Afghanistan Tod am Hindukusch


60.000 Soldaten aus 40 Nationen kämpfen in Afghanistan gegen die Taliban. Solange aber Pakistan die Kämpfer im Grenzgebiet gewähren lässt, bleibt der Nato-Truppe ein durchschlagender Erfolg verwehrt. Sie muss sich damit begnügen, ihre Toten zu zählen.
Von Fidelius Schmid, Kabul

Zwei frisch gestrichene weiße Blechcontainer mit Fenstern leuchten in der Sommersonne. Rund um einen Gedenkstein hat jemand Topfpflanzen in den Kies gestellt. Drei Flaggen hängen regungslos in der Windstille - fast idyllisch liegt der kleine Komplex am Khaibarpass zwischen Afghanistan und Pakistan unter dem wolkenlosen Himmel, angeschmiegt an die Berge des Hindukusch.

Der Krieg scheint weit weg zu sein. Doch er ist nah. Durch die malerische Bergwelt am Khaibarpass knattern zwei Militärhubschrauber. Amerikanische Soldaten in Kampfanzügen laufen auf und ab. "Seid Ihr hier beschossen worden?", fragt John Craddock. Keine 100 Kilometer entfernt von hier haben Aufständische aus Pakistan einen amerikanischen Vorposten überfallen. Neun US-Soldaten starben. Die internationale Afghanistan-Schutztruppe Isaf räumte den Posten.

Craddock ist ein zierlicher Mann mit randloser Brille, weißen Haaren und vier Sternen an der Knopfleiste seines Tarnanzugs. Er ist der Oberkommandierende der Nato. Normalerweise sitzt er im belgischen Casteau. Einmal im Monat fliegt er nach Afghanistan. Jetzt ist er hier, weil der Krieg des Westens gegen al-Kaida und die Taliban entlang der Grenze zu Pakistan besonders schlecht läuft.

Ein Symbol für den Krieg des Westens in Afghanistan

40.000 Mann umfasst die von der Nato geführte Schutztruppe Isaf inzwischen - doch das hilft wenig, denn der Gegner verkriecht sich immer mehr in den unkontrollierten Tälern jenseits der Grenze und schlägt von dort zu. Mit Sprengfallen, Scharmützeln und Selbstmordanschlägen. Dagegen sollen nun die Blechcontainer helfen. In ihnen surren Klimaanlagen, der Teppich riecht nach Sagrotan, Flachbildschirme übertragen Aufklärungsvideos, Satellitenbilder und Nachrichtenkanäle. Feinste Technik, alles neu. Seit Ende März gibt es den ersten gemeinsamen Koordinationsposten von Nato, Afghanistan und Pakistan. Insgesamt sechs solcher Stationen soll es bald geben, damit sich die drei Armeen beim Kampf gegen die Taliban in der Grenzregion besser absprechen können.

Doch die Station ist auch so etwas wie ein Symbol für den Krieg des Westens in Afghanistan: Zusammen mit dem amerikanischen Antiterroreinsatz schicken 40 Nationen 60.000 Soldaten in ein Land, das so groß ist wie Deutschland und Italien zusammen und für dessen Kontrolle nach Berechnungen des US-Militärs mindestens 400.000 Mann nötig wären. Über 700 Kilometer Gebirge sind zu überwachen - allein im amerikanischen Sektor im Osten Afghanistans. Da werden auch sechs gemeinsame Koordinationszentren nicht viel helfen "Es ist noch nicht ausgereift. Aber es ist ein Anfang", sagt Craddock.

Pakistanische Regierung hat ein Stillhalteabkommen mit den Taliban

Abhilfe könnte nur die pakistanische Regierung schaffen. Doch anstatt die Taliban in den Stammesgebieten zu bekämpfen, hat sie ein Stillhalteabkommen mit ihnen geschlossen. Dagegen ist auch der oberste Kommandeur des mächtigsten Militärbündnisses der Welt machtlos. Craddock muss hoffen, dass der diplomatische Druck auf die Machthaber in Islamabad groß genug wird. Aber auf etwas zu hoffen, das man selbst nicht beeinflussen kann, ist ein Albtraum. Nicht nur für einen General.

Seit Anfang des Jahres sind die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen den Taliban und der Schutztruppe drastisch in die Höhe geschnellt. Die radikalen Islamisten sprengten Hunderte Aufständische aus einem Gefängnis in Kandahar frei, überfielen das Hotel des norwegischen Außenministers und beschossen Ende April eine Militärparade - Präsident Hamid Karsai überlebte. Im Mai und Juni starben in Afghanistan erstmals mehr westliche Soldaten als im Irak. Die Anzahl der Opfer für dieses Jahr nähert sich rapide der Zahl 150. An allen drei Tagen, die Craddock Ende Juli in Afghanistan verbringt, stirbt ein Isaf-Soldat.

"Man braucht Zeit, um einen Aufstand zu besiegen"

"Die Aufständischen gewinnen nicht in Afghanistan", sagt David McKiernan dennoch tapfer. McKiernan ist der Oberkommandierende der Isaf-Truppen in Afghanistan und damit Craddocks Statthalter in Kabul. "Man braucht Zeit, um einen Aufstand zu besiegen", sagt er. Vor seinem Büro im Isaf-Hauptquartier in Kabul hat sich seine Truppe auf eine lange Präsenz eingerichtet. Es gibt einen Fußballplatz, ein Volleyballfeld, ein Thai-Restaurant und einen Garten, in dem gegrillt werden kann.

