nicht nur ausländische Hilfe ab, sondern exportiert sogar Lebensmittel; allein 1958 und 1959 sind es sieben Millionen Tonnen, darunter auch Tausende Tonnen Soja in die DDR. Als der Weltmacht-Wahn im Jahre 1962 schließlich endet, hat er 30 Millionen Menschen das Leben gekostet.

Mao ist nicht frei von Doppelmoral

Doch Maos Herrschaft ist inzwischen so unantastbar, dass selbst das Desaster des "Großen Sprungs" an ihm abperlt. Immer seltener tritt er in der Öffentlichkeit auf. Selbst die innere Führung bekommt ihn außerhalb von Sitzungen kaum zu Gesicht. Saufgelage im Zentralkomitee, wie sie Stalin pflegte, sind Mao fremd.

Genauso wenig zeigt er Interesse an goldenen Wasserhähnen (anstatt zu duschen, lässt er sich ohnehin lieber mit einem heißen Handtuch abreiben). Frei von Doppelmoral ist Mao aber keineswegs. Der Arbeiterführer schätzt gutes Essen. Ein Bauernhof produziert eigens für ihn eine besonders bekömmliche Sorte Reis, seinen Lieblingsfisch lässt er aus 1000 Kilometer Entfernung lebendig im Plastikbeutel heranbringen. Damit das Essen nicht kalt wird, müssen es seine Diener im Laufschritt servieren. Und droht einfachen Chinesen bei außerehelichem Sex das Arbeitslager, so vergnügt sich der KP-Chef gern mit mehreren Gespielinnen im Bett.

Mitte der 60er Jahre hat sich China von den schlimmsten Folgen des "Großen Sprungs" erholt. Doch das Land kommt nicht zur Ruhe. Ist nicht die "immerwährende Revolution" Daseinsgrundlage des Systems? Und sind nicht unter den mittlerweile 17 Millionen KP-Mitgliedern auch Hunderttausende Opportunisten, die es auszusondern gilt? Im Frühjahr 1966 lässt Mao eine neue Revolutionsgruppe im Zentralkomitee einrichten. Es ist der Auftakt zur sogenannten Kulturrevolution.

Eine gigantische Säuberung

Unter Studenten im Westen noch in den 70er Jahren bejubelt, ist die Kulturrevolution nichts anderes als eine gigantische Säuberung der Partei und des Landes. Es beginnt damit, dass Mao radikale Studenten der Pekinger Universität gewähren lässt, als sie "kapitalistische" Parteikader zur Rechenschaft ziehen wollen. Kurz darauf fordert er die gesamte Jugend auf, gegen Konterrevolutionäre vorzugehen. Binnen Tagen eskaliert die Gewalt.

"Rote Garden" aus Schülern und Studenten brechen in Häuser ein und zerstören alles, was an bourgeoise Kultur erinnert: Bücher, Gemälde, Musikinstrumente. Sie verhöhnen Schriftsteller, zwingen Parteifunktionäre zu öffentlichen Selbstbezichtigungen, schlagen ihre Lehrer mit Gürteln und Stöcken zu Tode. All das mit Segen von oben. Als Mao am 18. August 1966 auf dem Tiananmenplatz eine Parade abnimmt, darf ihm eine Schülerin die rote Armbinde überstreifen - sie hatte zuvor mit anderen die Rektorin ihrer Schule getötet. Als Mao sie fragt, wie sie heißt, sagt sie: "Song Bin-bin." Mao sagt: "Bin heißt sanft." Dann fügt er hinzu: "Sei gewalttätig!" Das Mädchen ändert daraufhin seinen Namen in "Sei gewalttätig".

Es ist, als rase eine Welle von Gewalt durchs Land. Schüler müssen nicht mehr zum Unterricht, Zugfahrten und Essen sind für sie kostenlos. Sie tragen den Terror in alle Winkel. Scheren Menschen auf offener Straße zu lange Haare ab, schwenken rote Büchlein mit Mao-Sprüchen, kehren an Kreuzungen die Farben der Ampeln um: Rot soll nicht mehr Stopp bedeuten, sondern Gehen. Mao wird stilisiert als einziger Gralshüter der wahren Lehre. Allerorten hängen seine Porträts, ständig gibt es endlose Lesungen aus seinen Werken, sogar die Genesung von Blinden und Lahmen wird nun seinen Worten zugeschrieben.

Millionen kommen ins Umerziehungslager

Treibende Kraft ist neben Mao seine ebenso skrupellose Frau Jiang Qing. Die Roten Garden sind ihnen willige Werkzeuge für die Säuberungen. Millionen werden in Umerziehungslager aufs Land geschickt. Erst als Einheiten der Armee beginnen, sich untereinander zu bekämpfen, löst Mao schließlich im Juli 1968 die Roten Garden auf und schickt die Jugend zur Feldarbeit - ein Ende der Säuberungen aber bedeutet das nicht: Bis zu Maos Tod werden noch mindestens drei Millionen Menschen dadurch sterben.

