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Äthiopien, Dezember 2020 Vertrieben und auf der Flucht: Was ist das nur für ein Leben?

Habrehaly, 21, entkam schwer verletzt. 
In seinem Heimatort 
gab es nach einem 
Massaker durch ­
Tigrayer blutige Rache
Habrehaly, 21, entkam schwer verletzt. 
In seinem Heimatort 
gab es nach einem 
Massaker durch ­
Tigrayer blutige Rache
© Olivier Jobard/MYOP
Die meisten sind Kinder und Frauen: Flüchtlinge geben dem unsichtbaren Krieg ein Gesicht, den Friedensnobelpreisträger und Premier Abiy Ahmed in Äthiopiens Provinz Tigray gegen die alten Machthaber führt.
Von Charles Emptaz und Uli Rauss

Der Mann ist 21 Jahre alt, er ist muskulös, Kampfalter. Er hockt in einem fensterlosen Zementbau im Aufnahmelager für Flüchtlinge im Sudan. Er nennt sich Habrehaly. Die Kranken schlafen hier in Schichten, es gibt zu wenig Matratzen, aber immerhin ein Dach. Das Camp ist für 300 Menschen angelegt, nun mussten hier 30.000 Kriegsflüchtlinge notversorgt werden, fast alle im Freien. Der Mann hat tiefe Wunden am Kopf, man sieht es, wenn die Mullbinde gewechselt wird. Das Atmen schmerzt. Der Doktor im Lager, selbst Flüchtling aus Tigray, hat innere Blutungen diagnostiziert. Er sagt, der Mann werde eine Hand verlieren.

Habrehaly erzählt seine Geschichte. Er kommt aus Mai-Kadra. Mit dicken Stangen hätten sie ihn zusammengeschlagen. Und dann mit einer Spitzhacke, bis er bewusstlos wurde: "Sie dachten, sie hätten mich totgeschlagen." Sie? "Die Amharer, die Jugendgangs. Sie haben gezielt nach mir gesucht." Warum gezielt? "Sie beschuldigten mich, Mitglied der Miliz der Verteidiger der Stadt zu sein." War er denn bei dieser Miliz? "Sie nutzten das als Vorwand, um mich zu lynchen. Sie wollen alle Tigrayer töten."

#weileswichtigist

Das Virus hat in diesem Jahr unseren Alltag geprägt – und unsere Berichterstattung. Zwischen Corona, Trump und den US-Wahlen blieb wenig Raum für andere Themen. An einige möchten wir mit #weileswichtigist erinnern: an Menschen, die im Krieg leben, in Armut oder auf der Flucht. Die Idee zu diesem Rückblick entstand in Zusammenarbeit mit dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy. Er hat dieses spezielle Jahr genutzt, um aus verschiedenen Ländern zu berichten. Seine Reportagen führen uns in Kriegs- und Krisengebiete, es geht um Menschen und um das, was sie verbindet. Wir ergänzen seine Texte durch Auslands-Reportagen unserer Kolleginnen und Kollegen. Über die Stiftung stern können Sie ausgewählte Hilfsorganisationen unterstützen.

Mai-Kadra: Ort eines Massakers mit Hunderten Toten

Viele Geschichten im Aufnahmelager Hamdayet klingen so. Erlebtes, Hörensagen, der ganze Schrecken, es hilft zu reden. Manches klingt wie politische Propaganda. Redet einer im Lager mit einem Weißen, ist er schnell umringt. "Erzähl ruhig", hört man bisweilen aus dem Kreis der Zuhörer, "erzähl vom Genozid." Die Flüchtlinge hier sind eine monoethnische Gruppe. Nur Tigrayer sind da. Äthiopier, die Jahrzehnte regiert wurden von der TPLF, der "Volksbefreiungsfront" von Tigray, einer autoritären Kaderpartei. Im September erst bekam sie bei Provinzwahlen in Tigray angeblich 98 Prozent der Stimmen.

Wasserholen im sudanesischen Übergangslager Hamdayet 
dauert Stunden und ist Aufgabe der Mädchen
Wasserholen im sudanesischen Übergangslager Hamdayet 
dauert Stunden und ist Aufgabe der Mädchen
© Olivier Jobard

Fest steht, dass die Menschen hierhergeflüchtet sind, weil sie um ihr Leben fürchteten. Dass sie Hilfe brauchen. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Von einem Tag auf den nächsten ließen Familien alles zurück, Häuser, die Ernte, den Status. Viele sind Ärzte, Lehrerinnen, Buchhalter, Bankangestellte. Etliche tragen ein Kreuz um den Hals, orthodoxe Christen. Manch einer versteht die Flucht seiner Volksgruppe als Exodus von biblischem Ausmaß. Bilder zeigen, wie sie ermattet in Booten über den smaragdgrünen Grenzfluss kommen und in das Lager ziehen, das auf einem Felsplateau liegt.