Die meisten der Soldaten hier erleben den Krieg nur indirekt - sie verlassen das Hauptquartier während ihrer sechsmonatigen Dienstzeit nur, um wieder nach Hause zu fahren. Die schlechten Nachrichten erkennen sie an den Flaggen. Werden sie auf Halbmast gesenkt, gab es Tote in den Reihen der Isaf. Bis vor ein paar Monaten senkten die Verantwortlichen die Flaggen für jedes Gefecht mit Gefallenen drei Tage. Jetzt bleiben sie nur noch einen Tag unten. "So wie es läuft, hätten wir die Fahnen sonst gar nicht mehr hissen können", sagt ein Soldat.

Auch Wiederaufbauprojekte sind in Gefahr

Von der Welt draußen, von der geschundenen Hauptstadt Kabul, kriegen die Soldaten nur wenig mit. 20 Jahre Bürgerkrieg haben ihre Spuren hinterlassen. Zwar verbergen sich im Villenviertel hinter meterhohen Mauern englische Rasenflächen und feine Häuser. Doch in ihrer Mitte liegen auch sieben Jahre nach dem Einmarsch des Westens ganze Straßenzüge in Trümmern. Mitten in diesem Chaos steht das Serena, ein Fünf-Sterne-Hotel wie eine Festung, in dem die Stühle im Konferenzraum mit weißen Tüchern überzogen sind und die Seife auf der Toilette aus Großbritannien importiert wird. Craddock sitzt auf einem der Stühle. Gerade hat er erfahren, dass die Taliban ihre Strategie geändert haben. Mal wieder. Erst verlegten sie sich auf Sprengfallen und Selbstmordattentate. Jetzt greifen sie auch Wiederaufbauprojekte an. "Die Annahme, wo eine Straße ist, ist der Taliban nicht mehr, gilt nicht mehr", sagt Craddock.

Doch mehr können seine Soldaten nicht mehr leisten. Und die Nato-Mitgliedsstaaten stellen nur ungern weitere Truppen ab. Bisher hat Craddock ja nicht einmal das zur Verfügung, was ihm bei ihrem Gipfel im April feierlich versprochen wurde. "In Bukarest haben die Staats- und Regierungschefs gesagt: Hey, wahrlich, wir stehen zu unseren Verpflichtungen in der Nato", poltert Craddock. Jetzt fehlen ihm 19 von 72 Ausbildungseinheiten für die afghanische Armee, die er braucht. Er hat Briefe geschrieben und telefoniert und allen Verteidigungsministern und allen Oberkommandierenden und allen Außenministern der 26 Nato-Mitgliedsstaaten gesagt: Er brauche Ausbilder, Truppen und Material. "Die Militärs sind aufgeschlossen, aber es gibt keinen politischen Willen, die Entscheidung zu treffen", sagt Craddock. "Das ist frustrierend." #

Das Thermometer zeigt 40 Grad

Weit entfernt vom klimatisierten Hotel, in der Wüste von Helmand, liegt so viel Staub in der Luft, dass einem die Zunge schon nach ein paar Atemzügen am Gaumen klebt. Das Thermometer zeigt 40 Grad, das ist wenig für die Gegend ein paar Kilometer von Garmsir am Helmand-Fluss. Sonst ist es hier auch gern einmal 50 Grad heiß. Zelte stehen im Staub, drumherum ein paar Hundert Meter mit Sand gefüllte Kunststoffbarrieren, Stacheldraht - Camp Barbe Dwyre ist der äußerste Punkt, an den die Truppen der Isaf vorgestoßen sind. Dahinter liegen Wüste und Mohnfelder: Taliban-Land, bis nach Quetta in Pakistan. Am Horizont wirbelt ein Sandsturm. Ein amerikanisches Marine-Platoon liegt unter ein paar aufgespannten Planen im Schatten. Niemand erhebt sich, als Craddock kommt. Es ist Krieg, nicht Parade. "Wie lange sind Sie noch hier?", fragt Craddock. "Bis Sie uns sagen, dass wir wieder gehen können, Sir", antwortet eine junge Soldatin. Alle lachen. Es ist ein erhebender Moment für Craddock. Die Marines haben Garmsir den Taliban entrissen. 35 Tage Schlacht mit über 1000 Mann; sie haben mehr als 400 Taliban getötet. Jetzt haben sie das Dorf eingenommen. Mit mehr Soldaten könnten die Truppen auch in Südafghanistan gewinnen. "Thank you, good work", sagt Craddock. Es ist auch ein ernüchternder Moment. "Ich glaube, entscheidend dafür, ob man gewinnt oder nicht, ist zu wissen, ob die Taliban einem Ort eine strategische Bedeutung beimessen", sagt der Marine Kent Hayes. "Das ist nicht so einfach zu beurteilen." Für ihn ist klar, dass der Westen nur mit sehr viel mehr Soldaten in Südafghanistan gewinnen kann. "Man braucht Masse, wie wir. Man muss ein Gebiet überwältigen, so kann man sich nach Süden am Helmand-Fluss entlang vorarbeiten."

"Die Lage ist nicht düster"

Soldaten für den gefährlichen Süden Afghanistans will kaum ein Staat bereitstellen. Frankreich schreckt davor zurück. Die Bundesregierung verbittet sich den Einsatz der Bundeswehr außerhalb des friedlichen Nordens. US-Verteidigungsminister Robert Gates sagt immerhin, er untersuche "dringlichst" die Entsendung von mehr Truppen. Dafür müsste er Soldaten aus dem Irak abziehen. Auch US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat diese Linie zuletzt unterstützt.

John Craddock macht so lange das, was ihm für den Moment übrig bleibt. Er verbreitet Optimismus: "Die Lage ist nicht düster", sagt er.

FTD

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