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50 Jahre Kuba-Revolution: Unkaputtbarer Tropensozialismus

Es grenzte schon an ein Wunder, dass Fidel Castro mit ein paar Männern die Macht im bis dahin unbedeutenden Kuba an sich reißen konnte. 50 Jahre ist das her, und seitdem hat der "Maximo Lider" allen kleinen und großen Krisen getrotzt. Sein Tropensozialismus ist bis heute vor allem eines: ein Triumph des Überlebenswillens.

Von Toni Keppeler, Havanna

Was war Kuba schon vor Castros Revolution? Die größte Insel in der Karibik, die letzte spanische Kolonie in der Neuen Welt und danach ein Bordell- und Vergnügungsviertel für Showstars und Mafiosi aus den USA. Weltpolitisch war Kuba unbedeutend. Das hat sich in der Nacht auf den 1. Januar 1959 schlagartig geändert. Die bärtigen Rebellen aus dem Gebirge der Sierra Maestra hatten nach nur zwei Jahren Guerillakrieg den Präsidenten Fulgencio Batista zermürbt. Der von den USA gehätschelte Diktator floh und Fidel Castro begann, Kuba nach seinem Willen umzukrempeln.

Es war ein Fanal; ein Beispiel für andere Befreiungsbewegungen in der ganzen armen Welt. Es war der Beweis, dass ein Sieg möglich ist. Ja, dass man sogar einen sozialistischen Staat nur wenige Kilometer vor der Küste der Vereinigten Staaten errichten kann und das mitten im Kalten Krieg.

Die "Kuba-Krise"

Drei Jahre später, im Oktober 1962, hat dieser Beweis die Welt fast in einen atomaren Krieg gestürzt. Mit der Erlaubnis von Castro stationierte die damalige Sowjetunion atomare Mittelstreckenraketen auf der karibischen Insel, eine Bedrohung, die sich die USA nicht gefallen ließen. Ein Machtpoker begann zwischen Washington und Moskau. John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow spielten schon mit dem roten Knopf, der ein atomares Höllenfeuer hätte auslösen können. Sie einigten sich in letzter Minute - hinter dem Rücken von Fidel Castro. Die Sowjetunion zog die Raketen ab. Fidel Castro war erzürnt. Er hätte weiter gepokert und einen dritten Weltkrieg in Kauf genommen. Man nannte diesen Raketen-Streit die "Kuba-Krise".

Castro ist nur der Staatschef eines kleinen Landes mit gerade einmal elf Millionen Einwohnern. Seit dieser Krise aber ist er eine weltpolitische Figur von Gewicht. Ein kleiner David, der dem Riesen Goliath vor der Haustür seit 50 Jahren furchtlos die Stirn bietet. Das mag wahnwitzig sein; aber es ist gerade dieser Wahnwitz, der Castro so faszinierend macht und der seine Geschichte von Anfang an begleitet.

Sein erster Umsturzversuch war ein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen. Im Morgengrauen des 26. Juli 1953 wollte der junge Anwalt zusammen mit rund hundert kaum militärisch trainierten Verschwörern die Moncada-Kaserne in Santiago de Kuba einnehmen und mit diesem Signal einen Volksaufstand auslösen. Der Überfall scheiterte kläglich. Castro kam ins Gefängnis, wurde später begnadigt und ging nach Mexiko ins Exil.

Ein Triumph des Willens

Auch sein zweiter Angriff auf Batista trug am Anfang tragikomische Züge: In der für höchstens zwanzig Passagiere gebauten Ausflugsjacht "Granma" setzte er mit über 80 Rebellen samt Bewaffnung bei stürmischer See von Mexiko nach Kuba über. Dass sie nicht untergingen, grenzt an ein Wunder. Die Landung am 2. Dezember 1956 war eher ein Schiffbruch. Nicht einmal 20 Guerilleros überlebten den Empfang durch die Armee des Diktators. Wer hätte dieser Gruppe aus Desperados zugetraut, dass sie zwei Jahre später siegreich in Havanna einzieht? Sie tat es. Ein Triumph des Willens. Die allermeisten Kubaner lagen Castro zu Füßen.

Er zeigte auch später, dass er ein ganzer Kerl war. Als im April 1961 eine von Exilkubanern zusammengestellte und von der US-Regierung finanziell und logistisch unterstützte Söldnertruppe in der Schweinebucht landete, um das Castro-Regime zu stürzen, da eilte Fidel höchst selbst an die Front. Vor dem Museum der Revolution steht noch heute ein sowjetischer Panzer aus dieser Zeit. Der Legende nach hat Castro mit einem selbst abgefeuerten Schuss aus diesem Kriegsgerät das vor der kubanischen Küste liegende Versorgungsschiff "Houston" versenkt. Tatsächlich gibt es Fotos aus dieser Schlacht, auf denen der Kriegsherr flink von einem solchen Panzer springt. Nach zwei Tagen war der Invasionsversuch zurückgeschlagen.