Habrehaly kommt aus Mai-Kadra, einem Ort zehn Kilometer Luftlinie jenseits der Grenze, 40.000 Einwohner. Mai-Kadra steht inzwischen für ein Massaker mit Hunderten Toten. Menschen wurden erstochen und zerhackt, mit Messern und Macheten. Es ist eines der wenigen Geschehnisse in diesem Krieg, das trotz Kommunikations-Blackout ansatzweise als erwiesen gilt. Amnesty International brachte es nach Auswertung von Fotos, Videos, Aussagen ans Licht, ohne die Täter eindeutig zu benennen.

In der Abenddämmerung kocht eine Mutter. Bevor die UN-Hilfsmaschinerie anläuft, müssen viele im Freien schlafen
In der Abenddämmerung kocht eine Mutter. Bevor die UN-Hilfsmaschinerie anläuft, müssen viele im Freien schlafen
© Olivier Jobard/MYOP

Eingekesselt in der Stadt

Doch die Opfer waren keine Tigrayer wie der Schwerverletzte Habrehaly. Es waren Männer einer anderen Ethnie, viele von ihnen Erntehelfer aus der Nachbarprovinz Amhara. Beide Volksgruppen streiten seit Jahrzehnten um Ackerland im Westen des Tigray. Als Verbündete der Nationalarmee kontrollieren nun amharische Milizen das Gebiet. Die Regierung in Addis Abeba ließ vier Tage nach dem Massaker ein Team der nationalen Menschenrechtskommission nach Mai-Kadra, die ein Jurist mit Oxford- Promotion leitet, zuvor Experte bei Human Rights Watch. Was sein Team dokumentierte, passt zum Amnesty-Bericht.

Wie jedes Jahr kommen im Herbst, zur Erntezeit, Hunderte Saisonarbeiter aus der Nachbarprovinz Amhara nach Mai-Kadra auf die Hirse- und Sesamfarmen am Ortsrand. Die meisten Erntehelfer wohnen im Viertel Gemb Sefer. Jeweils ein Dutzend teilt sich eine Mietunterkunft.

Spendenaufruf

Den äthiopischen Flüchtlingen im Sudan fehlt alles – von Nahrung bis zur medizinischen Versorgung. Wir leiten Ihre Hilfe weiter. Bitte spenden Sie an: IBAN DE9020070000 0469950001 – BIC DEUTDEHHXX – Stichwort „Äthiopien“; www.stiftungstern.de

Am 4. November, fünf Tage vor dem Massaker, setzt Premierminister Abiy Ahmed seine Armee in Marsch auf Tigray. Die Provinz wird abgeriegelt. Telefonleitungen und Internet, Strom- und Wasserversorgung werden gekappt. Militärs der Regionalarmee von Tigray werden aus Mai-Kadra verlegt, die Stadt kontrollieren nun Ortspolizei und Verwaltungsmiliz, Tigrayer. Für die Erntehelfer aus Amhara wird ein Arbeits- und Ausgehverbot verhängt. Ausfahrtstraßen werden gesperrt. Junge Männer besetzen Kontrollposten. Sie gehören zu einer Jugendgruppe der Tigray namens Samri.

"Ein koordiniertes Kriegsverbrechen"

Am 9. November um elf Uhr beginnt die Lokalpolizei im Viertel Gemb Sefer, Personalausweise auf die ethnische Herkunft der Inhaber zu überprüfen. Sie kontrolliert Handys, um zu sehen, ob die Kontaktsperre umgangen wurde. Am frühen Nachmittag bringt man tigrayische Frauen und Kinder aus dem Ort. Um 15 Uhr wird ein Ex-Milizionär, der sich nicht rekrutieren lassen will, hingerichtet und verbrannt. Das ist der Startschuss. Die Samri-Männer ziehen von Haus zu Haus, Straße zu Straße. Aufgeteilt in Gruppen von 20 bis 30 Mann, jede begleitet von drei oder vier Polizisten. Sie morden mit Stöcken, Macheten, Beilen. Sie schleifen Opfer mit Seilen um den Hals durch die Straßen. Polizisten und Milizionäre, postiert an Straßenkreuzungen, schießen auf die Amharen, die versuchen zu fliehen. Wer es dennoch schafft, wird durch die Felder im Hinterland gejagt. Frauen und Kinder werden verschont.