Dem Westen erscheinen die letzten Jahre des großen Vorsitzenden eher gemäßigt. Das amerikanische Tischtennisteam wird 1971 nach China eingeladen, ihm folgen US-Präsident Nixon und andere westliche Staatschefs. Trotz der Öffnung ändert sich der Grundcharakter des Systems nicht. Selbst als der über 80-jährige Mao schließlich durch Parkinson und eine Nervenkrankheit fast gelähmt ist, als ihn Besucher häufig nur noch schnarchend oder gar sabbernd vorfinden, wagt es keiner, ihn abzusetzen. Erst mit Maos Tod kurz nach Mitternacht am 9. September 1976 kann in China tatsächlich eine neue Ära anbrechen.

Der Zustand des Landes ist desaströs. Nach 27 Jahren Kommunismus lebt ein Großteil der Chinesen in bitterer Armut. Selbst in den privilegierten Städten sind Nahrungsmittel und Kleidung rationiert. Oft hausen drei Generationen in einem Raum, da trotz Bevölkerungswachstum kaum Wohnungen gebaut wurden. Schlimmer noch ist die Lage auf dem Land. In manchen Gegenden laufen Frauen nackt umher, weil es keine Kleidung mehr gibt. Sogar in Yan'an, Maos alter Hauptstadt aus Bürgerkriegszeiten, wimmelt es von Bettlern. Wenn ausländische Besucher das ehemalige Hauptquartier besuchen, werden die Obdachlosen regelmäßig in ihre Dörfer zurückgekarrt.

Der Gegenentwurf namens Deng Xiaoping

Maos letztem Willen folgend wird zunächst Hua Guofeng sein Nachfolger, ein farbloser Funktionär. Sein Programm nennt er "zwei Alle" - alles, was Mao entschieden habe, sei richtig gewesen; alles, was er gesagt habe, müsse weiter "unentwegt in die Tat umgesetzt" werden. Doch die meisten in der Partei begreifen: Nur eine Kehrtwende kann das Land aus der Krise führen. In die Wege leiten soll sie ein Mann, der nicht nur wegen seiner Körpergröße, gerade einmal 1,53 Meter, wie ein Gegenentwurf zum groß gewachsenen Mao erscheint: Deng Xiaoping.

Zwar ist Deng ein alter Kampfgefährte Maos, zwar hat er ihn auf dem "Langen Marsch" begleitet und nach der Hundert-Blumen-Kampagne selbst Intellektuelle ins Lager geschickt, doch Deng kennt, anders als Mao, auch das Leben außerhalb Chinas. Schon als 16-Jähriger hatte er in Frankreich als Monteur bei Renault gejobbt. In den fünf Jahren dort lernte er nicht nur Rotwein, Croissants und Käse schätzen, sondern auch die Vorzüge des kapitalistischen Systems.

Deng ist ein Quergeist. Schon beim "Großen Sprung" wollte er lieber auf traditionellem Weg die Wirtschaft aufbauen als radikale Visionen verkünden. Sein Motto: "Egal, ob eine Katze schwarz ist oder weiß, Hauptsache, sie fängt Mäuse."

Ein Comeback durch die Krise

1966 wurde Deng, bis dahin Vizepremier, zum ersten Mal entmachtet und als Arbeiter in eine Traktorenfabrik geschickt. Im selben Jahr sperrten Rotgardisten seinen Sohn in ein radioaktiv verseuchtes Labor. Der konnte sich nur mit einem Sprung aus dem Fenster retten, ist seither querschnittsgelähmt. Erst 1971 durfte der Vater ihn zu sich nehmen; er pflegte ihn, wusch täglich seinen Körper.

Als Mao stirbt, ist Deng 72 Jahre alt und gerade wieder aller Funktionen enthoben worden. Doch die Krise beschert ihm das Comeback. 1977 wird er als Vizeregierungschef eingesetzt. Im Dezember 1978 dann wagt er den radikalen Umschwung: Man müsse "das Denken befreien, den Kopf anstrengen, die Wahrheit in den Tatsachen suchen und nach vorn blicken", beschließt das Zentralkomitee auf sein Drängen. Mit dieser Sitzung beginnt Chinas kapitalistischer Kommunismus. Sie jährt sich in diesem Jahr zum 30. Mal, das Jubiläum ist für die Volksrepublik neben Olympia das zweite große Ereignis 2008.

Deng wagt bis dato Undenkbares. Das Land, das den Volkskommunen gehört, bewirtschaften die Bauern nun auf eigene Rechnung. In vier Sonderwirtschaftszonen dürfen ausländische Unternehmen investieren, später im ganzen Reich. Mit Margaret Thatcher vereinbart er die Rückkehr Hongkongs zu China, wobei die Stadt mindestens 50 Jahre kapitalistisch bleiben soll. Deng nennt das: "Ein Land - zwei Systeme". Er schickt sogar einen Brief an Taiwans Präsidenten Chiang Ching-kuo, den Sohn des Bürgerkriegsfeinds Chiang Kaishek: "An die Freundschaft in der Kindheit zurückdenkend, sollten wir die Vergangenheit vergangen sein lassen und uns kurz entschlossen für Friedensverhandlungen entscheiden."