Auf Kuba herrscht Kriegswirtschaft

Seither herrscht auf Kuba Kriegswirtschaft. Seither werden Dissidenten wie Vaterlandsverräter behandelt und nach Belieben eingesperrt. Von den großen Zielen aber, die Castro den Kubanern einst versprach, hat er nur zwei tatsächlich erreicht: ein flächendeckendes Gesundheits- und Bildungssystem, gratis für alle und vorbildlich in Lateinamerika. Selbst einem Vergleich mit den USA hält es locker Stand. Aber eigentlich wollte Castro den Kubanern auch innerhalb weniger Jahre den Lebensstandard der Vereinigten Staaten bescheren. Davon ist die sozialistische Insel noch immer Meilen weit entfernt. Das Überleben der Kubaner ist gesichert, aber mehr auch nicht. Ein Arzt verdient gerade einmal 25 Euro im Monat. Davon lässt sich in einer subventionierten Wohnung mit subventionierten Lebensmitteln leben. Aber wer auch nur den geringsten Luxus will, braucht Verwandte im Ausland, die Geld schicken. Oder einen Job im Tourismus, wo es Trinkgeld in harter Währung gibt.

Castro hat die Schuld für diese Misere immer auf die USA geschoben. Tatsächlich tragen die mit einem auch schon bald 50 Jahre dauernden Wirtschaftsembargo einen guten Teil der Verantwortung. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte sind Misswirtschaft und sozialistischer Schlendrian. Castro lavierte sich immer durch. Nach der Schweinebucht-Invasion liebäugelte er mit Moskau, nach der Kuba-Krise mehr mit Peking und dann landete er doch in den starken russischen Armen. Die Sowjetunion hat seinen Tropensozialismus Jahrzehnte lang subventioniert. Der Stachel im Fleisch der USA war ihr Milliarden wert. Dann brach das Sowjetreich zusammen und in Kuba das große Elend aus. Spätestens im Sommer 1994, als sich zehntausende Kubaner auf Flößen ins Meer stürzten und verzweifelt versuchten, Florida zu erreichen, das setzte kaum einer mehr einen Cent auf das Überleben des Castro-Regimes.

Castro der Überlebenskämpfer

Doch Fidel meisterte selbst diese Krise. Er führte den US-Dollar als Zweitwährung ein und öffnete das Land für marktwirtschaftliche Experimente. Die vorher gegängelten und mit sozialistischer Planwirtschaft eingeschläferten Kubaner sollten plötzlich Initiative zeigen. Das funktionierte. Und es zeigte zugleich: Fidel Castro ist kein orthodoxer Marxist, sondern zu allererst ein Überlebenskämpfer. Sein wichtigstes Ziel ist die Unabhängigkeit Kubas, vor allem von den USA. Weil er sich darin mit den allermeisten Kubanern einig ist, ertragen sie ihn bis heute.

Vor zweieinhalb Jahren verschwand er aus der Öffentlichkeit. Eine schwere Darmoperation kostete ihn fast das Leben. Auf den Fotos, die seither von ihm veröffentlicht wurden, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Raúl kümmert sich nun um die Regierungsgeschäfte. Er macht das viel leiser als der Alte, ohne dessen oft stundenlangen Reden. Er setzt nicht alles auf eine Karte wie Fidel, der zuletzt in Venezuela einen neuen Sponsor gefunden hatte. Raúl sucht auch Kontakte nach Russland, nach China und nach Brasilien. Er hat sogar Barack Obama Gespräche angeboten. Er öffnet ganz vorsichtig die Wirtschaft, kontrolliert aber weiter die Politik.

Fidel ist nur noch im Hintergrund da. Mindestens einmal in der Woche schreibt er eine Kolumne im Parteiblatt Granma, hält sich dabei aber aus der Innenpolitik heraus. Öffentlich präsent ist er nur auf den riesigen Plakaten, die das Jubiläum der Revolution feiern. Das ist neu. Fidel war immer nur als Redner präsent. Einen Personenkult mit Statuen und Plakaten gab es nicht. Doch nun, 50 Jahre nach dem Beginn seiner Revolution, wird er vom Staatsmann zur Staatsikone erhoben.