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Afrika: Hilfe, die etwas bewirkt

Weshalb Milchpulver aus Europa Afrika schadet, und wie kluge Entwicklungshilfe den Menschen neue Perspektiven bietet.

Von der Kaffeemilchdose schauten mich schwarzweiße Kühe an. In einer Herberge mitten in der Sahelzone, dem Hungergürtel Afrikas, im Norden von Burkina Faso. Milch in einer Dose mit Alpenpanorama, und diese EU-Milch ist billiger als die lokale Marke. Weil die Europäische Union jede Kuh mit 800 Euro pro Jahr subventioniert. Das sind täglich 2,20 Euro - mehr als doppelt so viel, wie die meisten Afrikaner am Tag verdienen. Die EU unterstützt ihre Bauern auch beim Export finanziell. Deswegen können europäische Bauern zum Beispiel Westafrika mit über 21 000 Tonnen Milchpulver zu Dumpingpreisen überschwemmen, weit unter den Produktionskosten der einheimischen Bauern. Sie zerstören deren Markt.

Die Rede vom freien Markt

Neben der subventionierten europäischen Milch fluten subventionierte amerikanische Baumwolle, japanischer Reis und europäischer Zucker die afrikanischen Märkte. Es ist viel die Rede von freiem Handel in unserer Zeit, von Globalisierung und offenen Märkten. Wollen aber die ärmsten Länder Ware nach Westeuropa verkaufen, werden in einigen Fällen viermal so hohe Zölle fällig wie bei Gütern aus Industrienationen, vor allem für weiterverarbeitete Produkte. Warum? Weil damit sichergestellt wird, dass diese Länder reine Rohstofflieferanten bleiben. Auf Kakaopulver werden nur vier Prozent Zoll erhoben, auf Schokolade aber 22,8 Prozent. Schokolade aus Ghana wäre ja eine Konkurrenz für die europäische Süßwarenindustrie. Das will die EU nicht.

Der Kakao-Preis ist in diesem Jahr auf ein 27-Jahres-Tief gefallen. Ein Kakao-Bauer in Ghana bekommt gerade einmal 1,2 Prozent von dem Betrag, den wir hier im Laden zahlen, wenn wir eine Tafel Schokolade kaufen. Die Kaffeepreise sind noch tiefer im Keller: Ein Bauer in Äthiopien erwirtschaftet mit dem Verkauf seiner Ernte nur 60 Prozent dessen, was ihm eigentlich für Pflanzen, seine eingesetzte Arbeitskraft, Landnutzung, Bewässerung, Transport und so weiter zustände. Diese Bauern müssten im Grunde alle Pleite gehen. Sie überleben nur, weil sie sich selber ausbeuten, ihre Frauen, ihre Kinder, jeden Tag. Denn ohne die paar Pfennige, die sie von den Ausgaben der westlichen Kaffeekonsumenten abbekommen, hätten sie gar nichts mehr zum Leben. So haben sie wenigstens genug, um nicht zu sterben.

Der Schuldendienst

311 Milliarden Dollar zahlen die reichen Länder dieser Erde jedes Jahr, um ihre Landwirtschaft in Gang zu halten. 100 Milliarden Dollar verlieren die ärmsten Länder jedes Jahr, weil die Märkte für sie bei weitem nicht so frei sind, wie immer gesagt wird. Dabei zahlen die Länder südlich der Sahara jeden Tag 40 Millionen Dollar Zins und Tilgung für ihre astronomischen Schulden, insgesamt 300 Milliarden Dollar. Für den Schuldendienst müssten einige Länder bis zu 225 Prozent ihrer Exporteinnahmen aufwenden. Völlig überschuldet, keine Chance auf Besserung.

Es gibt Staaten, die pro Kopf ihrer Einwohner und pro Jahr 25 Dollar an ihre Gläubiger zahlen, an uns also - und nur zehn Dollar für die Gesundheitsvorsorge der eigenen Bevölkerung. Uganda ist eines der wenigen Länder, die zum Teil entschuldet worden sind. Mit Erfolg: Ein paar Investitionen in das staatliche Schulsystem, und plötzlich gehen doppelt so viele Kinder zur Schule. In Mosambik wurden nach einem Schuldenerlass mit dem frei gewordenen Geld 500 000 Kinder geimpft - Investitionen in die Zukunft.

"Unser Hurensohn"

Der Internationale Währungsfonds klagt, nicht alle Staaten seien so vorbildlich. Aber die Frage darf erlaubt sein: Woher kommen denn die korrupten Regime? Woher kam ein Mobutu Sese Seko, der den Kongo - nach seinem Willen bis 1997 Zaire genannt - 32 Jahre lang unterjochte? "Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn", soll Henry Kissinger bemerkt haben, das sagt alles über westliche Machtpolitik und einen Diktator, der mit Rückendeckung der westlichen Mächte sein Land verkommen und sein Bankkonto wachsen ließ.