Deng setzt seinen Machtanspruch durch

Offizieller Staatschef ist Deng nie. Er zieht es vor, hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen. Seine Posten sind meist nebenrangig, zuletzt ist er nur noch "Ehrenvoller Vorsitzender der chinesischen Bridge-Vereinigung". Die Zeitungen wissen nicht, wie sie ihn nennen sollen, und behelfen sich mit "oberster Führer". Doch keiner zweifelt daran, dass Deng Xiaoping der Chef im Lande ist.

So liberal sich der oberste Führer in der Wirtschaft zeigt, so brutal geht er gegen alle vor, die den Machtanspruch der Partei infrage stellen. Schon 1979 lässt er Dissidenten verhaften. Ebenso 1986, als Studenten erstmals zu Tausenden protestieren und Demokratie fordern. Es sind aber die Ereignisse des Frühsommers 1989, die sein janusköpfiges Wesen in der Geschichte festschreiben.

Die Vorgeschichte reicht zwei Jahre zurück. Auf Betreiben Dengs war Hu Yaobang 1987 als Parteichef abgesetzt worden. Er hatte sich für politische Reformen stark gemacht, den Bruder des Dalai Lama getroffen und sogar gefordert, Chinesen sollten mit Messer und Gabel statt mit Stäbchen essen. Der Rauswurf machte Hu zum Helden der Studenten. Als er im April 1989 stirbt, versammeln sich Tausende auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Demonstrationen für die Demokratie

Die spontane Trauerkundgebung wird zum Protest. Studenten beginnen, auf dem Platz zu kampieren. Am 17. Mai sind es mehr als eine Million. Bauern verteilen Reis an die Studenten, Straßenverkäufer schenken kostenlos Getränke aus. Einige bauen aus Gips und Styropor eine neun Meter hohe Freiheitsstatue, andere treten in den Hungerstreik. Und die Rebellion weitet sich aus: In mehr als 400 Städten kommt es zu Demonstrationen gegen das autoritäre System.

Der kurze Frühling endet in den frühen Morgenstunden des 4. Juni 1989. Die Straßenlampen auf dem Platz werden ausgeschaltet, und Truppen rücken vor. Dann eröffnen die Soldaten das Feuer. Es ist ein Blutbad. Panzer zermalmen die Zelte und die Freiheitsstatue. Um die Welt geht das Bild eines Manns mit Plastiktüte in der Hand, der sich den Panzern in den Weg stellt. Verzweifelt ruft er: "Warum seid ihr hier? Ihr habt nichts anderes getan, als Unglück über uns zu bringen."

Die Panzer fahren um ihn herum, doch das ist die Ausnahme. Hunderte sterben, erschossen von den Soldaten der Volksbefreiungsarmee. "Als die Panzer weg waren, blieben nur Tote zurück. Dann kamen Soldaten, um die Leichen mit Benzin zu verbrennen", berichtet eine Studentin. "Ich selbst habe gesehen, wie Polizisten in einen Krankenwagen gestürmt sind, um alle Verletzten darin zu erschießen."

Ein Land des Widerspruchs

Mit den Studenten stirbt die Hoffnung auf Demokratie. Zwar geht die wirtschaftliche Öffnung weiter, der 87-jährige Deng unternimmt 1992 sogar noch einmal eine symbolische Reise in die gedeihenden kapitalistischen Hochburgen Shanghai und Shenzhen. Vom Einparteienstaat aber rückt das Zentralkomitee nicht ab.

Deng Xiaoping stirbt 1997, sein Kurs gilt bis heute. So ist China zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach über 2000 Jahren Kaisertum und 60 Jahren Kommunismus, ein Land des Widerspruchs. Mit Reichtum, Wolkenkratzern, der Gelegenheit zu Auslandsreisen - aber zensiertem Internet, Verhaftungen und Hinrichtungen. Chinesen können sich heute gefahrlos im Restaurant über die Politik der Kommunistischen Partei unterhalten - eine eigene zu gründen bleibt ihnen verboten.

Nur einmal scheinen sich Volk und Partei tatsächlich nah zu sein. Es ist der 13. Juli 2001. Hunderttausende haben sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens versammelt und schwenken rote Fahnen. Für die meisten kein Symbol mehr des Kommunismus, sondern der chinesischen Nation. Gespannt verfolgen sie eine Abstimmung in Moskau. Dort tagt das Internationale Olympische Komitee. Kurz nach 23 Uhr Ortszeit verkündet IOC-Präsident Samaranch die Entscheidung: Peking bekommt die Spiele 2008. Hunderttausende jubeln, selbst die Mitglieder des Politbüros mischen sich unters Volk. Das Projekt Olympia beginnt mit Freude und Hoffnung.

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