Die Täter sind am nächsten Morgen fort, als Kräfte der Nationalarmee gegen zehn Uhr in Mai-Kadra einrücken. Überall Leichen. Bei der Handelsbank, vor allem entlang der Straße nach Humera. Ein Bestattungsausschuss wird eingesetzt, man braucht drei Tage für etwa 600 Tote. Überlebende schildern, wie eine tigrayische Frau 13 amharische Erntehelfer rettete. Sie versteckte sie in ihrem Haus, führte sie über Schleichwege zu einem Bauernhof und hielt die ganze Nacht dort Wache.

Erschöpft erreicht eine Familie die 
sichere Seite des Grenzflusses im Sudan. Helfer 
mit Eseln bieten 
Trägerdienste an
Erschöpft erreicht eine Familie die 
sichere Seite des Grenzflusses im Sudan. Helfer 
mit Eseln bieten 
Trägerdienste an
© Olivier Jobard

Die Menschenrechtskommission beschreibt in ihrem vorläufigen Bericht ein Kriegsverbrechen, das "vorsätzlich und sorgfältig koordiniert" worden sei. Sie warnt auch, dass sich noch fünf Tage danach Menschen in den Feldern der Umgebung von Mai-Kadra versteckten – Tigrayer, voller Angst vor Vergeltung. Berichte aus den UN-Lagern im Sudan legen nahe, dass es tatsächlich zu massiven Gewaltverbrechen an Tigrayern kam. Dazu zählen wohl Taten, die Habrehaly beschreibt. "Fanos" waren es, sagt er im Lager in Hamdayet mit leerem Blick. Fanos sind eine Jugendmiliz von Amharen.

Ein Pulverfass an Konflikten

Der Krieg um Tigray, der Feldzug von Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed gegen die alten Machthaber im Land, hat den Blick der Welt auf ein ethnisches Pulverfass gerichtet. Er lässt ahnen, welche Konflikte schwelen im Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen 115 Millionen Einwohnern und 80 Volksgruppen – einem Land, das für die Stabilität am Horn von Afrika und in der Region am Roten Meer enorme Bedeutung hat. Es ist Gastgeberland der Afrikanischen Union, strategischer Partner des Westens bei der Terrorismusbekämpfung. China hat zu TPLF-Zeiten massiv in Äthiopien investiert.

Es waren mehrjährige Straßenproteste, Ausnahmezustände, Massenverhaftungen, die Premierminister Abiy Ahmed 2018 an die Macht brachten. Angeführt wurden die Demonstrationen von den beiden größten Ethnien, den Oromo und Amharen. Wegen niedriger Löhne wurden in Oromia, unweit der Hauptstadt, Fabriken und Blumenfarmen niedergebrannt. Abiys Ernennung zum Regierungschef verschaffte dem Land eine Atempause.

Zum Entsetzen der alten Garde läutete sie auch das Ende der Vormacht der Tigrayer ein. Sie stellen nur sechs Prozent der Bevölkerung, hatten aber das Land seit 1991 in einem "Volksfront"-Bündnis regiert. Die TPLF kontrollierte Wirtschaft, Politik, Militär und schwächte die Regionalstaaten. Abiy Ahmed, Sohn eines Oromo und einer Amhara, hatte in diesem repressivem System Karriere gemacht, beim Militär, im Geheimdienst, als Minister. Er versprach dramatische Reformen und Demokratie. "Die kommende Zeit in Äthiopien wird eine Zeit der Liebe und Vergebung sein", sagte er in seiner Antrittsrede.

Hoffnungsträger: Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed mit dem Friedensnobelpreis
Hoffnungsträger: Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed mit dem Friedensnobelpreis
© Royalfoto

Abiy Ahmed: zunächst ein Hoffnungsträger

Er entließ die politischen Gefangenen, holte Oppositionelle aus dem Exil, unter ihnen ethno-nationalistische Militante. Er beendete den verheerenden Grenzkonflikt mit dem Erzfeind Eritrea, er umarmte dessen Diktator. Er öffnete Staatsunternehmen für Privatinvestoren, arbeitete mit der Weltbank. Er war beliebt. Er wurde verehrt. "Sie repräsentieren eine neue Generation afrikanischer Führer, die erkennen, dass bewaffnete Konflikte und ethnische Feindseligkeiten mit friedlichen Mitteln gelöst werden müssen" – mit diesen Worten wurde ihm vor einem Jahr in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen.

