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Anschlag auf Mädchenschule "Die Angst wird da sein": Schülerin aus Kabul gelobt nach Massaker Rückkehr in ihre Klasse

In einem Krankenhaus in Kabul werden Opfer des Massakers vor einer Mädchenschule behandelt
Opfer des Massakers vor einer Mädchenschule in Kabul werden in einem Krankenhaus behandelt
© Haroon Sabawoon / Picture Alliance
Terroristen haben am Wochenende vor einer Mädchenschule in Kabul drei Sprengsätze gezündet und dabei Dutzende Schülerinnen ermordet. Die 17-jährige Arifa will trotzdem weiterlernen.

Es war der erste große Anschlag in Afghanistan, seit die internationalen Truppen Anfang Mai damit begonnen haben, das Land zu verlassen. Am Samstagnachmittag waren nahe des Eingangs einer großen Mädchenschule im Westen von Kabul innerhalb von wenigen Minuten eine Autobombe und zwei Minen explodiert – gerade, als der Unterricht zu Ende ging und Hunderte Kinder aus dem Gebäude strömten.

Mehr als 50 Menschen starben bei dem Anschlag, Augenzeugen zufolge waren ein großer Teil von ihnen junge Mädchen unter 16 Jahren. Das Büro des Vizepräsidenten Sarwar Danisch erklärte am Montag ohne weitere Angaben, die Zahl der Todesopfer liege gar bei 85. Mindestens 100 weitere Personen erlitten Verletzungen. "Ich fand mich inmitten von Leichen wieder, deren Hände und Köpfe abgetrennt und Knochen zertrümmert waren", schilderte Mohammed Taki, dessen beide Töchter das Massaker überlebten, die Situation vor der Schule kurz nach den Detonationen.

Islamisten lehnen Frauenbildung ab

Noch ist unklar, wer das Attentat in dem mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadtteil verübt hat. Die militant-islamistischen Taliban bestreiten eine Beteiligung, die sunnitischen Terroristen des sogenannten Islamischen Staates schweigen bislang und auch keine andere radikale Gruppierung hat sich bislang zu der Tat bekannt.

Auch die 17 Jahre alte Arifa fragt sich, wer die Bombenleger waren. Sie hat das Massaker überlebt und liegt mit 59 weiteren Opfern verletzt in einem nicht weit vom Anschlagsort entfernten Krankenhaus. Sie wisse auch nicht genau, warum jemand ihre Schule angreifen sollte, erzählt sie Richard Engel vom US-Sender NBC an ihrem Krankenbett: "Vielleicht, weil sie nicht wollen, dass wir studieren und uns weiterbilden und vorankommen."

Islamistische Milizen in Afghanistan lehnen Bildung von Mädchen und Frauen ab. Als die Taliban vor der US-geführten Invasion 2001 über das Land herrschten, war es ihnen verboten, Schulen zu besuchen. Seither haben sich die Amerikaner und ihre westlichen Verbündeten für das Recht von Mädchen auf Schulbildung eingesetzt. Viele Menschen befürchten nun, dass die Frauenrechte nach dem Abzug der ausländischen Truppen bis September dieses Jahres wieder deutlich eingeschränkt werden.

Doch Arifa, die Ärztin werden möchte, will sich weder durch die Ermordung ihrer Mitschülerinnen noch durch böse Vorahnungen vom Lernen abbringen lassen. "Die Angst wird da sein, aber ich werde mein Studium fortsetzen", versichert sie NBC-Reporter Engel.

Dass diese Angst begründet ist, hat auch die Bundesregierung erkannt: Das eigentliche Ziel des Angriffs auf die Schule, der "nicht bösartiger und nicht niederträchtiger hätte sein können", sei eine afghanische Gesellschaft, "in der Mädchen und Frauen Bildungschancen haben sollen, die die Terroristen und ihre Hintermänner ihnen vorenthalten wollen", stellte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin fest.

Und Außenminister Heiko Maas warnte bei einem Treffen mit seinen Amtskollegen aus der EU vor Zugeständnissen an Extremisten in Afghanistan. Die finanzielle Hilfe für das Land sei daran gebunden, dass die Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre in Bereichen wie Staatswesen, Frauenrechte und Bildungswesen nicht geopfert würden, betonte der SPD-Politiker. Darauf werde man gegenüber den Verantwortlichen in Kabul weiter hinweisen.

Quellen: NBC, Sky, DPA


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