In Angola ließ der Schlächter Jonas Savimbi rauben, morden, vergewaltigen. Franz Josef Strauß lud diesen "Freiheitskämpfer" gerne nach München ein - Savimbi ist verantwortlich für eine halbe Million Tote und vier Millionen Flüchtlinge.

Bleibt zu erwähnen, dass diese Staaten, in denen jetzt der Terror tobt, Gebilde der Europäer sind. Wir waren es, die Franzosen, Briten, Portugiesen, Deutsche und Belgier, die zusammenfügten, was nie zusammengehörte - in Nigeria zum Beispiel drei Großvölker unterschiedlichen Glaubens und 430 kleine Ethnien. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1960 kämpfen Christen und Muslime um die Vorherrschaft. Ergebnis: Tausende Tote. Dasselbe gilt für den Kongo, 80-mal so groß wie das ehemalige Kolonialreich Belgien, das nach Jahrzehnten der Ausbeutung außer einer gewaltbereiten Armee keinerlei funktionierende staatliche Institutionen hinterließ.

Die Wilkür der Herrscher

Die Portugiesen bildeten in ihrer afrikanischen Kolonie Mosambik nicht einen einzigen Arzt aus; die Lage in Teilen von Angola war so schlecht, dass die Menschen eine Lebenserwartung von weniger als 30 Jahren hatten. Im Kongo starben zehn Millionen unter der Willkür der belgischen Herrscher. Der Offizier Léon Rom tat sich besonders hervor, er ließ die Köpfe von Rebellen in seinem Garten aufpflanzen.

Abgeschlagene Köpfe - da ist es, das Bild vom gewalttätigen Afrika. Als seien die Massaker und Morde dort einen Grad grausamer, unmenschlicher, wilder. Dabei ist ganz Europa voller Massengräber. Gibt es einen Unterschied zwischen denen in Ruanda und denen in Bosnien-Herzegowina? Es war ein britischer Wissenschaftler, der am Mitte des 19. Jahrhunderts den angeblichen Unterschied zwischen den "hoch gewachsenen" Tutsi und "gedrungenen" Hutu in Ruanda auszumachen glaubte.

Es waren die belgischen Kolonialherren, die beide Gruppen gegeneinander ausspielten. Erst benutzten sie die Tutsi für administrative Aufgaben, bildeten sie aus und stellten sie gegen die Masse der ungebildeten Hutus. Als die Tutsi dann nach Unabhängigkeit ihres Landes verlangten, setzten die Belgier ein Hutu-Regime an die Spitze, um die aufsässigen Tutsi in Schach zu halten. 1994 entlud sich der jahrzehntelang gestaute Hass in einem Massaker. Die Belgier zogen rasch ihre Soldaten ab und evakuierten ihre Landsleute. 800 000 Einwohner Ruandas starben, die Weltgemeinschaft griff nicht ein.

Wir schauen lieber weg

Auch heute schauen wir lieber weg, wenn es um die 30 Millionen Aids-Infizierten geht; 6300 sterben jeden Tag. Oder um die eine Million Malaria-Toten jedes Jahr. Das sind fast 3000 Tag für Tag. Millionen afrikanische Menschen sterben an Krankheiten, deren Heilung bisher kaum je erforscht wurde.

90 Prozent der Gelder, die für medizinische Forschung weltweit ausgegeben werden, dienen der Lösung von Problemen, die nur zehn Prozent der Weltbevölkerung betreffen - uns und unsere westlichen Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Haarausfall, Potenzprobleme.

In den neunziger Jahren entwickelte die Pharmaindustrie 1395 Medikamente. Nur 13 davon helfen gegen Tropenkrankheiten. Afrika erhält heute jährlich sechs Milliarden Dollar weniger an Entwicklungshilfe als 1990. Kein Wort mehr über die 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes, die jedes Industrieland einst an die Dritte Welt weitergeben wollte. Deutschlands Entwicklungshilfe-Etat beträgt gerade einmal 0,27 Prozent - und das Schlimme ist, dass wir damit noch nicht einmal schlecht dastehen im Vergleich zu den anderen westlichen Mächten.

Jede Kuh bekommt 800 Euro

Jede Kuh in Europa bekommt 800 Euro Subventionen im Jahr, Sie erinnern sich. Jeder Mensch, der südlich der Sahara lebt, bekommt von uns knapp sieben Euro im Jahr. Ein Moskitonetz, das in 60 Prozent der Fälle verhindern könnte, dass sich jemand in wilden Fieberschüben quälen muss, kostet fünf Dollar. Für die meisten Afrikaner sind das fünf Tagesverdienste. Moskitonetze bleiben für die Menschen in Afrika unerschwinglich. Wie Schulhefte, Antibiotika, Polio-Impfungen, ausreichend Trinkwasser oder zwei Mahlzeiten täglich. Und deshalb lohnt sich jeder Euro, den Sie spenden.

Cornelia Fuchs / print