Doch mit den neuen Freiheiten wurden Kräfte entfesselt, die alte Spannungen schürten. Regionalstaaten pochten auf Zugang zu Ressourcen und mehr Einfluss für die eigene Volksgruppe. Scharfmacher dämonisierten Minderheiten und die ethnische Konkurrenz. Eine Art regionaler Ethno-Nationalismus entstand. Es kam zu Lynchmorden, massenhaften Vertreibungen. Zeitweise hatte Äthiopien drei Millionen Binnenvertriebene. Abiy reagierte mit Härte. Er steckte Tausende zur Umerziehung in Lager, Oppositionspolitiker und Journalisten wurden festgenommen. All das warf Schatten auf seinen bisherigen Glanz.

Alte Garde: Debretsion Gebremichael 
organisiert in Tigray den Widerstand
Alte Garde: Debretsion Gebremichael 
organisiert in Tigray den Widerstand
© Shutterstock

Anfang Dezember, einen Monat nach dem Einmarsch, erklärte der Regierungschef den Sieg in der Provinz Tigray und das Ende der Militäroperation. Die "kriminelle Clique" der "Junta" in Tigray werde weiter verfolgt. Abiy Ahmed widerstand allen Forderungen der internationalen Gemeinschaft nach einer politschen Lösung, allen Warnungen vor einer humanitären Katastrophe. Doch immer wieder flackern Kämpfe auf. Die Zukunft in Tigray bleibt so ungeklärt wie die des ganzen Landes. Für Mitte 2021 werden Wahlen für das Nationalparlament erwartet, die Abiy Ahmed wegen der Pandemie in diesem Jahr verschoben hatte. Der Wahlkampf und die Wahlen gelten als Riesenherausforderung.

Die Regierung veröffentlichte Fotos, auf denen Soldaten die "Befreiung" Tigrays feierten
Die Regierung veröffentlichte Fotos, auf denen Soldaten die "Befreiung" Tigrays feierten
© dpa

Ein Leben mit einer Kennummer auf einem weißem Armband

Die Regierung in Addis Abeba hat zugesagt, internationale humanitäre Hilfe in die von ihr kontrollierten Gebiete von Tigray zu verlegen. Schon vor den Kämpfen waren dort 600.000 Menschen auf Nahrungsmittelhilfen von außen angewiesen. Die Lebensmittelvorräte für 96.000 eritreische Flüchtlinge im Tigray waren vergangene Woche nahezu aufgebraucht. Die internationale Hilfsmaschinerie ist zunächst für die Vertriebenen im Sudan angelaufen. Aus den Logistiklagern des UN-Flüchtlingshilfswerks in Dubai und Nairobi treffen Frachtmaschinen in der Hauptstadt Khartum ein, mit Familienzelten, Decken, Solarlampen und Moskitonetzen an Bord.

Die 47.000 Flüchtlinge in den Transitlagern an der Grenze zur Provinz Tigray werden auf Geheiß der sudanesischen Regierung ins Landesinnere geschafft. Zwölf Stunden Fahrt in alten Bussen sind es vom Aufnahmelager Hamdayet bis nach Um Rakuba. 11.000 sind mittlerweile dort angekommen. Erst hier wird vielen langsam bewusst, was es bedeutet, mit einer Kennnummer auf weißen Armbändern vom UNHCR zu leben.

Drei Tagesmärsche liegt die nächste Stadt entfernt: Mitten in der sudanesischen Einöde wächst das Flüchtlingscamp Um Rakuba
Drei Tagesmärsche liegt die nächste Stadt entfernt: Mitten in der sudanesischen Einöde wächst das Flüchtlingscamp Um Rakuba
© Olivier Jobard

Die Bedingungen sind hart in der Ödnis von Um Rakuba. Kinder klatschen Beifall, als schwarze Schiefertafeln für ihre Schule im Lager angeliefert werden, mit denen Helfer aus Norwegen ihnen so etwas wie Normalität vermitteln wollen. Neben einer Reihe Zelte stehen Menschen für Essen an, das anders schmeckt als das Essen zu Hause in Tigray. Erst hier, fernab von jeder Stadt, irgendwo im Nichts, dämmert den meisten, dass das jetzt ihr Leben ist. Für Monate mindestens, vielleicht für Jahre.

Einer erzählt, dass er schon mal hier gewesen ist in Um Rakuba. Berhan Halie heißt er, ein Bauer mit grauem Bart, 65 Jahre alt. Er lehnt sich im Schatten gegen eine Schaumstoffmatte. "Das erste Mal kam ich 1985 hierher, auf der Flucht vor der Hungersnot", sagt er. Damals, als fast eine Million Menschen in Tigray und im Norden Äthiopiens starben und die Bilder abgemagerter Kinder die Welt schockierten. "Und jetzt bin ich hier wegen des Krieges", sagt Berhan. Was ist das nur für ein Leben?

Erschienen in Stern 51/2020

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